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13. Oktober 2014

Brüderchen und Schwesterchen sei Dank!

Das Migros-Magazin widmet sich am 13. Oktober dem Thema Einzelkinder («Brauchen Kinder Geschwister?»). Dabei hat auch das Aufwachsen mit Geschwistern Vor- und Nachteile. Ein halbernstes Loblied auf Schwester und Bruder mit den wichtigsten Trümpfen.

Schlimmer Zoff?
Schlimmer Zoff? Eher frühe Schulung in Streitkultur und Darwinismus... (Bild Getty Images)

Was ist Ihre Meinung? Haben Sie die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern genossen oder vielmehr ein Gschpänli zum Spielen, das stets verfügbar war? Und was bringen die Geschwister, wenn man erst erwachsen ist? Verraten Sie uns Ihre Erfahrungen und was Sie heute als Familienideal für die Kleinen ansehen unten in einem Kommentar.

BEI KINDERN

1. Langeweile ade
Dank Brüderchen oder Schwesterchen ist stets für Gesellschaft gesorgt. Fällt der Altersunterschied nicht zu gross aus, kann man endlos zusammen spielen. Langeweile kommt kaum je auf. Wenn auch noch das Zimmer geteilt wird, gibts kaum Ruhe – auch für die Eltern. Mindestens ein Kind will schon sonntags um sechs Uhr spielen und zieht das andere mit. Und wer abends zuerst schlafen und nicht mehr schwatzen will, ist eh ein «Weichei».
2. Streitkultur entwickeln
Sitzt man ständig aufeinander, verläuft der Tag nur selten von A bis Z in einträglicher Stimmung. Beide (oder alle!) wollen unbedingt dasselbe Spielzeug im selben Moment oder etwas völlig anderes unternehmen als die andern. Zwangsläufig lernen die Kleinen so, Differenzen auszutragen und in den meisten Fällen auch auszuhalten. Kurz: Die Streitereien verschwinden mit der Zeit zwar nicht, aber man lernt, damit zu leben. Und das ist gegenüber Einzelkindern ein Vorteil, sobald es in Spielgruppe, Kindergarten oder Schule geht.
3. Druck verteilen
Heutzutage stehen die stolzen Eltern aufgrund der Entwicklung ihres Nachwuchses unter grossem Druck: Ist er wirklich intelligenter, gewandter, folgsamer usw. als andere? Wohlgeratene Kinder sind längst zum ultimativen Beweis geworden für die erfolgreiche Familie und speziell Papa und Mama in ihrer Paraderolle. Zum Teil geben sie diesen Druck zwangsläufig an ihre Schützlinge weiter. Da schadet es garantiert nicht, wenn man ihn auf mehr als eine Person verteilen kann.
4. Darwinismus lernen
Apropos verteilen: Unabhängig vom Streiten gilt es für Kinder in der heutigen Gesellschaft schon bald, sich durchzusetzen. Und auch da taugt der Kampf unter Geschwistern als ideale erste Übungsplattform. Was heisst da Übung? Um die Aufmerksamkeit – sagen wir gleich: Liebe – der Eltern duelliert man sich schon ganz früh. Sie können jeden Psychologen fragen: Was gibt es Wichtigeres? Das ältere Geschwisterchen verteidigt seine Rechte, wenn ein Neuankömmling auftaucht, und Letzterer fordert mindestens anfangs ohnehin Aufmerksamkeit, ohne sich gross um die Umwelt zu scheren. Wer diese Lektion gründlich gelernt hat, setzt sich im Job eher gegen Konkurrenz durch.
5. Erben
In den meisten Fällen gilt die Gnade der Jüngeren: Sie profitieren häufig von den älteren Geschwistern, die gewisse Kämpfe um den seriösen Lebenswandel – die grossen As wie Aufgaben oder Ausgang – bereits ausgetragen haben. Die Jüngeren müssen meist noch einen oder zwei draufsetzen, um ähnliche Probleme zu kriegen. Es sei denn, die oder der Älteste war ein ausgemacht braves Kind, böser: ein Langweiler.
Beim Erben kommen ausnahmsweise aber auch die Eltern zum Zug: Nicht die ganze Ausstattung von Bettchen über Kleider bis Spielsachen muss neu gekauft werden. Beim Kleideraustragen hört für die jüngeren Geschwister jedoch der Spass auf …

BEI ERWACHSENEN

6. Oft wird die Beziehung nach dem Auszug zu Hause noch besser. Es entstehen verlässliche Vertraute, wie sie sonst kaum zu finden sind.

7. Immer mehr wird auch das fast blinde Verständnis geschätzt, gerade beim Rückblick auf Früher – wer sonst hat in der Kindheit schliesslich viele identische Erfahrungen (positiv wie negativ) gemacht?

8. Warum wohl wählen Heiratende oder Taufendeso oft Schwesterchen oder Brüderchen als Trauzeugen, vor allem aber Paten des Kindes? Eben.

9. Man hat zu Feiern oder anderen Anlässen wohlgesinnte Eingeladene, die meist gar mithelfen und verlässlich für Stimmung sorgen, ohne ganz durchzustarten.

10. Man muss – hier bitten wir sensiblere Leser(inne)n um Verzeihung – sich nicht allein mit alt werdenden Eltern herumschlagen, vermehrt für sie sorgen, den Heimplatz suchen oder am Ende die Beerdigung organisieren und durchstehen. Vereint gelingt es besser, vor allem aber ist man in schwierigen Momenten nicht allein – und nicht allein der/die Böse.

Autor: Reto Meisser