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06. Juni 2016

Bündnerin mischt Instagram auf

Martina Bisaz hat über 200 000 Follower auf dem Fotografie-Netzwerk Instagram. Mit ihren eindrücklichen Landschaftsbildern ist die 34-Jährige selber zum Medienstar geworden – obwohl sie das gar nicht sein will.

Martina Bisaz, stiller Star auf Instagram
Frau der feinen Töne: Mit ihren stimmungsvollen Bildern ist Martina Bisaz zum stillen Star in der quirligen Welt der sozialen Medien avanciert.

Martina Bisaz weiss gar nicht, was sie antworten soll auf die Frage, warum sie über 200'000 Follower auf Instagram hat. Warum sie seit Monaten Topplätze der Schweizer Instagram-Rangliste belegt, hinter Stars wie Roger Federer. Was sie richtig gemacht hat, die letzten fünf Jahre.
Sie weiss nur: Irgendwie scheinen die Menschen zu mögen, was sie da täglich fotografiert: die vernebelten Passstrassen, die lieblichen Häuschen im Nirgendwo. Die Bergspitzen ihrer Heimat Graubünden, den kleinen Fiat 500, Baujahr 1967, der die 34-Jährige überall hinfährt, quer durchs Land.

Vor fünf Jahren ist diese Leidenschaft, die Bisaz heute täglich mehrere Stunden Arbeit abverlangt, entstanden. Die wissenschaftliche Illustratorin hatte von einer neuen App aus Amerika gehört, Instagram. Sie hat an der Kunsthochschule studiert, fotografiert gern. Also probiert sie aus.
Ihr erstes Foto auf Instagram ist ein Selfie, in ihrem Bett liegend. Heute lacht sie darüber. «Keiner würde heute mehr so ein Bild hochladen, es war damals alles so amateurhaft», sagt sie. Heute ist erfolgreich, wer sein Hobby auf Instagram professionalisiert.

Bisaz ist eine Perfektionistin. «Ich bin für ein Bild oft einen ganzen Tag lang unterwegs», sagt sie, man müsse auf das Wetter achten, die Farben, das Licht. «Danach wird sortiert, bearbeitet, eingeordnet.» Das Bild muss zur Stimmung und ins Ensemble passen. Alles ist liebevoll kuratiert. Bisaz sagt, ihr Account sei wie ein Fotoalbum der letzten fünf Jahre, eine Erinnerung an ihr Leben.

Inzwischen sind auch Firmen auf Bisaz aufmerksam geworden, allen voran Tourismusagenturen. Für viele Menschen ist es eine Traumvorstellung: gratis um die Welt reisen. Aber dafür ihre 60-Prozent-Stelle bei der Kantonsarchäologie Zürich aufgeben? Um ein Instagram-Star zu sein? Bisaz zögert. Ihr würde die Sicherheit fehlen, sagt sie. «Wer weiss schon, ob diese Blase nicht bald platzt?»

Ein Medium für stille Leute

Bisaz ist ein introvertierter Mensch, sie ist ästhetisch begabt, sie mag es lieber ruhig als hektisch, lieber sicher als wild. Viele Künstler auf Instagram seien das. Man könne Gemeinsamkeiten teilen, Themen wie Fotografie oder Reisen, ohne sich schüchtern gegenüberzusitzen. Bisaz antwortet, kommentiert, pflegt den Kontakt zu ihren Fans.
Das macht sie oft abends noch, nach der Arbeit, in Grüt bei Wetzikon ZH. Sie hat sich eine Häuschenhälfte mit Garten gemietet, weil sie eine Katze wollte und diese ein bisschen Natur. Sie sagt von sich, sie bleibe an Wochenenden lieber zu Hause, als an grosse Sausen zu gehen. Sie lebt schon seit 14 Jahren in Zürich, aber ihre Heimat wird die Stadt nie. Die Berge fehlen. «Vielen ist diese Art von Leben fremd, aber mir ist wohl dabei.»

Martina Bisaz ist eine Frau der feinen Töne. Wenn sie reist, dann auf neuen Pfaden, jenseits des Massentourismus. Ihre Bilder, die meist mit dem Stativ aufgenommen werden, zeigen grosse Weiten, karge Steinwände – und mittendrin Bisaz selbst, allein und klein vor grosser Naturkulisse. In der Schweiz reist sie oft allein. «Niemand hat Geduld, mit mir eine halbe Stunde auf das perfekte Motiv zu warten, um dann 200 Meter weiter erneut anzuhalten», sagt sie und lacht. Ihre Freunde und ihre Familie sind stolz auf sie. Ihr Vater hat seit über einem Jahr selbst einen Instagram-Account.

Ihren eigenen Account beschreibt sie als «verspielt», mit einem persönlichen Touch, aber niemals privat. «Ich würde nie wieder Bilder von meiner Beziehung hochladen», sagt Bisaz, sie habe aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Bisaz ist ein privater Mensch und will es auch bleiben.

Umso schlimmer für sie, wenn diese Grenzen überschritten werden: Einmal fotografierte sie in Ascona, als ihr auf Snapchat ein wildfremder Mann ein Foto von ihrem Rücken schickte und schrieb: Bist das wirklich du? «Es war so unheimlich. Ich wusste, ich wurde gerade von einem Wildfremden beobachtet», sagt sie. Es stellte sich heraus, dass es nur ein schüchterner Teenager war. «Wie sonderbar. Für ihn war ich ein Superstar!»

Werbedeals mit Musikern und Telefonfirmen

Bisaz begreift manchmal selber nicht, warum sie so beliebt ist. Neben Mobiltelefonfirmen klopfen mittlerweile auch schon mal international bekannte Musiker bei ihr an, um sie für Werbeaufträge zu gewinnen. Sie sage Ja, wenn es für sie stimme, meint sie. Bisaz will sich nicht verbiegen. Sie würde nie nach Indien reisen, weil sie indisches Curry nicht mag. Sie macht nur ungern Fotos von Hosen, nur, weil einer sie dafür bezahlt. Und sie lädt keine Food-Fotos hoch. «Dafür habe ich einfach keine Geduld. Ich will das Essen essen, nicht fotografieren.»

Martina Bisaz weiss nicht, was sein wird, in fünf Jahren. Ob es Instagram überhaupt noch gibt, geschweige denn ihren Account, mit ihren Fotografien von unberührter Natur und authentischer Schönheit. Sie weiss aber, was sie machen würde, wenn es ihn nicht mehr gäbe: «Wieder mal TV schauen, zum Beispiel.» Oder malen. Sich ein Haus kaufen, in den Bündner Bergen, mit einem Stall. «Vielleicht fotografiere ich dann die Esel und Schafe vor meinem Haus.» Die, sagt Bisaz, erhielten dann aber einen eigenen Account. 

Martina Bisaz auf Instagram: @kitkat_ch

Autor: Anna Miller

Fotograf: René Ruis