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13. Oktober 2014

Brauchen Kinder Geschwister?

Sie seien unsozial, egoistisch, eigenbrötlerisch – Vorurteile gegen Einzelkinder halten sich noch immer hartnäckig. Dabei sind sie längst widerlegt.

Kind ohne Geschwister
Glücklich allein: Geniessen kann ein Kind auch ohne Geschwister. (Bild: Getty Images)

Vater, Mutter, Kind – und dann: Schluss. Lag die Geburtenrate in der Schweiz 1964 noch bei 2,7 Kindern pro Frau, wurde sie 2012 nur noch mit 1,53 Kindern beziffert. Einzelkinder sind hierzulande keine Seltenheit mehr. In Deutschland soll mittlerweile sogar jedes vierte Kind ohne Geschwister aufwachsen. Aber trotzdem: «Typisch Einzelkind» – in diesem lakonischen Seufzer steckte alles drin, was unsere Gesellschaft immer noch an Vorurteilen gegenüber geschwisterlosen Kindern zu bieten hat: Sie sind unsoziale, egoistische ­Eigenbrötler, die nicht teilen können und beim kleinsten Konflikt nach ihrer Mami schreien, anstatt sich selbst zu helfen. Ist das wirklich so?

«Nein, diese Thesen sind wissenschaftlich längst als Vorurteile wiederlegt», sagt der deutsche Geschwisterforscher, Psychologe und Pädagoge Hartmut Kasten (68). «Sie stammen aus einer Zeit, als Ein-Kind-Familien noch die Ausnahme und Einzelkinder überwiegend mit ihren Eltern allein waren, während die Nachbarskinder von ihren zahlreichen Geschwistern jede Menge lernen konnten.»

Das Angebot für Kontakte mit anderen Kindern ist heute riesig

Das ist mittlerweile anders. Von der Krabbelgruppe über Babyschwimmen, Krippe und Kinderturnen: Das Angebot für Kinder ist heute riesig und damit die Möglichkeit, für Einzelkinder schon früh mit potenziellen Spielkameraden in Kontakt zu kommen. Dies zu nutzen hält Jürg Frick (57), Psychologe, Dozent und Berater an der Pädagogischen Hochschule Zürich, für eine der wichtigsten Aufgaben von Ein-Kind-Eltern. «Wer sein Kind schon früh mit anderen Kindern in Kontakt bringt, bietet ihm die Chance, Erfahrungen zu sammeln, die andere Kinder dank ihrer Geschwister machen.»

Das ist das eine, das andere: «Nicht alle Erwartungen und Wünsche auf das Kind projizieren, das erzeugt einen Druck, der sich negativ auf die Entwicklung auswirken kann», so der Pädagoge. Das gilt natürlich für alle Eltern. Wird aber nur ein Kind geboren, ist die Gefahr, sich voll und ganz auf dieses eine zu fokussieren, um einiges grösser. Wer diese beiden Leitsätze beherzigt, muss sich eigentlich keine grossen Sorgen machen, seinem Kind etwas zu verbauen.

Aber natürlich hat es auch Vorteile, mit Schwester und/oder Bruder gross zu werden, miteinander zu spielen, zu streiten und sich wieder zu versöhnen.

«Meine Schwester ist die Person, mit der ich mich in meinem Leben am meisten auseinandergesetzt habe. Das prägt», postete kürzlich eine junge Mutter in einem Elternforum. Für sie steht ausser Frage, noch ein zweites Kind zu bekommen. Blut ist dicker als Wasser. Auch Buchautor Jürg Frick gibt zu bedenken: «Treten beispielsweise Probleme innerhalb einer Familie auf, wie eine Trennung der Eltern, haben Geschwister meistens jemanden zum Reden.» Und während Einzelkinder nur vertikale Beziehungsmuster zu den Eltern trainieren können, kommen bei Geschwisterkindern horizontale hinzu. So geben sich Geschwister auch untereinander ein Feedback.

Ungeteilte Aufmerksamkeit macht stark und selbstbewusst

Dass dies auch ein guter Freund oder eine gute Freundin leisten kann, davon ist Geschwisterforscher Hartmut Kasten überzeugt. Und auch Jürg Frick warnt vor Verallgemeinerungen. Nicht in jeder Familienkonstellation ist es zwangsläufig ein Vorteil, mehrere Kinder zu haben.

Müssen sich Eltern beispielsweise fast zerreissen, um allen Kindern gleichermassen gerecht zu werden, kann sich das negativ auf das Geschwisterverhältnis auswirken. Ebenso, wenn die kleine Schwester immer im Schatten der grossen steht oder der kleine Bruder jahrelang der Liebling von Mami und Papi war. Da kann es schöner sein, die ungeteilte Liebe der Eltern zu geniessen und ihr Interesse an allem, was mit einem zu tun hat. Ein Glücksgefühl, von dem erwachsene Einzelkinder oft berichten. Das macht stark und selbstbewusst.

Bei der Entwicklung komme es weniger auf die Zahl der Geschwister an als vielmehr auf die Beziehung der Eltern zu ihren Kindern und untereinander, sagt Hartmut Kasten. Ob sie nun ein Kind, zwei oder gar drei oder vier Kinder bekommen. Denn Eltern sind das Modell, an dem sich Kinder orientieren und lernen. So ist es doch entlastend zu wissen: In der Entscheidung für oder gegen ein zweites Kind sind Eltern völlig frei. Ihr Erstgeborenes kann die Entthronung durch ein Geschwisterchen genauso gut wegstecken wie die Tatsache, einziges Kind zu bleiben – solange es sich vollkommen geliebt und angenommen fühlt.

Autor: Evelin Hartmann