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22. April 2013

Busenfreundinnen

Erinnern Sie sich an meine Stillkolumne ? Die ging in etwa so: «Am Anfang machten wir es nur daheim, dann taten wir es draussen. Dauernd sass ich an einem öffentlichen Ort und gab meinem Baby die Brust …»

Die Resonanz auf den Text war riesig. Es meldeten sich etliche Leser, Bekannte, Freunde, um mir beizupflichten. Das hat mich sehr gefreut. Und zwar nicht nur aus journalistischer, sondern auch aus mütterlicher Sicht. Ich frage mich nun, ob Sie noch mehr aushalten. Ja? Dann Augen zu und durch: Meine Zweieinhalbjährige bekommt noch Muttermilch.

Ich würde Ihnen am liebsten sagen, dass mir das Ganze total peinlich ist, dass es mir einfach noch nicht gelungen ist, Eva diese schlechte Angewohnheit auszutreiben. Das wäre aber unehrlich. (Obwohl ich das Gefühl habe, dass die Leute genau das hören wollen.) Die Wahrheit ist: Ich stille, weil mein Kind das noch braucht. Es geht schon lange nicht mehr um die paar Tropfen Milch, die noch fliessen. Es geht um Nähe, um Geborgenheit, um Vertrauen.
Abends, nachdem alle Spiele gespielt und alle Erlebnisse erlebt worden sind, kuschelt sich Eva an mich. Sie zerrt nicht an meinem Shirt, sie packt auch nicht in Eigenregie meine Brust aus. Nein, unser Stillen ist etwas sehr Respektvolles, Intimes. Wir sind Busenfreundinnen und brauchen in dem Moment keine Worte. Übrigens: Würde ich Nein sagen, wäre das für die Kleine auch okay. Ich sage aber nicht Nein. Warum auch? Das natürliche Abstillalter des Menschen liegt zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr. Wir reden von dem Zeitpunkt, an dem die meisten Kinder von sich aus das Interesse an der Brust verlieren.

Dass viele Mütter schon vorher die Waffen strecken, ist okay. Es muss schliesslich für beide stimmen. (Ida wollte während meiner zweiten Schwangerschaft nichts mehr davon wissen. Auch in Ordnung.) Mich nervt aber, dass um die fünf Trinkminuten, die von Evas und meiner Stillbeziehung übrig geblieben sind, so ein Trara gemacht wird. Liebe Stirnrunzler, Igitt-Ausrufer, Besserwisser, womit genau habt ihr ein Problem? Langzeitstillen hat nichts mit Kannibalismus zu tun. Es gibt auch keine sexuelle Komponente, wie besonders dümmliche Kritiker ins Feld führen. Die Sache ist ganz simpel: Eva ist ein Kleinkind. Und Kleinkinder trinken halt noch gelegentlich an der Brust, wenn sie die Möglichkeit dazu haben.

Ich warte nun geduldig auf den Moment, an dem meine Jüngste mir abends nur noch ein Küsschen zuhaucht und ohne Gute-Nacht-Schlückchen ins Bett verschwindet. Der Zeitpunkt wird kommen. Spätestens, wenn sie ihren ersten Freund hat. Da bin ich mir sicher. Fast.

Autor: Bettina Leinenbach