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13. Juli 2015

Bücherstapel

Bücherstapel sollten Kinderwachstum stoppen können
Bücherstapel sollten Kinderwachstum stoppen können (Bild: Getty Images).

«Ich würde meinem Kind am liebsten ein schweres Buch auf den Kopf legen«, verkündete meine Freundin. Ich sah sie fragend an. «Na, damit es endlich aufhört, so schnell gross zu werden, verstehst du?» - Nein. Keine Ahnung wovon sie da sprach. Damals (das Gespräch fand vor bald zehn Jahren statt), tat ich das, was Kinderlose so tun: Ich wusste es besser. Sinngemäss sagte ich: «Du bist ein egoistisches Muttertier und versuchst krampfhaft etwas festzuhalten, was man nicht festhalten kann.» Meine Freundin grinste vielsagend.

Drei Jahre später trugen wir unser erstes Kind aus dem Spital. Ida hatte einen grossen Kopf und dicke Bäckchen. Ohne Strampler sah sie aber irgendwie verhungert aus. «Das werden wir ändern», flüsterte ich ihr ins Öhrchen. Wenige Wochen später war das Stillbaby ein Mini-Buddha. Idas Beinchen bestanden quasi nur aus aneinandergereihten Speckröllchen, ich liebte jedes einzelne. Als das Kind dann die ersten Kleidergrössen verwuchs und wir den Babyeinsatz aus dem Maxicosi nehmen mussten, staunte ich ob der Geschwindigkeit.

Als es dann nicht mehr im Tragetuch sitzen wollte und die Speckröllchen dahinschmolzen, kamen mir erste Zweifel. Wenn das in dem Tempo weiterging, dann würde meine Erstgeborene bald den Fahrausweis machen. Die ersten Schritte, endlich ein Zahn, die Entdeckung der Sprache, ein Liedchen trällern, schaurig-schöne Krikelkrakel-Gemälde, Täubelanfälle im Shoppingcenter, Appenzeller Käse als Leibgericht – alles ging rasend schnell. Glücklicherweise bekamen wir nach zwei Jahren noch Eva, mein armes Mutterherz konnte sich also etwas ablenken...

Aber dann begann auch die Kleine, in Wienerli zu beissen und «Nein» zu sagen. Immer, wenn fremde, ältere Damen hinter mir an der Supermarktkasse standen wusste ich, jetzt kommt gleich der Lieblingsspruch all derer, deren Kinder schon aus dem Haus sind: «Es gaht dänn so schnäll, gället Sie! Gnüsset Sie d’ Zyt!» In meiner Phantasie habe ich diesen post-menopausalen Ladies schon hunderte Mal das Trennhölzlein, das neben dem Kassenband liegt, übergebraten. ICH! WILL! ES! NICHT! HÖREN!

Ida hatte gerade das Abschiedsfest im Kindergarten, Eva war gestern zum letzten Mal in der Krippe. Ida träumt von einer Playstation, Eva von einem Trottinet mit Rennbereifung. Demnächst werden wir erst sieben Kerzen und kurz darauf fünf Kerzen auf dem Geburtstagskuchen anzünden. Wenn Sie noch kein passendes Geschenk für meine Töchter haben, dann hören Sie auf meine Rat: Wir brauchen Bücher. Möglichst grosse und vor allem schwere Exemplare.

Autor: Bettina Leinenbach