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20. Juli 2015

Büne Huber: «War noch nie im Leben so nervös»

Sonntag am Gurtenfestival: Am Himmel «rosaroti Ränder», auf der Bühne Patent Ochsner und im Publikum 20'000 Menschen, die «W. Nuss vo Bümpliz» singen. Frontmann Büne Huber stand nach dem Konzert Red und Antwort.

Büne Huber am Gurtenfestival 2015
Noch nie so nervös: Büne Huber bei seinem Auftritt am Gurtenfestival 2015. (Bild: Keystone)

Büne Huber, 2012 habt ihr mit einem Wahnsinnskonzert Gurtengeschichte geschrieben. Waren die Erwartungen dieses Jahr noch grösser?
Es haben sich viele Leute auf das Konzert gefreut und gesagt, wir toppen das sicher noch. Das hat den Druck nochmals gesteigert. Ich bin hier oben immer nervös. Aber so nervös wie heute war ich noch nie im Leben. Ich musste mich noch eine Stunde vor dem Konzert übergeben.

Seit 25 Jahren am Gurtenfestival mit dabei: Patent Ochsner
Seit 25 Jahren am Gurtenfestival mit dabei: Patent Ochsner. (Bild zVg)

Ihr seid zu acht. Schaukelt man sich da auch gegenseitig hoch?
Natürlich. Wir haben gestern in Zermatt gespielt und gingen heute am Genfersee zusammen Zmittag essen. Wenns dann anfängt zu flattern gehen die, bei denen es aus dem Ruder lauft, ein bisschen von der Gruppe weg. Sonst steckst du alle an. Auch ich habe mich zurückgezogen. Man muss ja nicht alle «schissig» machen.

Und wie ist das Fazit nach dem Konzert?
Ich fühle mich erschöpft, aber sehr, sehr gut. Es ist immer ein bisschen dasselbe Problem. Man ist ein Nobody und wahnsinnig verzweifelt bevor man auf die Bühne geht. Danach muss man eher ein bisschen gegen den Grössenwahn kämpfen.

Wenn Sie nicht gerade auf der Bühne stehen, sieht man Sie nicht selten an der Bar im VIP-Bereich.
Wir kommen nie nur für unser Konzert. Sogar heuer bin ich am Freitag kurz hochgekommen. Ich musste mich etwas akklimatisieren und habe mit vielen Leuten geredet. Das war irgendwie hübsch. Ich konnte meine Nervosität etwas drosseln. Wenn ich aber am Donnerstag hochgekommen und von Konzert zu Konzert gezogen wäre, wäre ich wahrscheinlich an der Bar verkommen. Das ist immer gefährlich!

Sie haben eine Tochter und auch andere Bandmitglieder sind schon Eltern. Wie finden eure Kinder eure Musik?
Die waren heute alle im Publikum. Das hat uns noch nervöser gemacht! Wir erhalten aber immer Lob von ihnen. Das ist schön.

Wie finden Sie das, wenn Besucher euer Konzert nur noch durch die Handy- oder Kameralinse schauen?
Heuer habe ich verhältnismässig wenige Handys gesehen. Manchmal frage ich mich schon, was das soll. Die Handybilder sind doch eh total unbrauchbar. Aber viele haben das Gefühl, sie müssen etwas Materielles mitnehmen. Wie Jäger und Sammler. Ich glaube, das ist auch eine Zeiterscheinung.

Eine andere Zeiterscheinung sind Streaming-Dienste wie Spotify. Was bedeuten sie für euch? Ihr habt zu einer Zeit angefangen, als man mit Musik noch Geld verdienen konnte.
Diese Entwicklung ist für uns persönlich die Hölle. Wir produzieren unabhängig von Plattenfirmen oder anderen Geldgebern ein Album. Das kostet ein Vermögen, wird dann aber nicht mehr gekauft. So viel Musik wie heute gab es allgemein noch nie - es wurde aber auch noch nie so wenig dafür gezahlt. Das ist eine irre Diskrepanz. Wir acht müssen von der Musik leben können! Mit den Plattenverkäufen allein machst du das nicht, sondern mit den Konzerten. Ein Album zu produzieren ist hoch defizitär.

Wie entsteht in einer Band ein Lied, ohne dass es deswegen Krach gibt?
Bei den letzten drei Alben habe ich schon Jahre zuvor wahnsinnig viele Songs geschrieben. Es war klar, dass wir mit den «Rimini Flashdown»-Alben eine Trilogie gestalten möchten. Unser Schlagzeuger Andi Hug, der Gitarrist Disu Gmünder und ich arbeiten die Songs schliesslich aus. Danach kommt die Band dazu und die Lieder verändern sich nochmals. Es ist also ein Gemeinschaftswerk. Auch bei den Konzerten verläuft es ähnlich. Ich gebe ein Repertoire vor, das meistens zu lang ist. Dann proben wir es und sortieren aus. Wenn jemand aber gar nicht mit einem Lied leben kann oder sich nicht wohl fühlt, nehmen wir darauf Rücksicht.

Patent Ochsner wurde im Jahr 1990 gegründet. Das ist jetzt 25 Jahre her. Zelebriert ihr das Jubiläum?
Nein, ein Jubiläum bedeutet auch immer eine Rückschau. Ich bin mehr daran interessiert, Neues zu kreieren. Wir feiern das alte Material, indem wir Lieder wie «Bälpmoos» an Konzerten spielen. Das habe ich 1988 geschrieben! Diese Songs gehen mit uns mit und verändern sich auch ein bisschen. Aber ein Best-Of-Album herauszugeben, nein, das machen wir nicht.

Die W. Nuss habt ihr schon hunderte Male gespielt. Macht euch das Lied noch Freude?
Seit das Lied 1996 aufgenommen wurde, haben wir es immer wieder gespielt. Wir haben aber ständig neue Einschübe gemacht. Heute hat unsere Streicherin Daniela Bertschinger ein Geigensolo drin. Auf das freue ich mich immer. Das gibt einem Song ein neues Klangbild. Wir sind so eine grosse Band, wir können unsere Stücke immer wieder neu formen.

Euer aktuelles Album heisst «Finitolavaro - The Rimini Flashdown Part 3». «Finitolavoro», also «fertig arbeiten», bezieht sich doch wohl hoffentlich nicht auf euer musikalisches Schaffen, oder?
Nein, nein. Das gilt bloss als Abschluss der Rimini-Albumtrilogie. Wir gehen weiterhin auf Tour und machen weiterhin Musik.

Ihr seid mit dem Album auf Platz zwei der Schweizer Charts eingestiegen. Auch schon in den 90er-Jahren wart ihr ganz oben. Euer Erfolgsrezept?
Wir haben einfach Freude an der Musik. Das spürt man auch im Publikum. Ich denke, das macht einen grossen Teil aus. Ich glaube, wir sind authentisch. Und wir haben eine gewisse Selbstironie.

Sie haben sich heute Abend mit Seitenhieben gegen Daniel Vasella auch politisch gezeigt.
Vasella sagte 2008 in einem Interview «Wenn du nur dem Geld und dem Profit nachrennst, vergisst du, warum du wirklich hier bist». Ich finde das für einen Mann, der in seinem Leben Millionen verdient hat, unglaublich zynisch. Es gibt so viele, die 100 Prozent arbeiten und dennoch finanziell nicht auf einen grünen Zweig kommen. Solche Dinge muss man thematisieren. Darum haben wir die Tonaufnahme dieses Satzes heute im Hintergrund laufen lassen. Wir haben uns aber immer schon gesellschaftspolitisch geäussert – einfach nicht in Songs.

Euer Bandname kommt von den Abfallkübeln der J. Ochsner AG. Hat sich die Firma eigentlich mal für die Gratiswerbung bedankt?
Nein, nie! Aber die wissen ja schon, dass wir wegen den «Patent Ochsner»-Kübeln so heissen. Wir mussten das auch rechtlich abklären, ob wir den Namen brauchen dürfen. Die Müllkübel sind heute übrigens mit System Ochsner angeschrieben. Die haben schön Geld mit denen verdient!

Autor: Anne-Sophie Keller