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29. Februar 2016

Lastwagenfahrer: Der Bubentraum siegte

Nach 15 Jahren Karriere bei der Credit Suisse war Jean-Paul Klauser ausgebrannt und frustriert. Er beschloss, sich einen alten Berufswunsch zu erfüllen und wurde LKW-Fahrer. Heute arbeitet der 45-Jährige auch noch als Dozent – und er sprüht vor neuen Ideen.

Bubentraum Lastwagenfahrer
Der ehemalige Banker Jean-Paul Klauser liebt es, in drei Meter Höhe zu klassischer Musik durch die Landschaft zu kurven.

Als ihn seine amerikanischen Vorgesetzten aufforderten, 20 Prozent seiner 150 Mitarbeitenden sukzessive zu entlassen und die Arbeitsplätze nach Polen auszulagern, hatte Jean-Paul Klauser (45) genug. Nach 15 Jahren war er bei der Credit Suisse die Karriere­leiter bis zum Direktor hoch­geklettert, aber diesen Abbau wollte er nicht mitverantworten – er hatte die Nase voll von der Bankenwelt. «Ich fühlte mich müde, ausgebrannt und war frustriert.»

Auch seine Wertvorstellungen hätten sich verschoben, erklärt er. Und so beschloss der verheiratete, aber kinderlose Mann im April 2014, einen radikalen Schnitt zu machen: Er verliess die Bank und erfüllte sich einen Berufstraum aus der Kindheit – er wurde LKW-Fahrer.

Beethoven und das Brummen eines Sechszylindermotors

Noch während seiner Zeit bei der Credit Suisse hatte er sich – in weiser Vorahnung – zum LKW- und Carfahrer ausbilden lassen, jeweils frühmorgens, vor der Arbeit. Und so begann 2015 sein neues Leben: Als Lastwagenfahrer fuhr er für ein Unternehmen zu Baugruben und Deponien im Kanton Zürich. «Ich war schon immer fasziniert von grossen Fahrzeugen. Und einen 40-Tönner zu bewegen, ist echt eindrücklich.»
Der Ex-Bankmanager geniesst die Einsamkeit in der Führerkabine und hört sich dazu klassische Musik an. Es gebe nichts Schöneres, als in drei Meter Höhe durch eine Winterlandschaft zu fahren, während die Klänge eines Beethoven-Konzerts mit dem Ton des Sechszylindermotors verschmelzen, schwärmt er.

Klauser bereut seinen Entscheid nicht, der Bankenwelt den Rücken gekehrt zu haben. «Ich verdiene ein Vielfaches weniger als vorher, aber ich bin viel glücklicher.» Und wenn er ehemalige Mitarbeitende treffe, die über ihren Arbeitsalltag klagen, sehe er sich in seinem Entscheid bestätigt.
Der radikale Kurswechsel sorgte auch sonst für mehr Freiräume, um seine Kreativität und Managerfähigkeiten auszuleben. Im Kanton Uri setzte er sich für die Schwandibahn ein, einer der ältesten Personenseilbahnen im Kanton. Er vermittelte dort zwischen den Grundeigentümern, Bergbauern, der Gemeinde Erstfeld und der Eigentümerin der Seilbahn. Diese fuhr vergangenen Sommer erstmals nach einer mehrjährigen Pause wieder, nachdem eine Genossenschaft gegründet worden war, um den kostenintensiven Unterhalt zu finanzieren.

Klauser, der in Luzern aufwuchs und die Innerschweizer Bergwelt auf Ski- und Wandertouren kennen- und lieben gelernt hat, träumt zudem als Projektleiter von einem Wanderhöhenweg im Urner Reusstal und steht deshalb mit der Gemeinde Erstfeld in Kontakt.
Schon vor Jahren half er Bergbauern und belegte einen Wildheuerkurs, bei dem er den Umgang mit der Sense erlernte. Im September 2015 hat Klauser zudem ein Mandat an der Pädagogischen Hochschule in Bern angenommen, wo er sich um Personal, Informatik, Finanzen und Betrieb kümmert.

Die letzten zwei Jahre waren die schönsten im ganzen Berufsleben

Seine Faszination für grosse Fahrzeuge ist aber nicht auf der Strecke geblieben, im Gegenteil: Klauser schloss kürzlich eine Winterdienstausbildung am Flughafen Zürich ab. Nun ist er berechtigt, bei der Schneeräumung auf dem Pistenfeld des Flughafens mitzuarbeiten; er transportiert den Schnee mit dem Lastwagen ab und stand über die Festtage auf Pikett.
«Das ist eine schöne Abwechslung zur Hochschule und lässt mich in eine neue Welt eintauchen», sagt Jean-Paul Klauser. Und er könne sich so Praxis fürs Lastwagenfahren holen.

Als freier Mitarbeiter arbeitet er ab und zu als Carchauffeur für Twerenbold Reisen. Seine gleichaltrige Frau Caroline, die als Anwältin ein Projekt in München betreut, hat ihn bei all seinen Unternehmungen immer unterstützt.

Klauser betont: «Die letzten zwei Jahre waren die schönsten meines Berufslebens.» Und er hat bereits einen weiteren Plan: Klauser möchte Geschichts- und Kulturreisen in der Schweiz anbieten. Wer dabei den Car steuern soll, weiss er schon.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Gabi Vogt