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03. August 2015

Bürger von Maschito

Sie sind in die Schweiz ausgewandert, viele wieder an ihren Geburtsort zurückgekehrt. Die Schweiz hat ihnen viel gegeben – aber auch einiges genommen. Zu Besuch in einem kleinen Dorf in Süditalien.

Typisch Schweizer? Michele Maula führt seinen Hund Max Gassi. Mit einem Plastiksäckchen an der Leine – falls Max mal muss.

Wenn Michele Maula (75) mit Hund Max durch die Gassen von Maschito spaziert, hat er immer ein paar Plastiksäckchen an der Leine festgezurrt. Für den Fall der Fälle. Viele Einheimische lachen den Rentner dafür aus, dass er sich nach den Häufchen seiner Promenadenmischung bückt. Manche nennen ihn sogar einen Verrückten. Jene, die nicht über ihn spotten, haben – wie er – lange in der Schweiz gelebt.

Maschito ist ein 1800-Seelen-Dorf und liegt auf einem Hügel zwischen Neapel und Bari.
Maschito ist ein 1800-Seelen-Dorf und liegt auf einem Hügel zwischen Neapel und Bari.

Maschito liegt auf einem Hügel zwischen Neapel und Bari. Rund ein Drittel der Häuser steht leer, einige sind am Zerfallen. Zurzeit befindet sich mehr als ein Fünftel der Bürger des 1800-Seelen-Dorfs in der Schweiz.

Wer geblieben ist, ist entweder arbeitslos oder verdingt sich in den Montagelinien der Fiatwerke in Melfi, knapp eine Autostunde westlich. Oder er gehört zu den Rückwanderern wie Michele Maula, der 1960 als 20-Jähriger in der Schweiz nach Arbeit suchte und 44 Jahre später als Rentner wieder an seinen Geburtsort zurückkehrte.

Zwei Damen unterwegs in eine der drei Dorfkirchen, wo sich die Frauen nachmittags treffen.
Zwei Damen unterwegs in eine der drei Dorfkirchen, wo sich die Frauen nachmittags treffen.

Das Dorf gleicht einem Altersheim. Die Männer, die sich ab 15 Uhr in einer der drei Bars im Dorf zum Kartenspiel zusammenfinden, sind alle grau und faltig. Jeder Zweite spricht zumindest ein paar Brocken Schweizerdeutsch. Frauen sieht man dort keine. Sie treffen sich ab dem späten Nachmittag in einer der drei Kirchen.

«Könnte ich mit meiner Rente in der Schweiz ein würdiges Leben führen, wäre ich ohne Zögern geblieben», sagt Michele Maula, blaue Nadelstreifen, gepflegter Schnauz und rauchige Stimme. Er liebe die Schweiz und habe ihr viel zu verdanken. Aber er habe auch viele Opfer gebracht: «Ich habe meine besten Jahre in der Schweiz verbracht und eurem Land meine Jugend geschenkt.»

Die Reintegration in Maschito ist für den ehemaligen Maurer, der sich mit einer Weiterbildung in Sursee LU zum Polier hochgearbeitet hat, nicht einfach gewesen: Für die Daheimgebliebenen ist er ein «svizzero», mit einem übertriebenen Hang zur Pünktlichkeit, Sauberkeit und Korrektheit.

Leere Gassen: Bis 15 Uhr ist Siesta-Zeit.

Maula hingegen meint: «Italien wäre schön, wenn bloss die Mentalität der Leute anders wäre.» Den Rückkehrer stören Bürokratie und Vetternwirtschaft seiner Landsleute. Auch Neid ist ein Thema. Michele Maula stammt aus einer armen Familie, hat es aber dank der Arbeit im Norden zu etwas gebracht. Er fährt heute einen Audi und wohnt zusammen mit seiner Frau in einem Neubau.

Auf die beiden Söhne warten in Maschito immer zwei Schlafzimmer

Zu Wohlstand hat es auch Donato Giuralarocca (64) gebracht. Maurer, ein Bandscheibenvorfall, zwei Rückenoperationen, IV-Rente – er lebte und arbeitete während 20 Jahren in Langnau am Albis ZH und verbrachte jeden Sommer in Maschito, um an seinem Eigenheim zu werkeln. Auf dem Vorplatz, der durch ein automatisch bedienbares Eisentor von der Strasse abgegrenzt ist, steht ein rostiger Fiat Panda, in der Garage ein dunkelblauer Mercedes Elegante.

Antonio Mastrodonato ist der Bürgermeister von Maschito.
Antonio Mastrodonato ist der Bürgermeister von Maschito.

Die Luxuskarosse ist bedeckt mit Leintüchern und kommt nur bei ganz speziellen Gelegenheiten zum Einsatz. Im Garten ein Pizzaofen auf englischem Rasen. Neben einem geräumigen Elternschlafzimmer mit angrenzendem Bad gibt es im Haus auch zwei komplett möblierte Schlafzimmer für die beiden Söhne, die inzwischen längst erwachsen sind. Sie sind in der Schweiz geblieben. «Die Kinder und unsere vier Enkel fehlen uns sehr», sagt Donato Giuralarocca, der auch für seine Frau Maria (62) spricht, die in Langnau in einer Spinnerei gearbeitet hat, aber kaum Deutsch redet, weil praktisch alle ihre Arbeitskolleginnen Italienerinnen waren.

Das Ehepaar Giuralarocca wanderte 1975 aus. Damals erreichte die italienische Bevölkerung in der Schweiz mit mehr als einer halben Million Menschen ihren Höchststand. Begonnen hatte die Migration nach dem Zweiten Weltkrieg. Zuerst kamen die Nord-, ab Mitte der 50er-Jahre die Süditaliener. Arbeit hatte es genug. Die Wirtschaft brummte: Zwischen 1950 und 1973 hat sich das schweizerische Bruttosozialprodukt beinahe verdoppelt.

Palma del Monte arbeitete neun Stunden Schicht in der Spinnerei Langnau am Albis, anschliessend ging sie noch putzen.
Palma del Monte arbeitete neun Stunden Schicht in der Spinnerei Langnau am Albis, anschliessend ging sie noch putzen.

Wie viel die Italiener geschuftet haben, zeigt sich am Beispiel von Palma del Monte (70), Geranien vor der Haustür, Gartenzwerge in den Blumentöpfen, Ricola auf dem Salontischchen. Sie kam 1963 in die Schweiz und hat ebenfalls in der Spinnerei Langnau gearbeitet. Aber nicht nur. Nach ihrer Schicht von neun Stunden arbeitete sie zweitweise bis zu sieben Stunden an verschiedenen Orten als Putzfrau weiter. Ihren Erstgeborenen liess sie im Alter von vier Monaten bei der Grossmutter in Maschito zurück. Als er vier Jahre alt war, wollte sie ihn die Schweiz holen. Er hatte jedoch dermassen Heimweh nach der Nonna, dass er drohte, vor den Zug zu springen. Die Bahnlinie führte gleich am Haus vorbei. Der Kleine durfte zurück nach Italien.

Die Männer treffen sich nachmittags zum Kartenspiel in einer der drei Dorfbars.
Die Männer treffen sich nachmittags zum Kartenspiel in einer der drei Dorfbars.

Palma del Monte überlebte die Schweiz nur knapp – ihr Mann nahm sich dort das Leben

Suizid beging dann aber Palma del Montes Ehemann. Sie war gerade mit dem dritten Kind schwanger. Eigentlich wollte er sie mit in den Tod reissen, die Kugel verfehlte sie jedoch. 37 Jahre später zeugt von diesem Drama nur noch eine Narbe am Kinn. War es das Zuviel an Arbeit? Das Heimweh? Eine Depression? Palma del Monte weiss es nicht, ihr Mann hat seine Sorgen mit ins Grab genommen. «Eh sì, la mia vita é stata triste.» – «Oh ja, mein Leben war traurig.»

Freude bereiten der Rentnerin einzig ihre sieben Enkel. Unzählige gerahmte Fotografien zieren die Wände ihres Hauses. Im oberen Stock befinden sich die Kinderzimmer, ausgestattet mit Spielzeug und Kuscheltieren. Leider kommen die «nipoti» viel zu selten zu Besuch. Darum fährt Palma del Monte mindestens drei Mal im Jahr in die Schweiz.

Rosa Giuralarocca wanderte als 16-Jährige in die Schweiz aus. Zurück in Maschito, vermisst sie ihre sieben Enkel ennet der Alpen.

Auch Rosa Giuralarocca (70), eine Schwägerin von Donato, zieht es immer wieder über die Alpen. Sie heiratete mit 16, wanderte drei Tage nach der Hochzeit in die Schweiz aus und hat ebenfalls sieben Enkel, die in der Schweiz leben. Es gibt so viele sehnsüchtige Grosseltern, dass sogar eine direkte Busverbindung zwischen Maschito und Zürich existiert.

Ein Mal die Woche, 1138 Kilometer, 14 Stunden, 120 Euro. Wie der Busfahrer profitieren auch viele andere lokalen Unternehmen vom Wohlstand der pensionierten Gastarbeiter. Ein Ehepaar verfügt monatlich über rund 3000 Euro, was viel ist. Die Gelder aus der Schweiz haben in den letzten Jahren vor allem die hiesige Baubranche angekurbelt. Zum Teil investierten Rückkehrer auch in eigene Geschäfte – etwa in Weinkellereien.

Donato Giuralarocca lebte und arbeitete 20 Jahre in Langnau am Albis ZH. Jeden Sommer verbrachte er in Maschito.

Früher verkauften die Bauern der Region ihre Trauben an Zwischenhändler aus der Toskana oder dem Piemont. Man sagte ihnen, ihre Sorte, die Aglianico del Vulture, eigne sich bloss für Verschnitte. Heute keltern sie selbst Wein und können die überschüssige Ernte erst noch zu besseren Preisen verkaufen,
weil sie die Trauben selbst weiterverarbeiten. Denn sie haben herausgefunden: Die Aglianico eignet sich vorzüglich für reinsortige Weine – ihr Saft muss bloss, wie alle edlen Tropfen, ein paar Jahre gelagert werden.

Beim mobilen Marktstand decken sich die Dorfbewohner mit Frischwaren ein.
Beim mobilen Marktstand decken sich die Dorfbewohner mit Frischwaren ein.

Giuseppe Cacosso (40) ist einer von fünf Teilhabern der Kellerei Casa Maschito. Er hat bis zu seinem siebten Lebensjahr in Wattwil SG gewohnt. Heute hat er ein Hotelfachdiplom und arbeitet Schicht bei Fiat. Seinen Anteil an der Kellerei hat er von seinem Vater geerbt, der nur gerade so lange in der Schweiz bleiben wollte, bis er genug Geld zusammen hatte, um sich in der Heimat eine Existenz aufzubauen.

Schock für Giuseppe: Der Lehrer bestrafte seine Schüler hier noch mit dem Stock

Giuseppe Cacosso ist als Siebenjähriger von Wattwil SG nach Maschito zurückgekehrt. Heute ist er Winzer.

Der Start in Maschito war für den jungen Giuseppe schwierig: «Hier unterrichtete der Lehrer noch mit dem Stock und gab mir zu verstehen, dass der Spross des Dottore mehr wert ist als der Sohn eines Arbeiters. Als Kind kannst du das nicht einordnen, weh tut es trotzdem.» Wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er in der Schweiz geblieben wäre, darüber mag er sich heute den Kopf nicht zerbrechen: «Warum soll ich mich aufregen. Es ist jetzt einfach so.» Und das Leben im Süden habe auch seine Qualitäten. Hier habe er mehr Sonne und weniger Stress – und trinke besseren Wein als in der Schweiz.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Salvatore Vinci