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02. August 2016

Catwalk

Beleibter Teenager vor dem Sprungturm
Meist getrauen sich beleibtere Jugendliche gar nicht auf den Sprungturm. (Bild: Getty Images)

Der Teenager nahm Anlauf, riss seine Arme in die Höhe und sprang vom 5-Meter-Turm. Nach dem kurzen freien Fall schlug er wie eine Bombe auf der Wasseroberfläche auf. Fontäne und Erdbeben inklusive.
Als der junge Mann wieder an die Oberfläche kam, brandete spontan Applaus auf. Und zwar von der guten Sorte. Niemand buhte oder johlte. Der Teenager guckte ungläubig. Er hatte offensichtlich mit allem gerechnet, aber nicht damit.
Ich gönnte es ihm von Herzen. Sie ahnen es: Da war nicht irgendein Normalo gesprungen. Nein, der Held der Badi wog locker 250 Kilogramm.

Meine Fünfjährige stand neben mir am Beckenrand. Sie hatte alles beobachtet, und nun konnte ich förmlich sehen, wie sich die Zahnrädchen in ihrem Kopf drehten. Als sie fertig nachgedacht hatte, brachte sie die Sache auf den Punkt: «Gell, Mami, das war total mutig von dem Mann, von da oben zu springen, weil er so dick ist.» Ich nickte. Und dann spielten wir spontan ein kleines Spiel. Ich nenne es das «Guck mal, wie viele verschiedene Menschen es gibt»-Spielchen. Welcher Ort wäre dafür besser geeignet als die Badi? Ein Natur-Catwalk. Und die Sonne leuchtet auch noch alles perfekt aus.

Eva war fasziniert. Wir «entdeckten» sehr grosse und sehr kleine Leute. Eine Frau, die gerade angekommen war, war so durchtrainiert, dass sich auf ihrem Bauch die Venen abzeichneten. Auf dem Nachbarbadetuch brutzelte eine Seniorin, deren Haut schon jetzt wie gegerbtes Leder aussah. Wir sahen das Kind mit der langen OP-Narbe auf dem Brustkorb, den Mann mit den flächendeckenden Tätowierungen auf den Unterarmen, Schwangere, mit asiatischem Teint, mit afrikanischem Teint, eineiige Zwillinge, lange Beine und kurze (sowohl X- als auch O-Varianten), Bierbäuche, 90-60-90, Körbchengrössen A–G, einen (ich schwöre!) Silikonbusen, Sommersprossen.

Irgendwann landete der Blick meiner Tochter auf meinem Körper, auf den Dellen an den Schenkeln, auf dem Mutterbauch. Ich hielt die Luft an.
Doch es kam anders. Eva schlang ihre dünnen Ärmchen um mich: «Du bist das kuschligste Mami auf der ganzen Welt. »

Autor: Bettina Leinenbach