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10. April 2012

«Botox wird gerne bagatellisiert»

Das Antifaltenmittel Botox wird immer mehr zum Alltagsprodukt, obwohl die Nebenwirkungen gefährlich sein können. Der Einsatz in Coiffeursalons etwa ist verboten.

Botox ist nicht ungefährlich. (Bild: Topalov Djura)
Cathérine Manigley (60) leitet die Abteilung Marktkontrolle Arzneimittel bei Swissmedic in Bern. Swissmedic ist die schweizerische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Heilmittel. (Bild: Daniel Zihlmann).
Cathérine Manigley (60) leitet die Abteilung Marktkontrolle Arzneimittel bei Swissmedic in Bern. Swissmedic ist die schweizerische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Heilmittel. (Bild: Daniel Zihlmann)

Cathérine Manigley, inzwischen ist das Nervengift Botox in der Schweiz selbst bei Coiffeuren und in Zahnarztpraxen erhältlich. Weshalb schreitet Swissmedic als Aufsichtsbehörde nicht ein?

In der Schweiz dürfen nur Ärzte Produkte mit dem Wirkstoff Botulinumtoxin spritzen, der in Medikamenten wie Botox, Dysport oder Vistabel vorkommt. Darüber, dass andere Personen solche Produkte einsetzen, haben wir noch keine Meldungen erhalten. Sobald das der Fall ist, werden wir handeln.

Wo liegen die grössten Gefahren bei der Anwendung von Botulinumtoxin?

Die grösste Gefahr ist, wenn die Dosis zu gross ist oder der Stoff nicht an jener Körperstelle bleibt, wo er gespritzt wird: Laut Studien verursacht das Gift bei 13,3 Prozent der Patienten Kopfschmerzen, bis zu zehn Prozent müssen damit rechnen, ein Augenlid nicht mehr öffnen zu können. Das Gift kann zudem zu Augenschmerzen, Lidentzündungen und Lichtempfindlichkeit führen.

Wann ist eine Behandlung mit Botox angezeigt?

Die Behandlung von Zornesfalten, die Kopfschmerzen verursachen kann, ist die einzige zugelassene Faltenanwendung. Beim Glätten übriger Gesichtsfalten wie Krähenfüssen oder Nasenfältchen trägt der behandelnde Arzt die alleinige Verantwortung. Solche Eingriffe werden bei der Anpreisung gerne bagatellisiert.

Die Ärzte weisen Ihrer Meinung nach zu wenig auf die Gefahren hin?

Es ist schwierig zu beurteilen, wie gut die Ärzte ihre Patienten über mögliche Nebenwirkungen informieren. Immerhin hat ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vergangenen Herbst bestätigt, dass Ärzte bei Patienten keine Werbung für diese Medikamente machen dürfen. Ihnen ist es nur erlaubt, ihre Dienstleistung zu bewerben — mit sachlicher Information über Nutzen und Risiken.

Wie gefährlich sind asiatische Billigpräparate, die man im Internet bestellen kann?

Grundsätzlich warnen wir vor jeder Bestellung von Medikamenten aus dem Ausland übers Internet. Diese sind oft von sehr schlechter Qualität. Sollten Produkte mit Botulinumtoxin übers Internet angeboten werden, die sich Privatpersonen selbst verabreichen, könnte dies zu schweren Gesundheitsschäden oder gar zum Tod führen.

Tierschützer monieren, dass weltweit jährlich über 100'000 Mäuse sterben, damit Menschen weniger Falten im Gesicht haben.

Bei Botulinumtoxin handelt es sich tatsächlich um das stärkste Nervengift. In Tierversuchen, bei denen die Hälfte der Mäuse stirbt, ermittelt man die korrekte Dosierung dieser Substanz. Würden solch giftige Medikamente ohne diese Kontrolle freigegeben, könnten Patienten daran sterben, weil die Konzentration nicht stimmt.

Liessen Sie sich auch schon Botox spritzen?

Nein. Nur für die Schönheit würde ich das nie machen, denn ein Gesicht mit Ausdruck finde ich sehr interessant. Alt werden mit einer gewissen Reife hat ja auch etwas Schönes. Wenn ich jedoch einen spastischen Muskel hätte, der mir grosse Schmerzen bereiten würde, würde ich mir eine Behandlung überlegen.

Die Homepage www.kompendium.ch informiert über die verschiedenen Präparate und deren Wirkstoffe.

Autor: Reto Wild