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01. Dezember 2014

Büffelhaare für den Samichlaus

Rita Dreher weiss, was dem Sankt Nikolaus am besten zu Gesicht steht: Die Zürcherin knüpft Echthaarbärte.

Bartmacherin Rita Dreher knüpft einen Echthaarbart
Bis zu eineinhalb Tage knüpft, häkelt und frisiert Rita Dreher an einer Echthaargarnitur.

Was trägt ein Samichlaus von Welt im Jahr 2014 im Gesicht? Fu Manchu-Bart? Rap Industry Standard? Oder eines der hippen Geissenbärtli? Rita Dreher (60) schüttelt lachend den Kopf, während sie eine weitere Haarsträhne in den Bart knüpft, den sie vor sich auf dem Arbeitstisch liegen hat. Der Samichlaus sei ein Traditionalist – und damit jeder Art von modischem Experiment abgeneigt: «Für ihn kommt ausschliesslich ein Vollbart in Frage – möglichst einer aus Echthaar.

Die Perückenmacherin oder «Posticheuse», wie es im Fachfranzösisch heisst, – muss es ja wissen: Seit 42 Jahren ist sie im Atelier Atop im Zürcher Hottingerquartier dafür besorgt, dass beim heiligen Nikolaus und seinen Gehilfen die Frisur sitzt, wenn sie sich aus dem tief verschneiten Wald zu den Kindern aufmachen. «Ein Chlaus mit einem billig gemachten Kunststoffbart kann seine Nüssli und Schöggeli im Prinzip gleich wieder einpacken», weiss die dreifache Mutter und Grossmutter aus eigener Erfahrung, «die Kinder kontrollieren nämlich immer als Erstes, ob der Bart auch echt aussieht.»

Yak auf der Weide
Des Samichlaus' Hoflieferant: Die Yaks werden regelmässig geschoren.

Damit der Chlaus vor seinem kritischen Publikum besteht, verwendet die Bartmacherin ausschliesslich Echthaar. Nicht etwa vom Menschen. Was am 6. Dezember Sankt Nikolaus und Schmutzli gut zu Gesicht steht, stammt vom – Büffel! Genauer gesagt vom im Himalaya und der Mongolei beheimateten Yak. «Yakhaar ist deutlich stärker und stabiler als menschliches Haar. Vor allem aber entspricht es optisch viel eher dem Barthaar und ist dazu auch noch günstiger.»

Bartmacher brauchen gute Augen – und Geduld

Die Büffelhaare treffen bereits gebleicht im Atelier ein. Hier werden sie von Rita Dreher und ihren vier Kolleginnen wunschgemäss eingefärbt. Am beliebtesten sei das klassische Weissgold, sagt die Bartmacherin. Von einem schneeweissen Bart, wie ihn der Coca-Cola-Santa trägt, rät sie hingegen ab: «Schneeweiss sieht irgendwie immer tötelig aus.» Die gefärbten Haare werden einzeln mit feinen Knüpfnadeln aufgenommen und auf sogenannten Kinnmonturen fixiert – eine Arbeit, die sowohl Geduld als auch Augen strapaziert. Eingehäkelte Strähnchen vervollständigen das Werk. Am Schluss wird der Bart dann noch frisiert: Zapfenlocken oder Wellen, feingekräuselt oder eher grosslockig – «unsere Bartfrisuren halten selbst im Schneesturm, wir haben da so unsere Spezialmittel», lacht die Bartmacherin. Und wenn der Bart dann doch einmal ein paar Haare lässt, weil ein übermütiges Kind zu fest daran gezüpfelt hat, kann er problemlos wieder aufgearbeitet werden.

Zwischen einem und eineinhalb Tagen knüpft Rita Dreher an einer Klaushaargarnitur. Ein Bart mit separatem Schnauz gibts ab 500 Franken, kommt noch eine geknüpfte Perücke dazu, gehts schnell mal auf 1700 Franken und mehr. Oft würden daher statt der Perücke Stirnlocken geordert, die mit einem Gummiband um den Kopf getragen werden. Mit dem Nachteil aber, dass der Träger auf seiner Tour weder Kappe noch Bischofsmütze ausziehen kann: «Kein Schleck, zumal der moderne Chlaus ja heute meist statt mit dem Esel mit dem geheizten Auto unterwegs ist.» Es sind übrigens nicht nur die Klausgesellschaften, die sich einen Echthaarbart gönnen, wie Rita Dreher weiss. «Ich kenne diverse Familien, die ihren Samichlausbart sozusagen von Generation zu Generation weitervererben.»

Anders als der Mann in Rot arbeitet die Bartmacherin rund ums Jahr. Durchschnittlich zwei neue Bartgarnituren pro Woche gehen über ihren Arbeitstisch. Jetzt aber, so kurz vor dem 6. Dezember, ist der Ansturm logischerweise am grössten. Sie nimmts locker: «Wir tun, was wir können. Und bisher hat noch jeder Samichlaus seinen Bart termingerecht bekommen.»

2000? 3000? Rita Dreher weiss nicht, wie viele Chläuse und Schmutzli sie in den letztn 42 Jahren ausgestattet hat. Läuft ihr aber einer über den Weg, sehe sie auf den ersten Blick, ob er einer ihrer Kunden ist: «Die Frisur, der Sitz des Barts, die Färbung – alles unverwechselbar». www.atop.ch

Autor: Almut Berger

Fotograf: Giorgia Müller