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27. Juli 2015

Bruno Spörri vs. Jay-Z

US-Rapper Jay-Z klaute ungeniert Musikfragmente von Bruno Spoerri. Das liess die Schweizer Jazzgrösse nicht auf sich sitzen und machte dem Megastar den Prozess. Mit Erfolg: Spoerri gewann und erfuhr daraufhin viel Sympathie und Aufmerksamkeit. Anfang Juli erhielt er vom Zürcher Regierungsrat die Goldene Ehrenmedaille.

Jazzpionier Bruno Spoerri
Der (Elektro-)Jazzpionier Bruno Spoerri mit Instrument im Garten.

«Es sind nur zwei Sekunden», sagt Bruno Spoerri (79) und lacht. Er sitzt an einem grossen, runden Tisch in seiner Wohnung in Zürich. Zwei Sekunden, die ihm dieses Jahr mehr Aufmerksamkeit gebracht hätten, als er je zuvor in seiner musikalischen Karriere erfahren habe. Und die Karriere dauert schon lange. Seit 50 Jahren macht Spoerri Musik und ist eine bekannte Grösse in der Schweizer Jazzszene.

Stinkfrech: Für seinen Song «Versus» hat sich Rapper Jay-Z ungefragt bei Bruno Spoerris Stück «On the Way» aus dem Jahr 1978 bedient. Jetzt muss der Megastar den Jazzer an den Einnahmen beteiligen (Bild: Keystone/Camera Press)
Stinkfrech: Für seinen Song «Versus» hat sich Rapper Jay-Z ungefragt bei Bruno Spoerris Stück «On the Way» aus dem Jahr 1978 bedient. Jetzt muss der Megastar den Jazzer an den Einnahmen beteiligen (Bild: Keystone/Camera Press)

Zwei Sekunden Musik hat der US-Rapper Jay-Z (44) von Spoerri abgekupfert, ohne um Erlaubnis zu fragen. Schon 1978 schrieb Spoerri sein Stück «On the Way», verlegt hat es das englische Label Finders Keepers. Die Experten des Labels waren es auch, die entdeckten, dass eine kurze Passage in Jay-Zs Song «Versus» (2013) verdächtig nach Spoerri klingt. Ein Rechtsstreit folgte, Jay-Z hatte in einem Interview mit der englischen BBC noch den Nerv, zu behaupten: alles von mir, nichts geklaut. Doch sein Produzent Timbaland gab schliesslich zu, sich bei «On the Way» bedient zu haben, und Spoerri gewann den Prozess.

«On the Way» machte Bruno Spörri berühmt. Quelle: YouTube/Tuberider1976

«Hätte er vorher gefragt, wäre es etwas anderes gewesen», sagt Spoerri. Nun bekommen er und sein englisches Label die Hälfte der Einnahmen. «Es freut mich vor allem für das kleine Label», sagt der Musiker, und um riesige Summen gehe es ja nicht. Viel Aufmerksamkeit bekam die Geschichte, weil es eine klassische David-Goliath-Konstellation ist: Der millionenschwere Jay-Z, der weltweit auftritt, gegen den Schweizer, den in seiner Heimat vor allem Liebhaber von Jazz und experimenteller Musik kennen.

Das Medieninteresse, so Spoerri, sei aber schnell wieder abgeflaut, worüber er nicht unglücklich gewesen sei. Und der Musiker machte weiter, was er schon immer gemacht hatte: innovative Musik produzieren, die in keine Schublade passt. Spoerri fühlt sich im klassischen Jazz genauso zu Hause wie beim Tüfteln mit der Elektronik, der er häufig mit ganzem Körpereinsatz Töne entlockt. Der Schweizer hatte schon in den 60er-Jahren begonnen, mit elektronisch erzeugter Musik zu experimentieren. Austausch hatte er damals vor allem mit Musikern aus dem Nordosten der USA.

Die erste Version von Bruno Spoerris «Hallo World». Quelle: YouTube/MrJJBonanza

Wer Spoerri auf der Bühne sieht, der würde nicht denken, dass der Basler im August 80 Jahre alt wird. Kürzlich beim Jazzfestival Schaffhausen trat er mit der Rapperin Big Zis, der Jazzsängerin Christina Jaccard und einer Band auf, wechselte zwischen Saxofon und seinen selbst gebauten elektronischen Instrumenten. Dann hielt er beispielsweise einen kleinen Ball in der Hand, trug eine Manschette um das Handgelenk, von der aus Kabel zum Computer auf der Bühne führten. Je nachdem wie Spoerri den Arm bewegte, veränderten sich die Töne.

Die Musik brachte er sich selber bei

«Das, was im Moment entsteht», sagt er, «interessiert mich am meisten.» Die Improvisation, das Unvorhergesehene. So glaubt er, könne das Publikum am besten mitleben und fühlen, was er mit seiner Musik aussagen wolle. Improvisation war auch in seinem Leben so manchmal gefragt.

Die erste Version von Bruno Spoerris «Les Electroniciens». Quelle: YouTube/Formicri

«Das meiste von dem, was ich gemacht habe, habe ich nicht gelernt», sagt Spoerri. Gelernt hat er an der Universität, dort studierte er Psychologie, wollte Psychoanalytiker werden. Die Musik, den Jazz, das Saxofonspielen, das Tüfteln mit der Elektronik brachte er sich selbst bei. Und diesen Dingen, so merkte er bald, gehört sein Herz. Als Vater von fünf Kindern war es mit einem Konzert da und dort aber nicht getan. «Ich konnte mir nicht leisten, etwas zu machen, von dem ich nicht leben konnte», sagt er, zuckt mit den Schultern und lächelt. So nahm er Auftragsarbeiten aus Film und Werbung an, wobei ihm seine Vielseitigkeit immer zugutekam. 16-Stunden-Tage waren dabei keine Seltenheit, der Druck manchmal gross.

Trotz seiner 80 noch frisch und neugierig

Doch im Rückblick sieht Spoerri das positiv: «Dass ich nirgendwo so richtig etabliert bin, hat mich wach gehalten.» Und mit dieser Wachheit beeindruckt er noch heute, tritt mit Künstlern auf, die kaum halb so alt sind wie er. Beispielsweise mit dem Schlagzeuger Julian Sartorius, 34 Jahre alt. Im November spielen Sartorius und Spoerri zusammen ein Konzert in Zürich. «Er ist immer am Suchen, immer offen für neue Dinge», sagt Sartorius. Und das in einem Alter, in dem viele andere nichts Neues mehr wagen. Sartorius war einst Schüler an der Jazzschule Luzern, wo Spoerri Jazzgeschichte unterrichtete. Acht Jahre ist das her. An einem Festival in Holland trafen sich die beiden wieder und begannen, gemeinsam Musik zu machen. «Ich wünsche mir, dass ich mit 80 einst auch noch so frisch sein werde in meinem Denken», sagt Sartorius.

Die erste Version von Bruno Spoerris «Hymn of Taurus». Quelle: YouTube/MrJJBonanza

Anfang Juli erhielt Spoerri vom Regierungsrat des Kantons Zürich die Goldene Ehrenmedaille. Spoerri sei ein «bescheidener, neugieriger Künstler, der die turbulenten musikalisch-künstlerischen Entwicklungen der letzten 60 Jahre bewusst miterlebt und gekonnt mitgestaltet» habe, hiess es in der Begründung. Auf die Ehrung angesprochen, sagt Spoerri: «Ach, ich habe mich einfach gefreut, an dem Abend all meine Freunde wiederzusehen.» Das könnte er schon bald wieder: Bruno Spoerri ist für den diesjährigen Schweizer Musikpreis nominiert, der am 11. September verliehen wird.

Autor: Alexandra Bröhm

Fotograf: Gian Marco Castelberg