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16. September 2013

Bravo, Bichsel!!!

Nie wurde mir charmanter kundgetan, ich hätte eine Scheisskolumne geschrieben: Das entsprechende «Migros-Magazin» liege bei ihm daheim nun auf dem Gäste-WC, beschied mir einer der Werber, über deren Kampagne zur Mülltrennung ich mich hier lustig gemacht hatte. Heute aber möchte ich einen Slogan preisen, der es mir angetan hat: «Das Leben ist offline.» Nicht, dass ich aufs Mal alles Digitale verteufeln und befürchten würde, das böse Internet mache unsere Jugend kaputt. Dennoch freute es mich, als beide Kinder uns — ganz von sich aus — vor den letzten Ferien eröffneten, sie würden ihre Handys zu Hause lassen.

Ich ‹plange› lieber auf den nächsten Brief.

«Das Leben ist offline. Alles sieht besser aus in einem Brief», wirbt unsere Post. Weil offenbar kein Mensch mehr Briefe schreibt. Ich schon. Täglich und im Wissen, wie démodé dies ist. «Snail mail», sagen die Jungen: Schneckenpost. Als ich mich letzten Sommer bei einer Frau, Mitte zwanzig, die mich im Tessin ein Stück weit mit dem Auto mitgenommen hatte, mittels eines Briefleins bedankte, fiel sie aus allen Wolken. Es sei ihr erster von Hand adressierter Umschlag seit Jahren gewesen, «come si faceva una volta», wie vor Urzeiten, beschied sie mir per E-Mail.

«Ich ‹plange› lieber auf den nächsten Brief.»
«Ich ‹plange› lieber auf den nächsten Brief.»

Liegen am Morgen nur Rechnungen und Flugblätter im Briefkasten, die mich überzeugen wollen, für ein neues Zürcher Stadion zu stimmen, bin ich enttäuscht. Ist aber ein Couvert mit leicht zittriger Schrift dabei, frohlocke ich. Denn eine liebe Bekannte vom Bucheggberg reisst mir regelmässig Peter Bichsels Kolumnen aus der «Schweizer Illustrierten», versieht sie mit Randnotizen und schickt sie mir zu. Ich lese besagte Illustrierte nicht, weil es mich nicht so interessiert, mit wem Florian Ast gerade wieder nicht mehr zusammen ist. Entgingen mir aber Bichsels Texte, es wäre ein Jammer. Er macht sich die grosse Arbeit, zu einer einfachen Sprache zu finden, er schlägt mich Mal für Mal in den Bann mit seinen klugen, zeitlosen Sentenzen. Seit einigen Monaten sind sie von einer Wehmut durchweht, als machte sich hier einer abschliessende Gedanken über das Leben. Und als er unlängst darlegte, erst die Erinnerung, erst das Erzählen mache ein Erlebnis aus, wurde mir bewusst, was mich an der digitalen Hurtigkeit zuweilen stört: dass alles immer grad gefilmt und verbreitet wird, dass ich gar nie mehr bangen, nie mehr sehnsüchtig warten muss, sondern jederzeit über jedes Zwischenresultat im Bilde bin. Bichsels Kolumnen — ob es sie auch online gibt? Ich hab nie nachgeschaut, ich «plange» lieber auf den nächsten Brief mit einer zerknitterten Seite und kugelschreibergeschriebenen Notizen. «Bravo, Bichsel!!!», stand letzte Woche darunter. Autor Bichsel hatte gestanden, der Sempach und der Stucki hätten ihn im Schlussgang des «Eidgenössischen» zu Tränen gerührt. Dann darf ich es ja zugeben: Auch meine Augen wurden feucht, als der unterlegene Koloss dem neuen König ein Müntschi auf die Stirn drückte.

Wie das in den Ferien lief? Unvergesslich. Wir stiegen in entlegene Buchten hinab, flanierten über Märkte, tranken Citron pressé unter Platanen — und nie, nie starrte eines der Kinder auf sein Handydisplay. Derjenige, der sich jeweils im Gestrüpp verbarg, um rasch nachzuschauen, ob die Young Boys ihren Rückstand aufgeholt hätten, war dann, ehrlich gesagt, ich.

Bänz Friedli live: 25. 9. Untersiggenthal AG, 26. 9. Buchs SG, 27. 9. Buchrain LU.

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli