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26. Mai 2014

Bumm!

Dina Burger, 16, Schweizer Meisterin im Federgewicht, will Profiboxerin werden.

Anfangs schloss ich immer die Augen, wenn ein Schlag kam
Dina Burger erinnert sich: «Am Anfang war ich ‹händscheschüch› und schloss immer die Augen, wenn ein Schlag kam ...

Junge Frauen und Männer stehen vor der Tür. Kein lautes Wort fällt. Man sieht den einen und anderen glatt rasierten Schädel. Einer trägt eine Kapuze wie ein Boxchampion beim Einzug in die Arena. Die Wartenden sind Boxerinnen und Boxer. Es ist Montagabend, sie treffen sich in der Turnhalle Grenchen zum Training.

Eine Gerade der Sportlerin
Eine Gerade der Sportlerin, die mit 1,70 m und 52 kg auch als klassische Ausdauerathletin gelten könnte.

Mit einer grossen Tasche kommt eine junge Frau die Treppe der Turnhalle Grenchen hoch. Sie wirkt ernst und still. Dina Burger, die 16-jährige Schweizer Meisterin im Federgewicht, ist schon aufs Training konzentriert. Wenig später in der Halle: Dina Burger legt los. Ihre Geraden prallen auf die gepolsterten Fäuste von Sparringpartner Dominik Bernhard, auf seine Brust und an seinen Kopf. Zwischendurch gibt er der Boxerin Tipps. Dina läuft der Schweiss in Bächen übers gerötete Gesicht. Eine kurze Pause. «Ein Kampf ist genial», erklärt Dina Burger ihre Faszination fürs Boxen. «Ich bin allein mit meiner Gegnerin auf einem Podestund vergesse alles um mich herum.» Und: «Boxen hat mich selbstbewusster gemacht.»

Starke Geraden

Trainer Stephan Bernhard (29) beobachtet sie beim Sparring. «Die Geraden sind Dinas bevorzugte Schlagvariante», sagt er. «Sie kann taktische Anweisungen sehr schnell umsetzen, auch während eines Kampfes.» Jetzt zum Beispiel soll die Boxerin einen Ausweichschritt machen, um die Schläge des Gegners wirkungslos verpuffen zu lassen. Es klappt noch nicht. Der Trainer zeigt Verständnis.

«Angriffsboxer – ich bin auch einer – haben den Drang, sich voll ins Getümmel zu stürzen.» Der Nachteil: Häufige Treffer des Gegners verkürzen die Karriere. Darum braucht es Meide-Techniken. Besonders eindrucksvoll wirkt der Esquive seitwärts: mit dem Kopf abtauchen und in einer Halbkreisbewegung seitwärts wieder auftauchen. Das ist der richtige Moment, um eine Gerade auf den verdutzten Gegner sausen zu lassen.

Stephan Bernhard hat seine Boxerlaufbahn mit 20 aufgeben müssen – wegen einer Krankheit, die nichts mit dem Boxen zu tun hatte. «Es war wohl ein Wink des Schicksals», meint der Trainer. «Aber dafür hat das Schicksal dem Boxclub Grenchen einen Diamanten geschenkt.» Der Diamant heisst Dina. Und die Boxerin – sie trainiert fünfmal in der Woche – fühlt sich durch solch hohe Erwartungen nicht unter Druck gesetzt: «Der Trainer ist für mich wie ein grosser Bruder, er hilft mir, aber er drängt nicht.»

Dina Burger hat die Figur einer Langstreckenläuferin. Sie ist 52 Kilo leicht und 1 Meter 70 gross. «Auch als Läuferin könnte sie vorne mitmischen», ist ihr Trainer überzeugt. Von ihrem Wohnort in Arch läuft sie meistens die vier bis fünf Kilometer zur Grenchner Turnhalle. Boxneulinge starten nicht sofort mit einem harten Fight. Als Dina Burger vor zweieinhalb Jahren erstmals Boxluft schnupperte, begann sie ganz sachte mit Gegnern zu boxen. Dann wurde es aber ernst: «Irgendwann erhält man den ersten Schlag auf die Backe. Das ist nicht angenehm, doch man gewöhnt sich mehr oder weniger daran», sagt die junge Boxerin mit sanfter Stimme. «Am Anfang war ich ‹händscheschüch› und schloss immer die Augen, wenn ein Schlag kam – aber das ist vorbei.» Nach einem Jahr hatte sie ihren ersten richtigen Kampf.

Dazu musste sie eine Lizenz lösen, die nach einer Gesundheitsprüfung erteilt wird. Boxende Frauen jagen manchen Männern einen kalten Schauer den Rücken hinunter. Das kümmert die Dritt-Sek.-Schülerin nicht. «Die Schulkollegen nehmen es locker, obwohl sie Frauenboxen schon etwas speziell finden.» Sie hat ein Ziel: als Profi-Boxerin vor grosser Zuschauerkulisse zu kämpfen – wie die Brüder Vitali und Wladimir Klitschko. «Die beiden gefallen mir: Sie haben Ausstrahlung, sie sind starke Boxer – und sie sind fleissig.»

Die Nase wurde grösser

Auch Dina Burger hat Ausstrahlung. Sensibel und entschlossen blicken ihre Augen. Doch sie gibt vor, sich nicht um Aussehen und Schönheit zu kümmern. «Ich bin nicht eitel. Ich achte einfach darauf, dass ich natürlich bin – dann ist es gut.» Von ernsten Verletzungen an Füssen, Händen oder Gesichtshaut blieb Dina Burger bisher verschont. Sie hat auch keine Angst vor einem gebrochenen Nasenbein – der typischen Boxerverletzung: «Das Nasenbein wächst wieder zusammen – mich würde das nicht stören.» Aber den Blick in den Spiegel hat sie nicht verlernt: «Meine Nase hat sich ohnehin verändert, seit ich boxe. Sie wurde ein bisschen grösser und das Nasenbein etwas stabiler.»

Dina Burger macht sich bereit für ein weiteres Sparring – mit Micha Burger, ihrem sechs Jahre älteren Bruder. Er boxt nur im Winter, um für die Motocrosssaison fit zu bleiben. Aber Micha Burger war derjenige, der Dina zum ersten Mal an ein Training mitgenommen hat. Er ist stolz auf seine Schwester. «Sie ist cool, wirklich cool», sagt er. Dina Burger schwächt ab: «Vielleicht bin ich nur so wenig nervös, weil ich noch so jung bin.»

Dieser Artikel wurde erstmals am 24. Mai 2004 publiziert.

Autor: Carl F. Wiget

Fotograf: Stefan Jermann