Archiv
05. Januar 2015

«Ich will den Menschen die Welt näherbringen»

Der frühere Teenieschwarm Brad Pitt ist zu einem Schauspieler mit Substanz geworden. Der sechsfache Vater über seinen neuen Kriegsfilm «Fury», seine Affinität zur deutschen Kultur und das Älterwerden.

Brad Pitt bei der «Fury»-Premiere
Heiss begehrtes Selfie-Objekt: Brad Pitt bei der «Fury»-Premiere am London Filmfestival im Oktober 2014. (Bild Getty Images)

Zuerst «Inglourious Basterds», nun «Fury», und Ihre Frau Angelina Jolie bringt mit «Unbroken» ebenfalls einen Film über den Zweiten Weltkrieg in die Kinos. Was steckt hinter Ihrer Faszination für diese Epoche?

Der Zweite Weltkrieg ist ein sehr interessanter Moment in der Geschichte. Man stellt sich die Frage, wie sich ein ganzes Volk derart in eine Ideologie verrennen kann. Aus dem gleichen Grund habe ich den Film «12 Years a Slave» zum Thema Sklaverei gemacht (Pitt war Produzent und gewann in dieser Funktion 2014 den Oscar, Anm. d. Red). Diese Ansammlung von Traumata, der Horror für die Psyche, den beide Seiten durchmachen – letztlich veranschaulicht es gut die Absurdität der Menschheit. In einem Jahr schlachten wir uns ab, im nächsten trinken wir ein Bier zusammen.

In «Fury» spielen Sie einen deutschstämmigen amerikanischen Soldaten. Welchen Bezug haben Sie zur deutschen Kultur?

Ich bin ein grosser Kunstfan, und in Deutschland bewegt sich diesbezüglich einiges. Ausserdem habe ich gute Freunde in Deutschland. Und Deutsch ist eine schöne Sprache. Vor allem, wenn man sie in leisen Tönen spricht. Dann ist sie wie Musik. Wie war mein Deutsch im Film?

Erstaunlich gut.

Brad Pitt und Gattin Angelina Jolie lotsen ihre gemeinsame Kinderschar
«Hier gehts lang»: Brad Pitt und Gattin Angelina Jolie lotsen ihre gemeinsame Kinderschar durch den Flughafen in Los Angeles. (Bild Getty Images)

Uff, das hat mich schön ins Schwitzen gebracht. Ich habe während der Dreharbeiten von «Fury» den Antikriegsroman «Im Westen nichts Neues» von Erich Maria Remarque gelesen, der den Ersten Weltkrieg aus der Perspektive eines deutschen Infanteriesoldaten erzählt. Das ist auch unsere Geschichte: zwei verschiedene Seiten, aber der gleiche Horror. Mir gehts im Film aber weniger um die beiden Seiten als vielmehr um Menschlichkeit im Allgemeinen. Einer meiner Lieblingsfilme ist «Das Boot». Das klaustrophobische Gefühl im U-Boot ist ähnlich wie bei «Fury» im Panzer. Ich will nicht in die Details gehen, ich sage nur: Die machten einfach alles da drin. Es stinkt, aber mit der Zeit wird der Panzer doch zum Zuhause. Es gab Tage, an denen ich ihn gar nie verlassen habe und mir selbst das Essen reinbringen liess.

Wie die Soldaten damals im Krieg haben Sie Ihrer Frau während des Drehs Liebesbriefe geschrieben …

… also, es waren Briefe. Mit Liebe drin, okay (schmunzelt). Briefe sind eine überraschend interessante Form der Kommunikation, die wir leider verloren haben. Aber da Angie und ich uns beide gleichzeitig mit dem Zweiten Weltkrieg befassten – sie im Pazifik, ich in Europa –, schien es angebracht, auf Skype und E-Mail zu verzichten und uns so auszutauschen, wie die Menschen es damals tun mussten. Wir filmen normalerweise nicht zur gleichen Zeit. Und ich hoffe, dass wir das nie mehr machen müssen.

Was hat Sie während der Trennung am meisten gestresst?

Angie hatte die Hälfte der Kinder bei sich in Australien und ich die andere Hälfte in Europa. Eine logistische Herausforderung, die ehelichen Besuche zu organisieren. Aber wir hatten auch Spass: Als meine Hälfte zu Besuch in Australien war, verbrachten wir zwei Nächte im Zoo. Man kann da Zelte ­mieten und die nachtaktiven Tiere beobachten – das war cool.

Und nach den beiden Kriegsdramen haben Sie geheiratet. Wie fühlt sich das nun an?

Ich fühle mich eben wie ein verheirateter Mann! Wir haben sechs Kinder und waren eigentlich längst wie verheiratet. Aber die Kinder wollten unbedingt eine Hochzeit. Und so haben wir wirklich einen schönen Tag zusammen gefeiert. Es war tatsächlich mehr als eine Zeremonie. Und ich war überrascht, dass es mir nun doch wie eine Vertiefung unserer Bindung vorkommt.

Jetzt haben Sie gerade «By the Sea» abgedreht, unter der Regie Ihrer Frau. Sie beide spielen ein Paar in der Ehekrise. So stellt man sich Flitterwochen wohl nicht gerade vor …

… oh Mann, allerdings. Und Angie war knallhart! (schmunzelt) Nein, im Ernst: Sie hat diese intime, elegante europäische Geschichte geschrieben über ein trauerndes Paar. Ich bin immens stolz auf sie, wie sie die Einstellungen vorbereitet hat. Sie weiss, was sie tut. Und unser ältester Sohn Maddox, der jetzt 13 Jahre alt ist, hat erstmals als Produktionsassistent mitgearbeitet.

Möchten Sie auch Regie führen?

Nein, diese Ambitionen habe ich nicht. Ich fungiere lieber als Produzent und helfe, die Teile des Puzzles zusammenzuschieben. Dabei kann ich rechthaberisch sein und meinen eigenwilligen Geschmack vertreten. Grundsätzlich will ich einfach meinen Beitrag zur Kultur leisten. Ich bin in einem recht religiösen Umfeld in den Ozark Mountains in Süd-Missouri aufgewachsen. Mit 24 oder 25 bin ich erstmals mit einem Flugzeug geflogen. In meiner Jugend waren Filme für mich das Tor zur Welt. Und darum gehts mir auch heute noch: den Menschen die Welt näherzubringen.

Wie haben Sie sich damals vorgestellt, wie Ihr Leben mit 50 aussehen würde?

Ich war nie der Typ mit den grossen Fünfjahresplänen. Ich handelte immer nach meinem Instinkt und habe inzwischen grosses Vertrauen in ihn – ich weiss, was sich richtig und nicht richtig anfühlt. Und mir ist ziemlich klar, wie ich leben will, was ich von meinen Kindern und meiner Frau erwarte. Das bestimmt letztlich alles. Ich fühle mich jetzt, mit 51, auch nicht anders.

Sie trauern Ihrer Jugend nicht nach?

Nein, wenn ich zwischen Weisheit und Jugend entscheiden müsste, würde ich immer die Weisheit wählen.

Wie sehen Sie ihre jungen «Fury»-Co-Stars Shia LaBeouf oder Logan Lerman im Vergleich mit Ihren Anfängen?

Es braucht seine Zeit, sich als Schauspieler zu entwickeln, deshalb tun mir die Jungen heute so leid. Sie werden so schnell verheizt. Aber ich denke, Shia und Logan sind sicher clever genug, dass sie sich da durchkämpfen.

Sie haben das von Ihnen nie besonders geschätzte Sex-Symbol-Image als Schauspieler abgelegt und zählen mit Ihrer Produktionsfirma heute zu Hollywoods Elite. Welche Ziele gibt es für Sie noch zu erreichen?

Einfach besser zu werden – als Filmemacher, als Vater, als Ehemann. Wir verbringen viel Zeit unseres Lebens damit, das abzuschütteln, was uns zurückhält. Ich mag das am Älterwerden. Und ich habe als Designer noch Ambitionen und Dinge, die ich austüfteln möchte.

Angelina Jolie bekam einen Ehrentitel von Königin Elisabeth II. Macht Sie das nun zu einer Art Ehrenritter?

Einen Lieutenant Commander? (lacht) Das war ein netter Tag für unsere Familie. Die Kinder und ich durften auch schnell rein und der Königin Hallo sagen. Ich habe meine Kids noch nie so still und respektvoll erlebt. Zu sehen, wie sie ihren Knicks machten und Ihre Hoheit sagten, hat mich sehr gefreut.

Ihre Kinder gehen nicht zur Schule, sondern werden zu Hause und unterwegs unterrichtet. Funktioniert das gut?

Ich finde schon. Maddox weiss beispiels­weise mehr über Panzer als ich. Unsere Kinder haben ein gutes Verständnis der Welt. Auf unseren Reisen sehen sie hautnah, wie die Menschen an verschiedenen Orten leben und womit sie zu kämpfen haben.

Man stellt sich ja eine Horde von sechs Kindern ziemlich chaotisch vor. Wie geht es bei Ihnen beim Abendessen zu?

Natürlich hatten wir auch schon unsere Dramen, aber ich verpetze meine Familie doch nicht! Normalerweise läufts ja auch rund. Wir reden über unseren Tag. Die Themen reichen von «Warum Menschen sterben müssen» und «Was man im Leben erreichen will» bis hin zum letzten Comedyvideo von Jimmy Fallon.

Im Panzer sind Sie der Chef. Sind Sie auch zu Hause ein guter Anführer?

Ich glaube sagen zu dürfen, dass ich kein schlechter Anführer bin. Im Film war ich der Älteste, also fiel mir schon von daher eine Führungsrolle zu. Als Commander im Panzer ist man auch für die Stimmung verantwortlich. Als Vater ist es ähnlich: Manchmal lässt man die Kids walten, und manchmal muss man die Bremse anziehen. Man muss abwägen, wann es wichtig ist, dass sie Dampf ablassen können und wann sie zurück in die Reihe geholt werden müssen.

Zwischen Arthouse und Popcorn

William Bradley Pitt (51) wurde als ältestes von drei Kindern eines Transportunternehmers und einer Schulpsychologin in eine religiöse Familie hinein geboren. Kurz vor Abschluss brach er sein Journalismusstudium in Missouri ab und zog nach Los Angeles, wo er erste Rollen in Seifenopern («Dallas») und Teenmovies ergatterte.

Der Durchbruch gelang ihm 1991 als Geena-Davis-Verführer in «Thelma & Louise». Als Schauspieler pendelt er heute zwischen Arthouse-Filmen und Popcorn- Streifen. Sein Unternehmen Plan B zählt zu den wichtigsten Produktionsfirmen Hollywoods.

Seit 2005 ist er mit Angelina Jolie zusammen, die beiden haben sechs Kinder und sind seit letztem Sommer verheiratet. Der Architektur- und Design-Enthusiast engagierte sich nach Hurrikan «Katrina» intensiv für den nachhaltigen Wiederaufbau der ärmsten Viertel von New Orleans.

Autor: Marlène von Arx