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26. August 2013

Elfmeter statt Penalty

Vor genau 50 Jahren fiel in der neugegründeten Bundesliga das erste Tor. Heute haben die deutschen Fussballklubs auch in der Schweiz viele begeisterte Anhänger. Viele von ihnen reisen jedes Wochenende Hunderte von Kilometern weit, um ihre Lieblinge live spielen zu sehen.

Mehr zum Thema: Noch bevor viele Schweizer Fussballer in die Bundesliga wechselten, erteilten deutsche Fussballer Nachhilfe im Alpenland. Zum Überblick

Es ist der 24. August 1963. Bereits nach 58 Sekunden Spielzeit überquert der lederne Fussball die Torlinie, Zuschauer jubeln. Timo Konietzka erzielt für seinen Verein Borussia Dortmund das 1:0 gegen Werder Bremen und wird dadurch zum ersten Torschützen der frisch gegründeten Bundesliga. Heute, exakt 50 Jahre später, ist ihre Popularität so gross wie nie. In der kürzlich gestarteten Saison spielen mehr Schweizer für deutsche Vereine als je zuvor. Unser Land stellt mit 17 Profis zum ersten Mal die grösste Ausländergruppe der Liga und damit zwei Spieler mehr als der langjährige Spitzenreiter Brasilien. Das war nicht immer so: Die heute aktiven Kicker machen etwa ein Drittel aller Schweizer aus, die je in Deutschland spielten. Alle aktuellen und ehemaligen Bundesliga-Fussballer und -Trainer mit dem roten Pass – von René Botteron über Stéphane Chapuisat bis hin zu Xherdan Shaqiri – stellen wir in den beiden Kästen auf der rechten Seite kurz vor. Aber die Profis sind nur ein Teil der Liga! Genauso gehören Schweizer Fans dazu, die jedes Wochenende Hunderte von Kilometern quer durch Deutschland reisen, um vor Ort im Stadion dabei zu sein und ihre Lieblingsmannschaft zu unterstützen.

Andi (48) und Biggi (53) Schröder in Fan-Montur von Borussia, mitten in einem Zimmer voller Borussia-Souvenirs.
Andi (48) und Biggi (53) Schröder verpassen kein Spiel von Borussia.

Immer auf der Autobahn

Name: VfL Borussia Fanclub Schweiz 93

Gründung: 1993

Mitgliederzahl: 40

Homepage: www.vfl-borussia.ch

Andi (48) und Biggi (53) Schröder aus Wattwil im Toggenburg fahren seit 1997 regelmässig 650 Kilometer nach Mönchengladbach und zurück, um ihre Borussia anzufeuern. Dazu kommen Besuche aller Auswärtsspiele in Deutschland und Europa. Die weiteste Reise führte sie bis in die Ukraine nach Kiew. Egal, wo ihr Lieblingsverein die Schuhe schnürt, das Ehepaar ist am Start. Das geht natürlich nicht einfach so: Beide haben das Arbeitspensum reduziert, um kein Spiel zu verpassen. «Einmal sah ich wegen der Arbeit ein wichtiges Spiel nicht. Das zerriss mich innerlich», erzählt Andi. Seitdem organisiert der Berufsschullehrer jeden Sommer Stellvertretungen für die kommenden zwölf Monate, um auch unter der Woche immer bei seinem Verein zu sein.

Woher kommt diese Leidenschaft? Es beginnt schon in der Primarschule, als Andi einen Prominenten zeichnen soll und sich für den damaligen Gladbacher Torhüter Wolfgang Kleff entscheidet. Die Lehrerin kennt den Spieler nicht und zerknüllt Andis Werk, der im zweiten Anlauf erneut sein Idol malt. «Ihr Sohn spinnt», sagt sie daraufhin zu seinen Eltern. Die finden das halb so schlimm. Im Gegenteil, sie nehmen ihren Sohn 1980 zum ersten Mal an ein Bundesliga-Spiel mit. Später fährt Andi alleine nach Mönchengladbach. Jeder Franken, der vom Lehrlingslohn übrig bleibt, fliesst in Zug- und später Autoreisen an die deutsch-holländische Grenze.

Das geht 15 Jahre lang so. Bis er 1995 am Pokalfinale in Berlin Biggi kennenlernt. Die beiden verstehen sich blendend und sehen sich fortan bei jedem Spiel. Zwei Saisons hält die Wochenendbeziehung, dann wollen sie mehr. Die Deutsche zieht in die Schweiz. Die Unsicherheit bleibt – deshalb kaufen sie sich eine Wohnung in Mönchengladbach, «damit Biggi irgendwohin kann, falls die Beziehung scheitert». Sie scheitert nicht. Heute nutzt das Ehepaar den Zweitwohnsitz gemeinsam und quartiert sich dort zu jedem Heimspiel ein.

Fehlt nur noch der Nachwuchs, um die nächste Fan-Generation grosszuziehen. «Das ist kein Thema mehr», sagen beide ernst. «Wir hätten für Kinder nie die nötige Zeit gehabt, weil ausser dem Verein bis vor vier Jahren ein eigenes Geschäft die Zeit raubte.» Bis zur Pensionierung wollen Andi und Biggi weiterhin jedes Wochenende Hunderte von Kilometern durch Deutschland fahren und im Stadion ihre grosse Schweizer Fahne mit dem Vereinslogo in der Mitte aufhängen. Und anschliessend nach Mönchengladbach ziehen, um noch näher bei ihrem Verein zu sein.

Niklaus Wilhelm mit einer Fane von FC Bayern München und einer Jeansjacke voller Abzeichen.
Wurde schon früh von seinem Vater, einem Fan des FC Bayern München, mit Wimpeln und Postern «bestochen»: Niklaus Wilhelm (50).

Jahreskarte auf Lebzeiten

Name: FC Bayern München Fanclub Zürich

Gründung: 1996

Mitgliederzahl: 300

Homepage: www.bayernfanclub.ch

Er ist ein Kind der Bundesliga, geboren im Gründungsjahr 1963. Niklaus Wilhelm (50) wuchs mit den Weltstars Beckenbauer, Breitner, Hoeness, Maier und Müller auf und wurde schon früh von seinem Vater, einem Fan des FC Bayern München, mit Wimpeln und Postern «bestochen». Der kleine Nick will den ersten Landesmeistercup-Sieg des Vereins am TV mitverfolgen, aber daraus wird nichts. Der damals Neunjährige muss unter grossem Protest vor Spielende ins Bett. Verpasst hat der Thurgauer trotzdem nichts: Nach dem Unentschieden folgt zwei Tage später im selben Stadion ein Wiederholungsspiel, das Bayern souverän gewinnt – der neugewonnene Fan klebt während der vollen 90 Minuten am Fernseher.

Zehn Jahre später sieht Niklaus das erste Bundesligaspiel im Stadion. Es folgen viele weitere Spiele, bis er Anfang der 90er-Jahre im Stadionmagazin vom Schweizer Fanclub «Helvetia 91» aus Luzern liest. Niklaus beschliesst, etwas Eigenes aufzubauen, und wird Gründungsmitglied der Bayern-Fanclubs Ostschweiz und Zürich.

Ein erster Höhepunkt ist der Gewinn des Meistertitels 1994, das der Fanclub mit einem Wochenende in München verbindet. «Gebucht hatten wir das Hotel Helvetia, aber lange waren wir nicht im Bett», sagt Niklaus lachend. Immer wieder bewirbt er sich zu dieser Zeit um eine Jahreskarte, die er 1996 erhält, heute noch besitzt und nie mehr abgeben will – «höchstens an meine Tochter».

Sheryl Lustenberger (16) im Fussball-Trikot am Töggeli-Automaten.
«Ich möchte einmal ein Champions-League-Spiel von Schalke in England besuchen.» – Sheryl Lustenberger (16).

Das «Revier» im Herzen

Name: 654 Kilometer FC Schalke 04

Gründung: 2005

Mitgliederzahl: 35

Homepage: www.s04.ch

Erst vierjährig war Sheryl Lustenberger (16),als ihr Vater sie zum ersten Mal ins Ruhrgebiet mitnahm. Die Atmosphäre und die Stimmung unter den über 60'000 Zuschauern im Stadion sind für das kleine Mädchen so beeindruckend, dass es seitdem unzählige Male ins «Revier», in den Ruhrpott, zurückgekehrt ist. In Erinnerung bleiben ihr aber weniger die Spiele selbst. Auch die Frage nach Sieg oder Niederlage spielt nur eine untergeordnete Rolle. «Mir geht es ums Zusammensein mit lieben Menschen, um gemeinsame Emotionen im Stadion und die Verbundenheit zur Region», erklärt die Solothurnerin ihre Leidenschaft. Sie setzt sich mit der Geschichte des Vereins auseinander und erzählt mit leuchtenden Augen von seiner Gründung im Gelsenkirchener Stadtteil Schalke. Wann immer möglich, besucht Sheryl mit ihrem Vater und Mitgliedern des Fanclubs «654 Kilometer FC Schalke 04» – die Zahl symbolisiert die Strecke vom Bahnhof Luzern nach Gelsenkirchen – Heim- und Auswärtsspiele ihres Vereins. Die Schweizer Fans werden vor Ort erkannt. «Die Menschen nehmen wahr, welchen Weg wir auf uns nehmen. Sie lieben uns», sagt Sheryl stolz. Nebst dem Fussball sind ihr der bevorstehende Maturaabschluss und das Klavierspielen wichtig. Der grösste Traum des Mädchens hat dann aber doch wieder mit dem rollenden Ball zu tun: «Ich möchte einmal ein Champions-League-Spiel von Schalke in England besuchen.»

Thomas Schaffner (36), Dominik Mathis (24) und Daniel Keller (29) im Fan-Outfit von Borussia Dortmund
Fanen für Borussia Dortmund: Thomas Schaffner (36), Dominik Mathis (24) und Daniel Keller (29) (von links).

Chappis Jünger

Name: Confoederatio Helvetica Borussia

Gründung: 2009

Mitgliederzahl: 150

Homepage: www.bvb1909.ch

Stéphane Chapuisat. Der Stürmerstar zieht Mitte der 90er-Jahre junge Schweizer Fussballfans in seinen Bann. Viele davon unterstützen ihn und «fanen» fortan für Borussia Dortmund, wo Chapuisat spielt. Nicht anders ergeht es Thomas Schaffner (36), Dominik Mathis (24) und Daniel Keller (29) (im Bild von links) aus St. Gallen. Allerdings genügt es ihnen nicht, die Spiele daheim am Fernseher zu verfolgen. Sie wollen im Stadion sein. Also schliesst sich die Gruppe dem überregionalen Schweizer Fanclub «Confoederatio Helvetica Borussia» an und versucht, so oft wie möglich im Stadion dabei zu sein. Bis zu 4000 Franken investieren die Jungs pro Saison in die Reisen, «obwohl der Spassfaktor durch die letzten Erfolge merklich abgenommen hat», sagt Dominik. Was zunächst komisch klingt, leuchtet ein: «Früher, als wir regelmässig Siebter wurden und uns noch richtig über einen 3:0-Heimsieg gegen Wolfsburg freuten, war es geiler.» Das werde heute als völlig selbstverständlich hingenommen. «Schade!»

Marco Fuchs (50), Bruno Tobler (43), Stefan Mullis (45) und Marco Vesti (41) im Fan-Outfit vom Hamburger SV.
Sind seit Ihrer Kindheit fussballbegeistert: Marco Fuchs (50), Bruno Tobler (43), Stefan Mullis (45) und Marco Vesti (41) (von links).

Hamburger Jungs

Name: Nur der HSV Schweiz

Gründung: 2008

Mitgliederzahl: 28

Homepage: www.nurderhsv.ch

Schon als kleine Knirpse Anfang der 80er-Jahre kickten Marco Fuchs (50), Bruno Tobler (43), Stefan Mullis (45) und Marco Vesti (41) (im Bild von links) zusammen für die D-Junioren in Sargans. Sie erhielten von ihren Eltern Trikots des Hamburger SV geschenkt, der in jenen Jahren die erfolgreichsten Momente seiner Geschichte feierte.

Erst als die immer noch befreundete Männerrunde im Erwachsenenalter ein Verwaltungsratsmitglied des Vereins kennenlernt, erwacht die alte Liebe wieder. Sie beschliessen, regelmässig nach Hamburg zu fliegen und ihren Verein vor Ort zu unterstützen. «Einmal pro Saison dürfen sogar unsere Frauen mitkommen», sagt Stefan Mullis lachend.
Die vier Männer schwelgen gerne in Erinnerungen und erzählen einander Anekdoten von glorreichen Siegen und schlimmen Niederlagen, die sie in ganz Deutschland und Europa erlebten.

Sport betreiben die Männer aber nicht nur passiv, sondern auch aktiv: «Ein Höhepunkt des Fanclubs war die Teilnahme am Staffelmarathon in Hamburg», erzählt Bruno Tobler.

Autor: Reto Vogt