Archiv
10. Oktober 2011

«Mit den Jokertagen haben wir Freiräume geschaffen».

Auf ein Wort mit Martin Wendelspiess (60), Leiter des Volksschulamts des Kantons Zürich.

Schulzimmer (Bild: Keystone/Tom Chance).
«Die Behörden müssen darauf achten, dass Eltern ihre Erziehungspflichten verantwortungsvoll wahrnehmen.» (Bild: Keystone/Tom Chance)
Martin Wendelspiess
Martin Wendelspiess (60) ist Leiter des Volksschulamts des Kantons Zürich.

Martin Wendelspiess, die Eltern einer Primarschülerin aus Waltalingen ZH müssen 4000 Franken Busse bezahlen. Grund: Die Mutter nahm ihre Tochter einen Tag vor den Ferien aus der Schule, um nach Ägypten zu fliegen. Ist die Busse des Statthalteramtes Andelfingen nicht überrissen?

Es ist schwierig, ohne Detailkenntnisse festzustellen, ob das gerechtfertigt ist oder nicht. Bei der Höhe der Busse muss man das Verschulden und die finanziellen Verhältnisse der Eltern berücksichtigen. Die oberste Limite beträgt 5000 Franken pro Elternteil. So gesehen bewegt sich der Betrag unter der Hälfte dessen, was maximal möglich ist.

Die alleinerziehende Mutter droht, statt zu zahlen gehe sie lieber ins Gefängnis.

Das Volksschulamt kann da nicht intervenieren. Die lokalen Behörden müssen darauf achten, dass Eltern ihre Erziehungspflichten korrekt und verantwortungsvoll wahrnehmen.Die Mutter muss selbst entscheiden, ob sich das mit dem Gang ins Gefängnis vereinbaren lässt.

Haben Sie ein gewisses Verständnis für die Mutter? Sie wollte ja vor allem beim Ferienbuchen Geld sparen.

Vor fünf Jahren führten wir zwei Jokertage pro Jahr ein.Mit diesem Instrument schufen wir den Eltern einen Freiraum. Offenbar hat diese Mutter diese Tage bereits ausgeschöpft. Deshalb verstehe ich die Schulpflege, wenn sie keine weiteren Ausnahmen toleriert.

Sind Bussen das richtige Instrument?

In gewissen Fällen schon, damit die Regeln durchgesetzt werden können. Wenn es generell um das Fernbleiben der Kinder vom Unterricht geht, also nicht um einzelne Versäumnisse, müssen aber das Jugendsekretariat oder die Vormundschaftsbehörde zum Einsatz kommen.

Die Behörden müssen darauf achten, dass Eltern ihre Erziehungspflichten verantwortungsvoll wahrnehmen.

Haben Fälle wie dieser zugenommen?

Die Zunahme dürfte auf tiefem Niveau liegen. Die allermeisten Eltern halten sich an die Vorschriften. Sie schöpfen die Jokertage nicht mal aus. Wir dürfen nicht Rückschlüsse auf alle ziehen.

Von wie vielen Fällen pro Jahr sprechen Sie?

Wir haben an den Zürcher Volksschulen 120 000 Kinder. Ich persönlich schätze, dass wir jährlich nur 20 bis 30 Bussen aussprechen müssen. Statistisches Material dazu gibt es nicht.

Ist in nächster Zeit mit einer Änderung der Regelungen zu rechnen?

Nein, es ist auch keine politische Forderung pendent.Am Montag letzter Woche wollten SVP-, EVP- und EDU-Politiker des Zürcher Kantonsrats, dass muslimische und andere Kinder Jokertage für religiöse Feiertage einlösen müssen. Der Rat lehnte diese Forderung ab, weil religiöse Feiertage wie das Ende des Fastenmonats Ramadan genügend Dispensationsgrund seien.

Jeder Kanton regelt die Schulabsenzen anders. Besteht Aussicht auf eine nationale Regelung?

Eine Vereinheitlichung ist illusorisch. Fragen wie jene der Elternmitsprache, Schulleitung oder den Dispensationsbestimmungen gehören in den Verantwortungsbereich der kantonalen Schulämter, denn fairerweise muss ich sagen,dass Kleinkantone wie die beiden Appenzell oder die Innerschweizer ganz andere Verhältnisse haben als etwa der Kanton Zürich. Viel wichtiger ist, dass sich die kantonalen Bildungsdirektionen auf die wichtigsten Punkte einigen, also gleiche Schulsysteme, Unterrichtsfächer, Lernziele und dieselbe Definition von Bildungsstandards. Wenn wir das erreichen, sind wir glücklich. Ein einheitlicher Lehrplan für alle Kantone sollte 2015 eingeführt werden.

Autor: Reto Wild