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22. Februar 2016

Städte wagen den Cannabis-Test

Basel, Bern, Genf und Zürich wollen den Kauf von Cannabis kontrolliert und selektiv freigeben. Drogenexperte Sandro Cattacin über Chancen und Risiken dieses Experiments.

Sandro Cattacin
Sandro Cattacin: «Der Gesetzgeber sollte ein Regulierungsmodell entwickeln, das auf den Problemkonsum ausgerichtet ist.» (Bild zVg)

Sandro Cattacin, in vier Städten sollen insgesamt 2000 Personen Cannabis legal konsumieren dürfen. Wann ist es so weit?

Frühestens im nächsten Jahr. Die Städte werden vermutlich noch in diesem Jahr ein Gesuch beim Bundesamt für Gesundheit stellen. Darin fordern sie, während drei bis vier Jahren eine neue Regulierung zu testen. Die Genfer Regierung wird darüber allerdings erst diesen Frühling entscheiden.

Was genau ist geplant?

Es soll getestet werden, was passiert, wenn Menschen legal Zugang zu Cannabis haben. Bisher haben wir viel Erfahrung mit der Prohibition von Cannabis. Wir wissen, dass diese viel sicherheitspolitischen Leerlauf und hohe Kosten produziert. Mit diesem Vorstoss wollen die Städte nun quasi ein Experiment wagen: Es soll möglich sein, kontrolliert und straffrei Cannabis zu konsumieren. So könnten wir den Schwarzmarkt austrocknen, der in der Schweiz eine halbe Milliarde Franken pro Jahr umsetzt

Gibt es dabei Vorbilder?

Nein. Holland mit den legalen Cannabisshops ist ein irreführendes Modell, denn der Handel ausserhalb der Läden und die Produktion bleiben verboten. In Barcelona gibt es zwar Cannabisclubs, zu denen nur Mitglieder Zutritt haben. Diese Lokale haben allerdings durch ihre Attraktivität den Konsum angeregt und infolgedessen mehr Lärm in der Nachbarschaft verursacht. Auch Colorado in den USA zeigt mit der totalen Liberalisierung von Cannabis, wie man es besser nicht macht, da diese Massnahme zu einem erhöhten Konsum geführt hat. Immerhin: Es kam nur zu einer Verlagerung von Alkohol zu Cannabis, was wiederum zu einem starken Rückgang an Gewalttaten und Verkehrsunfällen führte.

Das klingt vielversprechend.

Aber auch diesen Weg sollte die Schweiz nicht gehen. Wir möchten den Menschen einen regulierten Zugang zu Cannabis ermöglichen. Wie bei einem guten Glas Wein sollten sie lernen, qualitativ guten Hanf auszuwählen. Und sie sollten wissen, unter welchen Bedingungen der Konsum schädlich ist. Menschen, die psychische oder andere Probleme haben, sollten keinen Zugang erhalten, hier unterscheidet sich die geplante Regulierung vom Umgang mit Alkohol.

Wer soll denn Zugang erhalten?

Vieles ist offen. Ich könnte mir vorstellen, dass sich Interessierte anmelden und im Losverfahren ausgewählt werden. Es sind noch viele Details zu klären. Zum Beispiel: Muss, wer am Cannabisprojekt teilnimmt, den Führerschein abgeben?

Wer bezahlt den Versuch?

Die Konsumenten selbst. Auf dem Schwarzmarkt kostet Cannabis etwa 10 Franken pro Gramm. Das ist vermutlich auch der Preis beim regulierten Zugang. Die begleitende wissenschaftliche Studie sollte jedoch von der öffentlichen Hand finanziert werden.

Sie sind Co-Autor der kürzlich publizierten Studie «Sind Drogen gefährlich?», Ihre Antwort?

Das hängt davon ab, von wem, in welcher Kombination und unter welchen Umständen sie konsumiert werden. Nicht der Einzelkonsum, sondern der Polykonsum ist normal. In der Schweiz trinken und rauchen viele und nehmen dazu Medikamente ein. Unsere Gesetzgebung ist auf den Konsum einzelner Substanzen ausgerichtet, die Realität ist jedoch viel komplexer.

Schon Paracelsus hat gesagt, es komme auf die Menge an.

Genau deshalb kann man die Frage nach der Gefährlichkeit nicht so einfach beantworten. Ein Glas Wein pro Tag ist in Ordnung. Und eine einzelne Zigarette stimuliert die Neuronen im Kopf. Tatsache ist, dass Drogenkonsum guttun kann. Schädlich wird es erst, wenn Menschen mit Problemen Drogen konsumieren oder die Drogen selbst zum Problem werden. Der Gesetzgeber sollte daher ein Regulierungsmodell entwickeln, das auf den Problemkonsum ausgerichtet ist. Dann könnte man dort mit therapeutischen und präventiven Massnahmen gegensteuern. In diesem Bereich geschieht momentan noch nichts. Man jagt Leute, die keine Probleme haben, statt problematische Abhängigkeiten zu verhindern.


Sandro Cattacin (52) ist Soziologieprofessor in Genf und designiertes Mitglied der neuen Eidgenössischen Kommission für Suchtfragen. Er ist Co-Autor der Studie «Sind Drogen gefährlich?».

Autor: Reto E. Wild