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16. Januar 2017

Brauchen Angestellte eine Mail-Auszeit?

In vielen Betrieben beantworten Arbeitnehmer die digitale Post auch in ihrer Freizeit – mit negativen Folgen für ihre Gesundheit. Braucht es deshalb in der Schweiz eine Regelung, die die Arbeitnehmer vor der ständigen Erreichbarkeit schützt?

Brauchen Angestellte eine Mail-Auszeit?
Zwar eine Hand, aber sicher nicht Kopf und Herz beim Kind: Das Smartphone ist Ablenkung und ein Zeitfresser. (Bild: Getty Images)

Zum Jahresbeginn hat Frankreich ein «Recht auf Abschalten» eingeführt und im Arbeitsgesetz festgehalten. Nach Feierabend und am Wochenende muss ein Arbeitnehmer nicht erreichbar sein.
Corrado Pardini (51), SP-Nationalrat und Gewerkschafter will auch hierzulande eine breite Diskussion über die ständige Erreichbarkeit der Angestellten anregen. In einem offenen Brief stellte er die Forderung auf, dass von 19 bis 7 Uhr Angestellte keinen Zugang zu Geschäftsmails haben dürfen. Es brauche kein Gesetz, wenn die Arbeitgeber zu branchenspezifischen Lösungen Hand bieten. «Abschalten muss gesellschaftlich akzeptiert sein – die negativen Folgen ständiger Erreichbarkeit sind Burn-out und Stress.»

Arbeitgeber haben gegenüber den Angestellten eine Fürsorgepflicht. Nach Ansicht des Schweizerischen Arbeitgeberverbands (SAV) soll der Umgang mit geschäftlichen E-Mails nicht auf Gesetzesstufe geregelt, sondern in den Unternehmen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer vereinbart werden. «Viele Arbeitnehmer möchten den Arbeitsplatz frühzeitig verlassen und dann später von zu Hause aus weiterarbeiten, um Beruf und Familienleben besser vereinbaren zu können», sagt Daniella Lützelschwab (49) vom SAV.

Es sei auch Aufgabe der Angestellten, einen vernünftigen Umgang mit den neuen Möglichkeiten der digitalen Arbeitswelt zu finden.
Die Internetpionierin und heutige «Digitaltherapeutin» Anitra Eggler (43) fordert klare Richtlinien punkto Verfügbarkeit in den Betrieben.

«Ständige Erreichbarkeit ist für mich ein Synonym für miserables Zeitmanagement»

Anitra Eggler (43) ist Internetpionierin
Anitra Eggler (43) ist Internetpionierin, «Digitaltherapeutin», Referentin und Autorin des Bestsellers «Mail halten!». Sie lebt in Wien. (Bild zVg)

Anitra Eggler, Braucht es vom Arbeitgeber festgesetzte Offlinezeiten, so, wie sie in Frankreich neu gelten?

Leider ja. Eigentlich bin ich eine Freundin der Selbstbestimmung. Aber die Entgrenzung der Arbeit und der Freizeit bekommt den Menschen schlecht. Sind sie permanent auf Stand-by, erschöpfen sie. Darauf könnten sie eigentlich selbst kommen, aber sie gehen es nicht an. Da dieses Verhalten der Gesundheit schadet und die Produktivität verringert, beginnt sich nun auch die Politik einzuschalten. Klare Offlineregeln in Unternehmen helfen Menschen, sich selbst zu schützen.

Warum schaffen es viele nicht, selbst ein gesundes Mass an Erreichbarkeit zu finden?

Zum einen, weil sie fürchten, sie könnten den Job verlieren oder ein anderer könnte sich hochmailen. Zum anderen, weil eingehende Mails und Nachrichten eigentliche Dealer sind. Unser Gehirn wird süchtig nach den Dopamin- und Adrenalinausschüttungen, die einen Aufmerksamkeitsreiz begleiten. Wir gehen diesen Ablenkungen nach, weil wir einfach nicht imstande sind, das abzuschalten. Ploppt eine neue Nachricht auf, müssen wir sofort wissen: Ist sie schön oder schrecklich?

Die wenigsten E-Mails und Nachrichten sind inhaltlich spektakulär.

Häufig sind sie äusserst banal, ja. Die Unternehmensberatung Bain hält die Hälfte der investierten Mailzeit für unnötig. 50 Prozent aller E-Mails sind reine Beschäftigungstherapie: Wegdelegieren von Verantwortung, Weiterreichen von Arbeit, Aktionismus. Am schlimmsten finde ich die CC-Mails, diese Absicherungsmentalität kostet unglaublich viel Zeit. Mich erinnern diejenigen, die das kultivieren, an die Petzer auf dem Pausenplatz.

Die Technologie, die uns schneller und flexibler machen sollte, scheint das Gegenteil zu bewirken.

Die digitale Dauerablenkung zerstört unsere Konzentrationsfähigkeit. Wir verschwenden viel Zeit auf sozialen Netzwerken, vergoogeln uns ins Nirwana, beantworten jedes pseudowichtige Mail und jede Nachricht augenblicklich. Das führt zu einem beachtlichen Arbeitszeitverlust. Versuche ich, ständig alles gleichzeitig zu tun, mache ich nichts mehr richtig. Harvard-Ärzte nennen die Dauerablenkung ADT (Attention Deficit Trait (Aufmerksamkeitsdefizitmerkmal). Kein Wunder, glauben die Leute, sie müssten abends und am Wochenende nacharbeiten. Ständige Erreichbarkeit ist für mich inzwischen ein Synonym für miserables Zeitmanagement.

Das Problem sind nicht die fordernden Arbeitgeber, sondern wir?

Für viele ist das Handy eine Beschäftigungstherapie. Gehen wir toll essen mit einem lieben Menschen, fotografieren wir das wunderbar präsentierte Gericht, posten es auf Facebook und schielen dann ständig aufs Handy, um die Likes zu sehen. Bleiben die aus, sind wir frustriert. Wir müssen wieder lernen, den Moment zu geniessen, ohne ihn festzuhalten und zu teilen. Und das, was wir denken, erst mal in Ruhe für uns selbst denken und nicht sofort der Welt kundtun.

Sie waren IT-Unternehmerin, heute sind Sie «Digitaltherapeutin». Wie handhaben Sie das Handy?

rüher war ich rund um die Uhr erreichbar, ging mit dem Laptop ins Bett und trug das Handy wie ein Neugeborenes durch die Wohnung. Ich kenne Handyhysterie, E-Mail-Wahnsinn, Sinnlos-Surf-Syndrom und Facebook-Inkontinenz aus erster Hand. Heute checke ich meine Mails konsequent nur noch einmal am Tag. Mein Handy ist meist lautlos eingestellt – lautlos heisst ohne Vibrationsalarm –, und ich habe alle Funktionen deaktiviert, die Auskunft darüber geben, wann ich zuletzt online war oder eine Nachricht gelesen habe. So habe ich viel Lebenszeit gewonnen. 

Anitra Eggler (43) ist Internetpionierin, «Digitaltherapeutin», Referentin und Autorin des Bestsellers «Mail halten!». Sie lebt in Wien.

Autor: Monica Müller