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02. November 2015

Brust raus!

Idylle auf einer öffentlichen Parkbank
Wird immer selbstverständlicher: Ungestörte Idylle auf einer öffentlichen Parkbank ... (Bild: Getty Images)

«Am Anfang machten wir es nur daheim auf der Couch. Doch nach und nach fielen die Hemmungen. Einkaufszentrum, Starbucks, S-Bahn – dauernd sass ich quasi einseitig oben ohne an einem öffentlichen Ort und stillte mein Baby. Meine Brüste haben die Welt gesehen. Können Sie das auch von Ihren behaupten?»

Mit diesen Worten begann eine meiner ersten Kolumnen («Oben ohne»). Der Text entwickelte sich zu einem Internet-Hit, die Resonanz war gewaltig. Ich hatte binnen weniger Stunden unzählige E-Mails von Müttern, die ebenfalls in der Öffentlichkeit stillten. Voller Stolz, voller Selbstbewusstsein – und manchmal auch mit der nötigen Portion Trotz. «Ich mache weiter – obwohl ich immer noch gelegentlich seltsame Kommentare zu hören bekomme», erzählte eine Bernerin. Selbstverständlich gab es auch negative Rückmeldungen. Nackte Brüste gehörten nur ins heimische Schlafzimmer, schrieb mir Herr W. und ekelte sich wortreich. Und Frau S. verglich stillende Frauen mit Exhibitionistinnen. So etwas wolle man als normaler Mensch echt nicht in der Öffentlichkeit sehen. Bäh!

Obwohl das erst drei Jahre her ist, scheint es wie aus einer anderen Zeit zu sein. Es hat sich viel getan an der Mutterbrustfront, entblösste Busen sind salonfähig geworden. Ich, die ich meine zweite Tochter gar bis ins vierte Lebensjahr hinein gestillt habe, finde das wunderbar. Gerade gestern sah ich wieder eine halbnackte Mutter mitten im Einkaufszentrum. Ein netter Verkäufer hatte ihr einen Stuhl gebracht. Und dann sass sie da, umzingelt von Wintermänteln und Schals, und gab ihrem Kleinen die Brust. Einfach so. Das Baby genoss die Kuschelzeit und schmatzte leise im Rhythmus, während Passanten vorbeischlenderten. Manche Leute guckten dezent weg, um den intimen Augenblick nicht zu stören, andere guckten gerührt hin. Hochgezogene Augenbrauen sah ich keine.

Es ist halt schon so: Manchmal dauert es länger, bis sich die Gesellschaft an neue Bilder gewöhnt hat, bis sich die Wahrnehmung der Leute verschiebt. Eine stillende Mutter ist eben keine Halbnackte ohne Manieren, die ihre sekundären Geschlechtsmerkmale schamlos herumzeigt. Es ist eine Frau, die das tut, wofür die Natur sie perfekt ausgestattet hat.
Dazu passt die folgende Pressemeldung: Der amerikanische «Playboy» will neu auf Fotos unbekleideter Bunnies verzichten. Statt Silikonbusen gibts dort bald nur noch intellektuelle Essays und erotische Gedichte. Wenn Sie mich fragen, dann haben die Blattmacher einfach nur die Zeichen der Zeit erkannt. Nackte Brüste ohne Baby sind out. Und nackte Brüste mit Baby sind keine Meldung wert.

Autor: Bettina Leinenbach