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30. März 2015

Bratwürste

Mit dem Essen spielen
Mit dem Essen spielt man nicht! Obwohl: Eigentlich würde die Kolumnistin ja gern mit Ketchup faule Mütter und alte Besserwisser attackieren. (Bild: Getty Images)

Neulich, um 11.30 Uhr, auf einem Fest, genauer gesagt: vorm Bratwurststand. Der Grillmeister dreht das Gas auf und legt Wurst um Wurst auf den Rost. Vor seinem Arbeitsplatz bildet sich innert weniger Minuten eine lange Schlange. «Es gaht no öppe föif Minute», sagt der Maître und dreht die ersten Cervelats. Vor mir wartet ein Pensionär, hinter mir eine Mutter mit zirka fünfjährigen Zwillingsmädchen. Die beiden Girls, nennen wir sie Mara und Klara, langweilen sich ganz schrecklich. Deswegen erkunden sie den Stand des Grillmeisters. Sie fingern an den geschnittenen Brotscheiben herum («Ich will s gröschti Stuck Brot!»).

Ich runzle die Stirn und denke an Bakterien, der Graurücken vor mir bekommt einen hohen Blutdruck. Und der Mann hinter dem Grill, der wendet die Würste nun besonders schnell. Nur die Zwillingsmutter, die findet das alles nicht schlimm. Dann entdecken Mara und Klara das Weidenkörbchen mit den abgepackten Ketchup-, Mayo- und Senfbeutelchen. Super! Das Duo greift beherzt zu, steckt Päckli um Päckli ein. Endlich erwacht die Kindsmutter aus ihrer Lethargie: «Nei, Meitli, höret uuf!» – «Warum?» – «Susch schimpft de Maa!»

Ich bin mir sicher: Nun wird der Herr hinter dem Grill platzen. Wie eine pralle Cervelat. Wäre ich an seiner Stelle, ich würde es tun. Ich rechne fest mit umherfliegenden Cervelatbrocken und will schon in Deckung gehen. Dann geschieht etwas Erstaunliches: Der Grillmeister schüttelt den Kopf und meint trocken: «Nei, wän ihr nöd ufhöred, dänn schimpft s Mami!»

Tschakka! Ich könnte dem Typ die Füsse küssen, könnte ihm alle seine Würstchen auf einmal abkaufen. Er hat meine Gedanken in Worte gefasst, hat der unfähigen Mutter den Spiegel vorgehalten. Ich hätte mir an ihrer Stelle nun einen anderen Zmittag besorgt. Aber, nein, sie kapiert es einfach nicht. Mara und Klara sind die besten Kinder auf der ganzen Welt. Und schuld sind grundsätzlich nur die anderen. Sie reckt ihr Kinn und gibt sich angriffslustig: «Aber, das sind doch Ihri Sache – und nöd miini, odr???»

Super! War ja klar, dass der Rentner vor mir nun findet, dass die Eltern von heute nicht mehr erziehen, dass es so etwas früher nicht gegeben hätte und überhaupt. Ich überlege kurz, mich in die Diskussion einzuschalten und deutlich zu machen, dass nicht alle Mütter und Väter auf ihre Erziehungsverantwortung pfeifen.
Aber dann entscheide ich mich für eine gesellschaftsverträglichere Variante. Ich stelle mir vor, wie ich mir selbst zwei Ketchup-Päckli schnappe. Das eine drücke ich auf dem Kopf der Mutter aus, das andere auf dem Haupt des nörgelnden Alten.
Und nein, bevor Sie mir jetzt böse Briefe schreiben, so etwas würde ich selbstverständlich niemals in die Tat umsetzen. Denn wir wissen ja alle: Mit dem Essen spielt man nicht.

Autor: Bettina Leinenbach