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05. Oktober 2015

Boah ...

«Und im Franz? Gut gelaufen?»
«Und im Franz? Gut gelaufen?»

Ein Kind hat man nicht entsprechend seinen Schulleistungen lieber oder weniger gern, und wir gehören gewiss nicht zu den Eltern, die Noten allzu sehr gewichten und um schulische Leistungen ein grosses Trara machen würden. Aber wenn man beim Französischbüffeln mitgeholfen hat, abgefragt und erläutert – so gut man das «Me le, te le, le lui» eben selber noch im Kopf hat –, und zwar alle beide, Mutter und Vater, dann möchte man halt irgendwie schon wissen, wie es dem Sohn in dem Test ergangen ist.
Er stürzt nach der Schule in die Küche, heisshungrig, wie es in diesem Alter normal ist, man lässt ihn also erst mal essen und noch mehr essen. Nach einer Weile erlaubt man sich die Frage: «Und im Franz? Gut gelaufen?» Antwort: «Boah …» – «Wars schwierig?» – «Hmm …» Man schöpft ihm noch mal, insistiert dann irgendwann: «Wars schwierig?» Worauf er sich zur Antwort durchringt: «Ja.» Als einige Zeit später seine Mutter heimkommt, erkundigt auch sie sich: «Und, Hans? Wie liefs im Franz?» Er, empört: «Mann, jetzt hab ich das schon dem Vati des Langen und Breiten erklärt, jetzt mag ich wirklich nicht noch mal alles im Detail berichten!»

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50) sieht es etwas anders.

Warum ich das hier erzähle? Weil ich glaube, dass er in jenem Moment wirklich vermeinte, schon detailliert über sein Abschneiden Auskunft gegeben zu haben. Ihm selber war ja alles noch präsent. Ausserdem war er froh, den Test hinter sich zu haben.

Wir sind von subjektiven Wahrnehmungen gelenkt. Nur weil ich Fan eines Frauenfussballteams aus Seattle bin, glaube ich, alle anderen müssten sich dafür interessieren, wie es «meinen» Spielerinnen im Meisterschaftsfinale ergangen ist, und gehe damit meiner Familie auf den Wecker …
Und diejenigen, die per Volksinitiative ein Burkaverbot für unser Land erwirken wollen, fühlen sich womöglich tatsächlich umzingelt von islamischen Familien, die ein so rückständiges Rollenbild pflegen, dass sie den Frauen vollständige Verschleierung gebieten – dabei leben nur knapp einhundert Burkaträgerinnen in der Schweiz, quantité négligeable. Es ist wie damals, als ein Land voller Minarette heraufbeschwört wurde, dabei gibt es ganze vier davon in der Schweiz. Und Aberhunderte Kirchen, allein unsere Stadt zählt achtzig. Aber eben, ich meine ja auch zuweilen, alle Welt verzichte heute auf ein eigenes Auto, nur weil fast alle in unserer Siedlung dies tun.

Sich mit seiner subjektiven Wahrnehmung über andere stellen: Ob das zu verzeihen ist? Nicht wirklich. Aber unserem Sohn schon. Vermutlich hielt er «Boah … Hmm … Ja» tatsächlich für eine überaus ausführliche Antwort, die zu wiederholen er an besagtem Abend schlicht zu erschöpft war.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli