Archiv
18. April 2017

Bünzli

Bekenntnis zum helvetischen Spiessertum?
Ein stolzes Bekenntnis zum helvetischen Spiessertum? (Bild: Pixabay.com)

Drei Sparschäler. Meine neue Mitbewohnerin und ich besitzen kumuliert drei Sparschäler. Sie ist vergangene Woche eingezogen, und als wir unsere beiden Ikea-Haushalte zusammenlegten, dämmerte es uns: Wir sind so bünzlig.

Wir trocknen unser Brünneli mit einem Mikrofasertuch ab. Wir (und wie ein nächtlicher Spaziergang zeigte: auch die ganze Strasse) bündeln unser Papier so ordentlich, als gäbe es einen Ehrenbürgerpreis dafür. Unsere Wohnungsschlüssel haben einen eigens dafür vorgesehenen Platz auf dem Gangschrank. Unsere Schuhe stehen geradezu militärisch und – mit der Ferse an die Wand gerichtet – nebeneinander.

Unsere Schlafzimmer haben Klötzliparkett, und wir haben aufgehört, diese architektonische Monstrosität zu hinterfragen. Die Blumenbandeli – meine Zürcher Mitbewohnerin nennt sie Blumenbeete – vor unserem Wohnzimmerfenster könnten aus einem Gartenkatalog stammen, und wir finden ihre ordentliche Aufmachung auf eine schräge Art und Weise beruhigend. Mülltrennung ist unser Hochleistungssport.

Doch das alles passt eigentlich gar nicht zu uns. Wir sind zwei Digital Natives, die «irgendwas mit Medien» machen. Wir haben «Refugees Welcome»-Flaggen, einen bunten Freundeskreis, ein moralisch nicht immer korrektes Datingleben, eine Aversion gegen regressive Denkmuster und das Spiessertum.

Womöglich ist unsere kleine Bünzli-WG Ausdruck einer Art Überkompensation: Ein streng geregelter Waschplan gibt einem in einer Welt voller Chaos ein Gefühl von Kontrolle.

Autor: Anne-Sophie Keller