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12. Mai 2014

Bronzemedaille im Häkeln

Die Berner Oberländerin Renate Lengacher häkelt ihrer Konkurrenz davon. Sie gewann an der WM in Deutschland die Bronzemedaille. Sehen Sie im Video, wie schnell Renate Lengacher häkelt.

Immer wenn 
es ihr hektischer Alltag zulässt, greift Renate Lengacher zur Häkelnadel. Hund Lesco 
leistet ihr dabei
 Gesellschaft.
Immer wenn 
es ihr hektischer Alltag zulässt, greift Renate Lengacher zur Häkelnadel. Hund Lesco 
leistet ihr dabei
 Gesellschaft.

Wie eine Schwingerkönigin wurde sie empfangen, als sie zu Hause in Aeschiried BE eintraf. «Das war wahnsinnig», sagt Renate Lengacher (44). Ihre Augen, ihr Mund – ihr ganzes Gesicht lacht. Mit der Bronze­medaille war sie von der Häkel-Weltmeisterschaft im deutschen Zirndorf zurückgekehrt. Sieben Minuten und fünf Sekunden: So viel Zeit hatte sie gebraucht, um fast der ganzen Konkurrenz davonzuhäkeln und die 55 Meter Garn in eine Mütze zu verwandeln. Sie war so schnell wie nie zuvor: «Die Wettkampfstimmung tut mir gut, wenn rund um mich was los ist, bin ich am schnellsten.»

Das Dorf, eine verstreute Ansammlung von Bauernhäusern, Wohnhäusern und Chalets, die auf 1000 Meter Höhe über dem Südhang des Thunersees liegen, ist stolz auf die frischgebackene WM-Dritte und feierte diese entsprechend. In der Chemihütte, der bekanntesten Beiz weitum, erwarteten sie Gemeinderäte und mehrere Vereinsdelegationen der Gegend. Es gab auch etwas zu trinken für die gut 50 Anwesenden.

Mit Kuhglocken und eigenem Fanclub an den Häkel-Wettkampf

Die Reise nach Deutschland war viel mehr als bloss ein Wettkampf. «Das war ein richtiges Abenteuer», sagt Renate Lengacher, «wir fuhren mit zwei Kleinbussen hin.» Wir – das war eine Gruppe von 17 Personen: ihr Fanclub. Mit dabei waren Ehemann, ältester Sohn, Schwester, Bruder, Schwiegermutter, die beiden Schwägerinnen und Freunde aus dem Dorf. Allesamt trugen sie von Renate Lengacher gehäkelte Kappen, nahmen Kuhglocken mit und sorgten beim Einzug in die WM-Halle und während des Wettkampfs so richtig für Stimmung. «Das war super», sagt sie. Die Schweizerin war schnell die bekannteste aller 96 WM-Teilnehmerinnen.

Quelle: Telebärn

Das Transparent mit der Aufschrift «Herzliche Gratulation zur WM-Bronze» hängt noch immer am Balkon. «Das haben meine Zwillinge gemacht», sagt die Oberländerin. Mittlerweile finden es auch die 16-jährigen Jungs cool, dass ihre Mutter häkelt.

In der Stube steht ein hoher Korb voller bunten Garns, eine Häkelarbeit ist angefangen. Der Tisch und die Sofas füllen die Stube fast vollständig aus, an der Wand hängen Glocken, Familienfotos und Eishockeybilder, in den Fenstern gehäkelte Sterne. Ein Kranz der Hand- und Waldsägemeisterschaft liegt auf der Wohnwand. Seit 15 Jahren wohnt Renate Lengacher mit der Familie in diesem Chalet, das einst noch den Landwirtschaftsbetrieb ihrer Schwiegereltern beherbergt hatte. Im Westen streckt der Niesen seine Flanken tobleronemässig in die Höhe, im Südosten leuchten die Schneehänge der Schwalmere.

Im Spätherbst des letzten Jahres hat sie im Wollladen in Spiez BE die Ausschreibung für die Ausscheidung für die Schweizer Meisterschaft gesehen. «Ich dachte – warum nicht? Und begann zu üben.»

Für die erste Mütze brauchte sie eine Stunde. Doch das Garn lief schneller und schneller durch ihre Finger. Bald brauchte sie nur noch einen Viertel der Zeit, das war aber immer noch zu langsam. Auf die Technik kommt es an, habe sie dann gemerkt. Sie stieg von der geläufigen Masche «Halbi Stäbli» zur Büschelmasche um; da verhäkelt man viel schneller viel mehr Garn. Die Berner Oberländerin ist talentiert: Ob an der Vorausscheidung und dann an der Schweizer Meisterschaft – sie liess ihre ganze Konkurrenz hinter sich.

Während die Buben trainierten, häkelte sie auf der Wartebank

Eigentlich ist es ein kleines Wunder, dass sie überhaupt Zeit zum Handarbeiten fand und findet. Denn ihre Tage sind mehr als ausgefüllt. Täglich kocht sie für ihre vier Männer, den Ehemann und die drei Söhne, schmeisst den Haushalt, arbeitet 50 Prozent als Postzustellerin, präsidiert den Gemischten Chor Stimmix Aeschi, ist Platzanweiserin an den Thuner Seespielen, führt ein Bed and Breakfast und sorgt dafür, dass ihre drei Söhne pünktlich ins Hockeytraining und an die Spiele kommen.

Zehn Jahre lang hat sie die Buben bis zu vier Mal pro Woche zum Training der SC Bern-Junioren chauffiert. Heute spielen sie in der Nähe, beim HC Dragon Thun. Von Oktober bis März ist jedes Wochenende Match. «Wenigstens ihr Trainingszeug waschen sie selbst.» Das Hockeyspiel ihrer Jungs ist aber auch mitverantwortlich, dass Renate Lengacher so schnelle Finger hat. «Eishockeytrainings, das ist immer eine Warterei», sagt sie. So hat sie während Jahren immer eine Lismete mitgenommen, damit sie etwas zu tun hatte, wenn ihre drei Buben über das Eis flitzten. 13 Saisons lang hat sie ihre Finger trainiert und ist nun auch im Häkeln schnell «wie das Bisiwetter».

Auch sonst lässt sie nichts anbrennen. Sie hat mittlerweile ihr eigenes Label gegründet, es heisst Renates Wolldorado. Via Homepage verkauft sie Mützen, Stirnbänder und bietet Häkelkurse an. Nun ist sie dran, ihr Angebot auszubauen und neue Bestellkarten auszuarbeiten: Jeder soll seine individuelle Mütze mit Lieblingsfarben und -muster zusammenstellen können.

Mit Häkeln ist Renate Lengacher voll im Trend. Ob Mützen, Stirnbänder, Bordüren, Figuren oder Deko-Gegenstände – gehäkelte Produkte haben seit ein paar Jahren ihr altbackenes Image verloren. Gehäkelte Mode ist chic, die japanischen Häkelfiguren Amigurumi sind in, Häkelmützen gehören auf den Kopf modebewusster Städter, und Handarbeiten ist das angesagte Hobby zur Entschleunigung vom stressigen Alltag.

Dass sich die gehäkelten Mützen im deutschsprachigen Raum zu einem trendigen Accessoire gemausert haben, ist grösstenteils zwei deutschen Studenten zu verdanken. Vor fünf Jahren entdeckten sie während Skiferien in Japan das Häkeln und stellten ihre ersten eigenen Mützen her. Zurück in Deutschland, gründeten sie die Firma Myboshi und verkaufen heute rund 25 000 handgefertigte Mützen pro Saison. «Boshi» heisst Mütze auf Japanisch. «My» steht dafür, dass jeder seine eigene Farbkombina­tion bestellen kann. 2013 organisierten sie zum ersten Mal eine Häkel-Weltmeisterschaft.

Renate Lengacher will auch nächstes Jahr wieder dabei sein und die Konkurrenz auf die Plätze verweisen.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Michael Sieber