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03. März 2014

Bundesrätin Ida

Gesittete Runde im Kindergarten
Gesittete Runde im Kindergarten: Sind auch die frühreifsten Kleinen bereit fürs Ruhigsitzen?

Meine Grosse hat es faustdick hinter den Ohren. Ein echtes Naturtalent. Rechnen, Schreiben, Lesen – alles (fast) kein Problem. Keine Angst, ich texte Sie jetzt nicht mit allem zu, was mein ach so begabtes Kind schon kann. (Obwohl ich schon überlegt habe, dass «Bundesrätin Ida» gut klingen würde.)
Tatsache ist, dass wir immer wieder gefragt werden, warum wir Ida nicht früher in den Chindsgi geschickt haben. Sie müssen wissen, dass sie Anfang Juli geboren ist. Ein Antrag wäre vermutlich durchgekommen. Zumal sie gross gewachsen ist und schon mit vier Jahren wie eine Sechsjährige geplappert hat.

«Nein», antworte ich dann immer. «Wir haben keine Sekunde mit dem Gedanken gespielt.» (Obwohl wir viel Geld hätten sparen können: Ein Jahr Kinderkrippe, drei Tage pro Woche, macht 14’000 Franken.) Die Sache ist nämlich die: Wenn Ida gerade nicht bis 100 zählt oder alle Planeten benennt, ist sie vor allem eines: ein kleines Kind. Meine Tochter träumt sich durch den Tag, trödelt hier und guckt da. Wenn eine Ameise niest, sagt Ida «Gesundheit!» und reicht dem Insekt ein Taschentuch. Es ist noch gar nicht lange her, da brach sie in Tränen aus, weil ein gleichaltriges Mädchen «Du häsch dänn es gruusigs Velo» gesagt hatte. «Wieso ist das Kind so böse zu mir?» Ich konnte Ida die Frage nicht beantworten.

Reife ist ein sehr vielschichtiger Begriff. Damit sind nicht nur die kognitiven Fähigkeiten gemeint. Wenn ein Kind seine Schullaufbahn beginnt (und nichts anderes ist der Chindsgi-Start), dann sollte es gefestigt sein. Es sollte eine Niederlage wegstecken können, und es sollte gelernt haben, dass es nicht immer gerecht auf der Welt zugeht.

Meine Grosse ist nun seit August im Chindsgi. Sie gehört zu den ältesten ihres Jahrgangs und hält problemlos mit. Und dennoch: Wir sind uns sicher, dass sie keinen Tag zu spät in den Kindergarten gekommen ist. Manchmal, wenn dort besonders viel läuft, braucht Ida nach dem Zmittag eine Auszeit, um die vielen Informationen zu verarbeiten, die auf sie eingeprasselt sind. Dann verkrümmelt sie sich ins Kinderzimmer, schliesst die Tür, malt, bastelt, leimt, hört CDs und träumt vor sich hin. Ob sie schon vor einem Jahr gewusst hätte, dass es gut ist, auf seine innere Stimme zu hören?

Autor: Bettina Leinenbach