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04. Mai 2017

Brigitte Aschwanden: Illettrismus ist überwindbar

Illettrismus hat viele Ursachen. Aber wer motiviert und diszipliniert spezialisierte Kurse besucht, der kann die Lese- und Schreibschwäche überwinden, sagt die Leiterin des Vereins Lesen und Schreiben. Ihr Verein hat kürzlich ein telefonisches Beratungsangebot lanciert.

Brigitte Aschwanden
Brigitte Aschwanden, Leiterin des Vereins Lesen und Schreiben Deutsche Schweiz. (Bild zVg)

Brigitte Aschwanden, was ist Illettrismus?
Davon betroffen sind Menschen, die nicht so gut lesen oder schreiben können, wie es im Alltag und im Job gefordert und erwartet wird. Und das, obwohl sie die in der Schweiz obligatorischen Schulen durchlaufen haben.

Welches sind die Ursachen dafür?
Es gibt ganz unterschiedliche. Eine typische ist die Legasthenie, also eine genetische Lese- oder Schreibschwäche. Es kann aber auch sein, dass jemand mit einer Sehstörung nie richtig lesen gelernt hat. Menschen mit Konzentrationsstörungen, mit sozialen oder psychischen Problemen kann es ebenfalls treffen. Es reicht schon, wenn jemand während der Schulzeit länger krank war oder wegen vieler Umzüge dauernd mit neuen Lehrpersonen klarkommen musste. Erschwerend kommt hinzu, dass man heute in fast jedem Beruf schreiben können muss, das hat die Problematik für die Betroffenen verschärft.

Welche Bandbreite an Sprachschwächen gehören zum Illettrismus?
Das geht von Menschen, die schon beim Lesen Probleme mit komplizierteren Worten haben, bis zu Leuten, denen es lediglich schwerfällt, komplexere Texte zu schreiben – also etwa einen Hauptsatz mit zwei Nebensätzen richtig und variantenreich zu verbinden oder einen Abschnitt sinnvoll zu strukturieren.

Und es sind wirklich 800’000 Menschen in der Schweiz davon betroffen? Das ist eine enorme Zahl.
Sie stammt aus der Hochrechnung einer internationalen OECD-Studie von 2006, basierend auf etwa 5000 Interviews in der Schweiz. Andere oder aktuellere Zahlen gibt es nicht, weil die Schweiz an keinen weiteren Studien zu diesem Thema teilgenommen hat. Die Daten aus Nachbarländern weisen jedoch darauf hin, dass sich seither nichts dramatisch verändert hat. Wir gehen davon aus, dass diese Zahl noch immer einigermassen korrekt ist, auch wenn damals nur die Lesekompetenz und nicht das Schreiben gemessen wurde. Klar ist: Es ist ein weltweites Phänomen. In der Schweiz ist es aber weniger sichtbar als in anderen Ländern, wo die Betroffenen oft viel schneller durch alle Maschen in die Armut fallen.

Das Phänomen Illettrismus ist in der Schweiz weniger sichtbar als dort, wo Betroffene schneller in die Armut fallen.

Laut einer Studie des Bundesamts für Statistik von 2007 sind 1,1 Milliarden Franken Ausgaben der Arbeitslosenversicherung auf Leseschwäche zurückzuführen.
Auch diese Zahl ist seriös kalkuliert. Wenn alle Betroffenen lernen würden, sehr gut zu lesen und zu schreiben, würden diese Kosten zwar nicht einfach auf null sinken, könnten aber deutlich reduziert werden.

Gibt es Länder, die besser mit Illettrismus umgehen als die Schweiz?
Der Leidensdruck der Betroffenen in den angelsächsischen Ländern war grösser, deshalb haben die Regierungen dort viel mehr Mittel in den Kampf dagegen investiert – nicht nur gibt es mehr Lese- und Schreibkurse, es finden auch grosse Sensibilisierungskampagnen statt. In Irland gab es sogar schon eine TV-Soap zum Thema und in Deutschland immer wieder mal Fernsehspots. Darauf warten wir in der Schweiz noch immer vergeblich. Von den 26 Milliarden, die in den nächsten vier Jahren in Bildung, Forschung und Innovation fliessen sollen, gehen gerade mal 25 Millionen in den Bereich Grundkompetenzen. Das ist zu wenig. Ich finde, es sollte Politik und Gesellschaft stärker beunruhigen, dass wir so viele Menschen haben, die nicht genug gut lesen und schreiben können. Und viele Betroffene wissen gar nicht, dass es Kurse gibt, die ihnen helfen können.

Viele wissen gar nicht, dass es Kurse gibt, die ihnen helfen können.

Können denn alle ihre Lese- und Schreibschwächen durch solche Kurse überwinden?
An sich ja. Eine wichtige Einschränkung bleibt aber die eigene Motivation und Disziplin. Man muss es wollen, und man muss dranbleiben, dann klappt es auch. Aber es kann einige Jahre dauern, bis man auf einem richtig guten Level ist. Und natürlich kosten diese Kurse Geld, werden aber in den meisten Kantonen subventioniert.

Das heisst aber auch: Viele Kinder könnten schon in der Schule mit intensiver Betreuung vom Problem befreit werden.
Absolut. Aber das ist ein heikles Thema, weil auf der Schule bereits so viele andere Ansprüche lasten. Und es wird schon einiges gemacht. Trotzdem ist heute nicht allen Lehrpersonen bewusst, dass einige Schüler in diesem Bereich besondere Aufmerksamkeit brauchen. Manchmal fehlen allerdings schlicht die Ressourcen dafür. Die Pisa-Zahlen weisen darauf hin, dass sich die Lage gegenüber früher nicht wesentlich verbessert hat. Noch immer verlassen viele die Schule, ohne Lesen und Schreiben richtig zu beherrschen.

Was ist das Geheimnis Ihrer Sprachkurse? Wie genau helfen sie?
Ganz zentral ist das wachsende Selbstvertrauen; nach und nach realisieren die Teilnehmenden: Ich kann das! Viele fühlten sich damals in der Schule unter Druck und waren frustriert; die Kurse erleben sie ganz anders, ohne Druck, ermutigend. Zudem sind sie sehr individualisiert, man arbeitet also gezielt und intensiv an den eigenen Defiziten. Einige Teilnehmende realisieren dort auch zum ersten Mal, dass sie nicht allein sind mit ihrem Problem, fühlen sich zum ersten Mal ernst genommen. Aber die meisten Kurse finden nur einmal pro Woche abends für zwei bis drei Stunden statt – man muss also Zeit haben, daneben auch selbständig zu üben.

Führen die meisten trotz der Sprachschwäche ein weitgehend «normales» Leben, oder gibt es viele, die stark eingeschränkt sind im Berufs- und Privatleben?
Es gibt beides. Wir kennen natürlich vor allem die, die zu uns in die Kurse kommen – und das sind wohl eher die, die es geschafft haben, trotz allem ein relativ gutes Leben zu führen. Aber das ist ein ganz kleiner Teil der Menschen mit Illettrismus. Wenn mehrere Faktoren zusammenkommen, jemand zum Beispiel mit Druck weniger gut klarkommt und seine Sorgen im Alkohol ertränkt, dann wird es schnell schwierig. Es gibt einige, die sagen, sie hätten ein neues Leben geschenkt bekommen, nun, wo sie richtig lesen und schreiben können.

Wenn jemand mit Druck weniger klarkommt, wird es schnell schwierig.

Viele leiden offenbar bis heute unter Verletzungen aus der Kindheit, wo sie von Lehrpersonen, Mitschülern oder gar Eltern als «Tubeli» verspottet wurden. Wie kommt man über so was hinweg?
Das ist oft nicht leicht. Einige schaffen es mit Unterstützung, andere nicht. Das hängt oft von den eigenen Ressourcen ab. In anderen Ländern sind die Schreibkurse auch kombiniert mit Selbsthilfegruppen, das ist bei uns in der Regel nicht der Fall.

Warum ist Illettrismus noch immer ein solches Tabuthema, wo er sich doch eigentlich recht gut überwinden liesse?
Weil sich viele Menschen nicht vorstellen können, wie es möglich ist, dass man nach neun Schuljahren nicht richtig lesen und schreiben kann – wo doch unser Schulsystem als eines der besten der Welt gilt. Also glauben sie fälschlicherweise, wer das nicht schafft, ist entweder dumm oder faul. Beides ist stark stigmatisierend, was es Betroffenen erschwert, damit offener umzugehen. Gerade deshalb wären breit angelegte Sensibilisierungskampagnen so wichtig. Ebenso wie das Wissen, dass man dagegen etwas tun kann. 

Dok-Film über Menschen mit Illettrismus: www.boggsen.ch Brigitte Aschwanden (53) ist Geschäftsführerin des Vereins Lesen und Schreiben Deutsche Schweiz, dessen Mitglieder in allen Kantonen entsprechende Sprachkurse anbieten: www.lesenschreiben-d.ch
Unter der Gratisnummer 0800 47 47 47 erhält man seit kurzem eine kompetente Beratung zu den Angeboten des Vereins in den Bereichen Lesen, Schreiben, Rechnen und IKT – sowie Antworten zu Fragen aus diesem Bereich.

Autor: Ralf Kaminski