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09. März 2015

Casting im Hauptbahnhof

Das Nachwuchstalent Benjamin Lutzke setzte sich im Kampf um die Hauptrolle im Film «Chrieg» gegen gleich 1000 Bewerber durch. Das sagt der nüchterne Beobachter zu seinem unkonventionellen Karrierestart und seinen Zielen.

Benjamin Lutzke
Schauspieler Benjamin Lutzke am Zürcher Hauptbahnhof, wo er von Regisseur Simon Jaquemet entdeckt wurde, ...

Wenn er nicht Bescheid weiss, sagt er lieber nichts. Benjamin Lutzke (18) ist das Gegenteil eines Schwätzers: ein grübelnder Jugendlicher, der gern beobachtet. Grüner Kapuzenpulli, bordeauxrote Hose, Wollmütze, Zigarette im Mundwinkel. Hinter seiner Stirn scheint es pausenlos zu rattern, vor jedem Satz denkt er lange nach.
Im März 2013 wurde Benjamin Lutzke von Regisseur Simon Jaquemet angesprochen, als er gerade im Zürcher Hauptbahnhof auf seine Freunde wartete. Sein erster Gedanke war: Was ist das denn für ein «komischer Siech»? Der komische Siech stellte sich als sein Entdecker heraus: Sechsmal ging Lutzke zum Casting, dann kam die Zusage. Er hatte sich gegen 1000 andere Jugendliche durchgesetzt. «Das war mega geil. Ich habe mich voll gefreut.» Im Film «Chrieg» spielte er den schwer erziehbaren Jugendlichen Matteo, der in ein Time-out auf eine Alp geschickt wird.

Zwei Jahre nach der Szene am Hauptbahnhof ist «Chrieg» in fünf Kategorien für den Schweizer Filmpreis nominiert und wurde am Marrakesch-Filmfestival mit dem Jury-Award ausgezeichnet. Laiendarsteller Benjamin Lutzke ist der Liebling der Kritiker: Er ist als bester Hauptdarsteller für den Schweizer Filmpreis nominiert und erhielt bereits den «Best Actor Award» in Marrakesch.
«Benjamin, wie wäre das für dich, den Schweizer Filmpreis zu gewinnen?»
«Gut.»
«Was würdest du auf der Bühne sagen?»
«Weiss ich nicht. Aber ich würde sicher Simon Jaquemet danken. Meine Performance ist ja nicht nur auf meinem Mist gewachsen. Er hat mich in die Rolle hineingebracht.»

Der nachdenkliche Shooting Star
Der nachdenkliche Shooting Star beobachtet sich im Alltag ständig selber.

Der Rummel um seine Person beeindruckt Benjamin Lutzke nicht sonderlich. «Hauptsache, ich kann meine Ideen umsetzen.» Durch den Filmdreh ist ihm bewusst geworden: Das Schauspielern ist sein Ding. Seit «Chrieg» drehe sich bei ihm alles nur um das Thema. «Ich beobachte mich ständig selber. Das filmische Denken hat sich in meinem Unterbewusstsein festgesetzt.» Und das, obwohl er zuvor damit gar nichts am Hut hatte. Als Kind wollte er zwar mal Schauspieler werden, «wie man das damals halt so werden will».
«Was fasziniert dich am Schauspielern?»
«Ähm ... In eine andere Rolle zu schlüpfen und doch nicht. Eigentlich ist man echter, wenn man in einer Rolle ist, als wenn man sich selbst ist.»
«Wie meinst du das?»
«Wenn man sich voll in etwas reinfühlt, kann man die Gefühle irgendwann selbst nachvollziehen.»
«Du bist also besonders empathisch?»
«Genau.»

Irgendwann während des Interviews hält der nachdenkliche Jugendliche inne und sagt zur Journalistin: «Du stellst echt persönliche Fragen. Aber das ist gut.» Seine Wunschrolle will Lutzke lieber nicht verraten, das ist zu privat. Nur eines: Er bewundert Leonardo di Caprios Wandelbarkeit und Regisseur Michael Hanekes Filme. «Ein guter Film erzeugt ein Gefühl beim Zuschauer, das auch nach dem Film nachhallt. Zum Beispiel Hanekes ‹Amour›.» Auch beim Screening von «Chrieg» sei er selbst immer wieder berührt gewesen. Die Dreharbeiten dauerten sieben Wochen, gefilmt wurde auf einer Alp bei Einsiedeln und im Südtirol. Der Dreh war für den Laiendarsteller zwar spannend, aber nicht immer einfach. «Es gab wirklich harte Szenen. Ich habe mich so in die Rolle reingefühlt, dass es mich auch selbst psychisch belastet hat.» Der extremste Dreh für ihn war, als er wie ein Hund am Hals festgekettet am Boden kauern musste. «Das war echt scheisse.» Matteo sei hauptsächlich aggressiv und frustriert, beschreibt Lutzke seine Filmfigur. Um sich in diese Emotionen hineinzufühlen, konnte er auch auf eigene Erfahrungen zurückgreifen: «In meiner Jugend war ich oft hässig auf das Leben und auf die Gesellschaft.» Gemeinsamkeiten mit Matteo sieht der Zürcher wenige. Matteo sei total introvertiert, lasse alles einfach über sich ergehen. Benjamin Lutzke würde sich viel früher wehren.

«Wie war das, zum ersten Mal zu schauspielern?»
«Cool. Ich habs einfach mal gemacht.»
«Was muss für dich ein guter Schauspieler mitbringen?»
«Das weiss ich nicht.»
«Was bringst du mit?»
«Kommt halt drauf an, was man will.»
«Hast du ein Ziel im Leben?»
«Ja, sicher. Filme machen. Das möchte ich mittlerweile mega gern. Ich will auch selber schreiben. Ich muss nicht unbedingt erfolgreich sein. Erfolg ist für mich, einfach das zu machen, was ich machen will.»

Nicht 'nur' Schauspielerfahrung: Benjamin Lutzke begann die Ausbildung zum Lüftungsplaner und absolvierte ein anderthalbjähriges Pflegepraktikum.

Benjamin Lutzke ist als Sohn zweier Deutscher in Zürich aufgewachsen. «Ich hatte ein ganz normales Elternhaus, ich wurde nicht geschlagen oder so.» Nach der Sekundarschule fing er eine Lehre als Lüftungsplaner an, die er abbrach. «Dafür war ich nicht technisch genug.» Nach dem Filmdreh entschied er sich für ein einjähriges Pflegepraktikum. Im August beginnt er eine Lehre als Pflegefachmann. Weitere Filmprojekte sollen dabei trotzdem nicht auf der Strecke bleiben. Im nächsten halben Jahr will er sich vor allem auf das Drehbuchschreiben konzentrieren. «Um mich voll in das Schreiben hineinzufühlen, muss ich in einer reizarmen Umgebung sein.» Dafür muss er also erst mal weg von allem.
«Hast du schon konkrete Ideen?»
«Ja, aber die erzähle ich nicht.»
«Vor oder hinter der Kamera?»
«Beides. Nur auf der Bühne zu stehen, das passt nicht zu mir.»
«Warum nicht?»
«Keine Ahnung. Ist einfach ein Gefühl.»
«Vielleicht die vielen Leute?»
«Ja, vielleicht.»
«Willst du versuchen, im Ausland Fuss zu fassen?»
«Weiss nicht. Das überlege ich mir noch.»
«Wie ist es für dich, auf der Strasse erkannt zu werden?»
«Schwierige Frage. Na, wie das halt so ist. Manchmal ist es doof, manchmal interessant.»

Eine Schauspielschule will Lutzke vorerst nicht besuchen. Zu gross sind seine Bedenken, dass die Schule ihn zu stark formt. Er will lieber sein Ding machen. Einen Plan hat er nicht. Aber viele Ideen.
«Das war ein spannendes Interview. Trotz der persönlichen Fragen. Ich mag es anspruchsvoll», sagt er zum Abschied und verschwindet in Richtung Langstrasse.

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Gian Marco Castelberg