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13. April 2015

Buben boxen sich durch

Der Nimbus des starken Geschlechts hat in der heutigen Gesellschaft viele Risse bekommen. Darunter leiden bereits Buben – mit dem Resultat, dass sie gewaltbereiter werden. Zu Besuch in einem Selbstbehauptungskurs für Jungs.

Training des Zürcher Vereins Respect!
Beim Training des Zürcher Vereins Respect! lernen Knaben, Aggressionen ab- und Selbstbewusstsein aufzubauen.

Männer sind das starke Geschlecht, sie sind die Täter – so weit das Klischee. Doch Knaben können ebenso sehr unter Gewalt leiden. Sie lernen in unserer Gesellschaft aber nicht, wie sie sich dagegen wehren können, ohne selbst gewalttätig zu werden. Im Zuge der Gleichstellung wurden zwar die Mädchen gefördert, die Jungs hingegen blieben mit ihren Bedürfnissen auf der Strecke. Während Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse für Mädchen gang und gäbe sind, steckt Bubenförderung in den Kinderschuhen.

Justin wirft den Boxhandschuh
Justin wirft den Boxhandschuh – ein Symbol für den konstruktiven Umgang mit Aggressionen.

Ein Manko, das die Macher von Respect! beseitigen wollen. «Jungs sind zwar oft laut und verletzen Grenzen. Aber sie werden auch Opfer von Grenzverletzungen und Gewalt», sagt Urban Brühwiler (50). Der Erwachsenenbildner und soziokulturelle Animator hat in Rüti ZH vor zwölf Jahren den Verein Respect! mitgegründet und bietet seither Selbstbehauptungskurse für Buben und junge Männer an. Ziel: Buben in ihrer Entwicklung und Männlichkeit zu fördern sowie jungenspezifische Wünsche zu unterstützen.

Buben begehen häufiger Suizid
Knaben gelten heute als weniger belastbar als Mädchen. Zwei Drittel der Klienten von Jugendpsychologen und Erziehungsberatern sind männlich. Sie sind bis zum elften Lebensjahr nicht nur gesundheitlich anfälliger, sondern begehen auch häufiger Selbstmord als Mädchen – 2012 setzten in der Schweiz 33 Knaben und 3 Mädchen ihrem Leben ein Ende. Ein Jahr zuvor waren es 24 Knaben und 4 Mädchen. «Die Wahrscheinlichkeit, dass männliche Jugendliche eine Form der Störung des Sozialverhaltens entwickeln, ist zwei- bis viermal höher als bei weiblichen Jugendlichen»,erklärt Cornelia Bessler, Chefärztin der Kinder- und Jugendforensik an der Zürcher Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Frustpotenzial und angestaute Wut
In den Respect!-Kursen sind hauptsächlich Jungs, welche die Opferseite kennen. Das Frustpotenzial ist bei diesen Buben gross. Und auch die Gefahr, dass sich Aggressionen ansammeln und die angestaute Wut irgendeinmal explosiv ausbricht. Doch Buben, die sich mit gesundem Bewusstsein selbstbehaupten können, werden nicht oder viel weniger aggressiv.
Einer der Jungs, der häufig ausgegrenzt wird und gut weiss, wie es sich anfühlt, wenn man unter verbaler Gewalt leidet, ist Severin. Der Zehnjährige schwärmt für klassische Musik, spielt Handball und besucht einen Respect!-Kurs in Meilen ZH, «weil ich mit Kindern zusammen sein will, die mich respektieren, wie ich bin.»

Severin tritt sehr selbstbewusst auf, spricht viel, hat wenig Scheu und drückt sich sehr gewählt aus. Dazu Andreas Hartmann, Trainer bei Respect!: «Severin steht hier im Kurs eher im Mittelpunkt, und er spricht sehr erwachsen.» Darin liegt auch eines seiner Hauptprobleme. Er hebt sich von der grossen Masse ab. Sei es in seiner Ausdrucksweise, weil er Geige spielt statt E-Gitarre, ein sehr guter Schüler ist und sich, wie er selber sagt, weder für berühmte Filmhelden noch für angesagte Sänger interessiere.

Das alles trägt dazu bei, dass sich andere Kinder über ihn lustig machen, ihn als Streber titulieren und es ihnen Spass macht, Severin zum Weinen zu bringen. «Ich weine sehr schnell», erzählt er. Für ihn sei das zwar okay, aber andere Kinder nützten das aus. Deshalb hat er auch sehr wenige Freunde oder, wie er sagt: «Es gibt noch ein paar Kinder, die mich in Ruhe lassen.»
Der zehnjährige Schüler ist offensichtlich Opfer von psychischer Gewalt. Davon bekommt er zwar keine blauen Flecken. Aber auch das Ignorieren von anderen Personen, das Streuen von Gerüchten oder der Ausschluss von Personen aus einer Gruppe sind eine indirekte Form von Aggression.

Grenzen markieren
Severins Ziel: «Ich will lernen, Grenzen zu setzen, stopp zu sagen.» Das ist gleichzeitig eines der Hauptanliegen der Respect!-Macher. «Wie bemerke ich, wo der eigene, aber vor allem auch, wo der Gartenzaun der anderen ist», erklärt Selbstbehauptungstrainer Andreas Hartmann. Babys haben diese Grenzen von Geburt an. Aber die Gesellschaft trainiere sie weg. «Ein Teil unserer Arbeit ist das Wiederherstellen dieser persönlichen Grenze.»
In der zugehörigen Übung geht ein Respect!-Trainer langsam auf einen Jungen zu. Dieser muss laut stopp! rufen, sobald der Trainer die Grenze überschreitet. Eine Übung, die Severin zumindest hier im Kurs keine Probleme bereitet.

Ganz anders Silvan. Kaum hörbar flüstert der Neunjährige anfänglich das Stoppsignal. Auch der Drittklässler besucht den Kurs, «weil ich lernen muss, Grenzen zu verteidigen, wenn jemand auf mich zukommt – sagen meine Eltern.»
Er freute sich zwar auf den Kurs, war aber derart nervös, dass es für ihn bereits wieder Stress bedeutete. Er hat Probleme mit anderen Kindern, getraut sich nicht, mitzumachen. «Mich lachen alle aus, weil ich schlecht Fussball spiele», erzählt er, ohne dabei sein Gegenüber anzusehen. Dabei nestelt er nervös an seiner Zahnspange herum und gibt zu: «Fussball interessiert mich eigentlich nicht, ich gehe viel lieber bowlen.»

So cool wie die anderen
Silvan ist scheu und interessiert sich nicht für die gleichen Dinge wie die meisten aus seiner Klasse. Dennoch versucht er alles, um ebenso cool zu wirken wie andere, und manövriert sich genau dadurch ins Abseits. «Ich höre coole Songs, eben solche Lieder, die auch andere cool finden.» Oder er fällt durch sein Verhalten aus dem Rahmen – in der Hoffnung, cool zu sein. In Gruppenspielen steht er abseits, schleicht gedruckst herum oder klettert plötzlich auf die Sprossenwand, wo er dann sitzt und nicht so recht weiss, was er jetzt machen soll.

Buben und die Trainer Manser und Brühwiler tauschen persönliche Angstgeschichten aus
Anregende Gesprächsrunde: Buben und die Trainer Manser und Brühwiler tauschen persönliche Angstgeschichten aus.

«Es gefällt mir, dass Silvan zwischendurch etwas Eigenes macht», sagt Andreas Hartmann. Er sei nicht überangepasst, wisse, was er benötige. «Manchmal sollte er aber mehr mit dabei sein, sonst besteht die Gefahr, dass er sich mit seinem Abseitsstehen ausgrenzt.» Silvan ist eher ein bisschen der Typ kleiner Prinz. Wenn es nicht nach seinem Kopf läuft, stösst er an seine Grenzen und weiss nicht mehr weiter. So sitzt er nach einer Kampfübung, bei der sich alle gegen alle von einer grossen Turnmatte schubsen mussten, weinend in einer Ecke, dreht den anderen den Rücken zu und verweigert sich dem weiteren Spiel mit der Begründung, er verliere ja sowieso wieder.

Sich gewaltfrei Ansehen verschaffen
Störungen des Sozialverhaltens haben in den letzten Jahren in ganz Europa massiv zugenommen. 16 Prozent der Jungen und 14 Prozent der Mädchen zeigen Symptome für Störungen des Sozialverhaltens. Dies zeigt sich nicht nur in offener, direkter Form wie beispielsweise in Wutausbrüchen, Beschimpfungen, physischem Einschüchtern oder Zerstören von fremdem Eigentum. Aggressionen können auch verdeckt ausgeübt werden, beispielsweise in Form von Stehlen oder Lügen. Zum gestörten Sozialverhalten treten oft auch Angsterkrankungen, depressive Störungen, Essstörungen und das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) auf.

Dass sich die Buben mit ihren alltäglichen Ängsten konfrontieren können, dafür sorgten die Respect!-Macher in diesem zweitägigen Selbstbehauptungskurs. «Selbstbewusste Knaben werden weniger aggressiv und gewalttätig, da sie sich nicht mit der Faust Ansehen verschaffen müssen», betont Hartmann. «Wenn wir das erreichen und Severin den anderen zeigt, dass man auch cool sein kann, wenn man klassische Musik hört, haben wir erfolgreich gearbeitet.» Silvan hat tatsächlich am Ende des Kurses glaubhaft stopp! markiert. Ziel erreicht – auch für die Eltern, die vor Überraschung lachen mussten.

Ein erster Schritt ist gemacht: Severin ist einer der Jungs, die gelernt haben, wie man sich gewaltfrei durchsetzen kann. Und auch, dass Männlichkeit nichts mit Aggressivität zu tun hat, sondern mit Selbstvertrauen. 

www.respect-selbstbehauptung.ch

Das Buch zum Thema: «Zwischen Teddybär und Supermann» von Lu Decurtins, Ernst Reinhard Verlag 2012, bei Ex Libris für Fr. 20.40

Die fünf Pfeiler der Selbstbehauptung

1. Augen auf: Erkenne früh unangenehme oder gefährliche Situationen.

2. Entscheide: Willst du der Situation aus dem Weg gehen oder dich ihr stellen? Ersteres ist oftmals schlauer, doch in gewissen Fällen ist es wichtig, sich der Situation zu stellen und sie zu klären.

3. Grenzen: Zeige deine Grenzen mit Worten und Körperhaltung. Sag klar und deutlich, was Sache ist. Ruf notfalls um Hilfe.

4. Wehr dich: Wenn es keinen anderen Weg gibt, heisst es: Wehr dich! Stell deine Stacheln auf, kämpfe mit all deiner Kraft und überrasche damit deine Gegner.

5. Hilfe: Getrau dich und hol Hilfe. Erzähl einer Vertrauensperson, was du erlebt hast. Das entlastet dich und bringt Ideen, wie es weitergehen kann.

Autor: Thomas Vogel

Fotograf: René Ruis