Archiv
05. August 2013

Breithorn Hochtour: Heilung am Berg

Die Tour auf das Breithorn bei Zermatt ist kurz, geht aber hoch hinaus: auf 4164 Meter. Der Berg gilt als leichtester 4000er der Alpen, doch die dünne Luft kann einem zu schaffen machen. Outdoor-Journalist Üsé Meyer wagt die Tour trotz Erkältung und erlebt ein kleines medizinisches Wunder.

Die Gruppe beim Aufstieg aufs Breithorn bei Zermatt
Mit Steigeisen erklimmen sie den steilen Hang: ...
Outdoor-Journalist Üsé Meyer
Outdoor-Journalist Üsé Meyer.

DER GRENZGÄNGER IM VIDEO
Das Filmporträt: Reiseprofi Üse Meyer überquert in der neuen Outdoor-Serie «Grenz-Erfahrungen» Landes-, Kantons- und Sprachgrenzen. Wann er an seine persönlichen Grenzen stösst, erzählt er im Filmbeitrag. Zum Video

Geht ohne mich», sage ich. Bleich, schwindlig, kraft- und saftlos sitze ich in der Gondel, die gerade erst von der Talstation in Zermatt losgefahren ist. Der Frust sitzt tief. Denn die Bedingungen für eine Besteigung des 4164 Meter hohen Breithorns könnten nicht besser sein: grandioses Wetter und, weil es noch Vorsaison ist, wohl auch wenige Leute am Berg. Und jetzt macht mir eine starke Erkältung einen Strich durch die Rechnung. Denn besser wird es in der Höhe sicher nicht. Im Gegenteil — das kann man überall nachlesen: Bereits ab rund 2500 Metern könne es zu akuter Höhenkrankheit kommen, steht geschrieben. Die Folgen: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und mehr. Denn vereinfacht gesagt, je höher man steigt, desto weniger Luft steht einem zur Verfügung — also auch weniger Sauerstoff. Viel Stress für einen sowieso schon angeschlagenen Organismus.

Auf 3883 Metern, bei der Bergstation Klein Matterhorn, laufen wir als Viererseilschaft los: Gernot (39), Robert (42), ich (45) und unser Bergführer Thomas. Der 44-jährige Zermatter mit dem Übernamen Turbo hat mich überredet, es trotz allem einfach zu versuchen. Warum man ihn «Turbo» nenne, sei ihm selbst schleierhaft, sagt der drahtige Bergler bescheiden. Ich hoffe jedenfalls, dass er heute seinem Namen keine Ehre machen wird.

«Breithoru-Liit» — nicht unbedingt ein Kompliment

Der Weg führt erst über das flache, vergletscherte Breithornplateau, wo momentan noch viel Schnee liegt, was die Überquerung des Gletschers relativ ungefährlich macht. Obwohl mir nach wie vor etwas «trümmlig» im Kopf ist, geht das Laufen wider Erwarten recht gut. Das Breithorn gilt als leichtester Viertausender der Alpen — konditionell und technisch. Wenn die Zermatter von «Breithoru-Liit» sprechen, meinen sie das darum auch nicht unbedingt anerkennend. Sie bezeichnen damit unerfahrenes alpinistisches Fussvolk, das es trotzdem aufs Breithorn schafft. Den Fehler, die Tour zu unterschätzen, sollte man jedoch nicht machen, hat es doch auch hier schon tödliche Spaltenstürze gegeben und die eine oder andere Seilschaft sich bei schlechter Sicht gefährlich verirrt.

Am Fuss des Gipfelaufschwungs montieren wir die Steigeisen, denn ab hier wird es relativ steil, und der Schnee ist zudem mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Jetzt macht mir die Erkältung doch wieder etwas zu schaffen. Aber bald schon laufe ich wie in Trance: in angenehmem Tempo, Schritt für Schritt nach oben. Das Hirn schaltet auf Sparflamme, der Körper auf Autopilot. Dank des steten Rhythmus, den Bergführer Thomas vorgibt, finde ich den sogenannten Flow. «Ja, wir Bergführer laufen präzis wie ein Schweizer Uhrwerk», gibt sich «Turbo» dieses Mal etwas unbescheidener.

Die letzten Höhenmeter werden mit harmlosem Doping bewältigt

«Viertausend», verkündet Thomas etwas später und bleibt mitten im Hang stehen. Dies ist eine doppelt gute Nachricht: Erstens sind es nur noch knapp 170 Höhenmeter bis zum Gipfel, und zweitens haben wir damit die magische 4000er-Grenze geschafft. Magisch ist sie wohl deshalb, weil es in Europa nicht höher hinausgeht — abgesehen von den 5000er-Gipfeln des Kaukasus, bei denen sich die Experten seit Langem darüber streiten, ob sie noch zu Europa oder nicht doch schon zu Asien gehören. Was die 8000er im Himalaya, sind also die 4000er in den Alpen. Und deshalb liest man in Tourenberichten so oft die stolze Formulierung «4000er-Grenze geknackt!».

Die dünne Luft macht sich nun bemerkbar: Das Herz schlägt schneller, die Atmung wird intensiver. Das ist ganz normal: Weil dem Körper auf dieser Höhe bei normaler Funktion zu wenig Sauerstoff zur Verfügung steht, kompensiert er dies durch die Erhöhung der Atem- und Pulsfrequenz. Weit weniger Stress hätte der Organismus bei richtiger Akklimatisation — wenn der Körper sich während rund fünf bis sieben Tagen sukzessive an grössere Höhen anpassen könnte. Das aktiviert nämlich die Ausschüttung des Hormons Epo, wodurch das Blut mehr Sauerstoff aufnehmen kann. Uns erst gestern angereisten Unterländern fehlt dieses natürliche Doping, deshalb greifen wir jetzt zum Traubenzucker.

Das Matterhorn stets in Sicht: Ausgangspunkt für die Tour aufs Breithorn ist Zermatt.
Das Matterhorn stets in Sicht: Ausgangspunkt für die Tour aufs Breithorn ist Zermatt.

Und dann, nach zwei Stunden, stehen wir bereits oben auf 4164 Metern. Meine Erkältung ist vergessen, ich fühle mich fit und glücklich — der Berg hat mich geheilt. Auf dem Gipfel weht ein derart stürmischer Wind, dass meine Haare zu Berg stehen — wobei das hier zuoberst auf dem Berg irgendwie falsch tönt. Trotz Sturms lassen wir uns Zeit und geniessen das Panorama mit den Gipfeln von Mont Blanc, Matterhorn, Dom oder Dufourspitze, weit unten der Gornergletscher und hinter uns das italienische Aostatal. Für den Rückweg wählen wir die Variante über den etwas ausgesetzten Gipfelgrat ostwärts und stechen danach wieder steil hinunter Richtung Breithornplateau. In der Aufstiegsroute sind jetzt nur noch drei Seilschaften unterwegs — überhaupt waren mit geschätzten 30 Bergsteigern heute wenig Leute auf dem Gipfel. An einem schönen Sonntag in der Hochsaison können es laut Bergführer Thomas weit über 100 sein. Das Breithorn ist beliebt — wohl kaum wegen seiner heilenden Wirkung, sondern eher, weil hier mit relativ geringem Aufwand die magische 4000er-Grenze geknackt werden kann.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Thomas Senf