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16. Dezember 2013

Wertvoller Rohstoff

Blut ist ein wertvoller menschlicher Rohstoff. Medizin, Forschung und die Medikamentenherstellung haben einen riesigen Bedarf. Zurzeit ist die Blutversorgung der Schweiz gesichert. Viele Menschen arbeiten daran, dass dies auch so bleibt. Zum Beispiel die Profis von Blutspende Zürich.

Marianna Hofstetter auf der Liege beim Blutspenden
Marianna Hofstetter ist schon zum sechsten Mal zum Blutspenden gekommen. Ihr Töchterchen spielt währenddessen draussen.

Heidi Morger (60) vom Samariterverein Höngg hat alles vorbereitet. Im grossen Saal des reformierten Kirchgemeindehauses von Zürich-Höngg ZH wird jede Minute die Mobile Equipe der Blutspende Zürich eintreffen. Sie hat dafür gesorgt, dass das medizinische Personal genug Platz für die Liegen und das viele Material hat. Wahrscheinlich werden sie in zwei Fahrzeugen anreisen mit etwa zehn bis zwölf Pflegefachfrauen und einem Arzt.

Für Vereinspräsidentin Morger ist es das zwölfte Mal, dass sie eine Blutspendeaktion organisiert. Sie weiss auch, was die Spender brauchen, damit sie sich wohlfühlen, wenn sie sich gleich Blut abnehmen lassen.

Die Spenderbeutel mit den Teströhrchen im Becher.
Die Spenderbeutel mit den Teströhrchen im Becher.

Blutspender Denis Menkovic kommt schon zum zweiten Mal ins Kirchgemeindehaus nach Höngg. Das macht der 21-Jährige, seit seine Mutter nach einer Gehirnblutung zweimal operiert werden musste. Dass bis zu 100 Einheiten pro Operation gebraucht werden und die Blutreserven knapp sind, hat den Journalismus-Studenten doppelt motiviert. Mit wenig Aufwand etwas zu bewirken, ist ihm wichtig. «Mehr als 60 Prozent des Spenderblutes beschaffen die Mobilen Equipen zusammen mit den Samaritervereinen», erklärt Beat M. Frey (57), Direktor Blutspende Zürich. 1,9 Millionen Einwohner zählt das Einzugsgebiet seines Zentrums und liefert jede vierte Blutkonserve der Schweiz. Auf der Suche nach potenziellen Spendern gehen sie auch in Industriebetriebe, Schulen, Universitäten und zum Militär. «Man muss die Spender dort aufsuchen, wo sie sind, und dem werden wir in Zukunft vermehrt Rechnung tragen», sagt Beat M. Frey.

Im Schnitt kommen in seinem Zentrum jährlich rund 75 000 Blutspenden à 0,5 Liter zusammen. Dort werden sie getestet und weiterverarbeitet.

Die Blutspender erhalten einen Gratis-Check-up

Seit genau 40 Jahren spendet Marianne Stiefel immer zweimal pro Jahr. Als Krankenschwester ist ihr bewusst, dass Blut immer gebraucht wird. Wie alle anderen Spender auch wird die 59-Jährige vor der Blutentnahme kurz untersucht. Neben Blutdruck und Puls wird mittels Fingerstich der Hämoglobingehalt des Bluts gemessen. Der sogenannte Hämoglobinwert muss bei ihr als Frau bei über 125 Gramm pro Liter (g/l) liegen, beim Mann wären es 135 g/l. Jedes Mal wenn sie spendet, verliert sie nämlich 200 bis 250 Milligramm Eisen. Wäre das weniger als 15 Prozent ihres gesamten Körpergehalts, hätte ihr Körper Mühe, das Eisen zu ersetzen. Nur während sie schwanger war und stillte, setzte Marianne Stiefel mit dem Blutspenden aus.

Blutspende-Zürich-Direktor Beat M. Frey im Blutlager seines Zentrums.
Blutspende-Zürich-Direktor Beat M. Frey im Blutlager seines Zentrums.

«Die Leute sind froh, wenn sie so von einem schnellen körperlichen Untersuch profitieren können und mit dem Arzt ein medizinisches Problem besprechen können, ohne den Hausarzt aufzusuchen. Denn sie fühlen sich ja gesund. Diese Art Gratis-Check-up zieht die Menschen mehr an, als sie das Blutabnehmen abschreckt», hat Beat M. Frey beobachtet.

Immer wenn sie Zeit hat, geht auch Regi Meili zum Blutspenden. Seit 20 Jahren drei- bis viermal pro Jahr. Sie findet das sinnvoll, denn die 38-Jährige hat genug Blut und wird deshalb auch zum Spenden aufgeboten, erzählt sie. Zwölf Minuten später ist sie um einen halben Liter leichter.

«Die gezielte Auswahl des Spenders ist mindestens ebenso wichtig, wie die nachfolgenden Labortests des Bluts», sagt Chefarzt Frey. So darf zum Beispiel niemand spenden, der kürzlich eine Bluttransfusion erhalten hat oder über sechs Monate in England verbrachte, weil dort immer noch die Gefahr einer Rinderwahnsinn-Infektion besteht. Über all dies muss man in einem Fragebogen Auskunft geben.

Für Beat M. Frey ist es wichtig, dass die Auswahlkriterien immer neu angepasst werden. Mit dem Klimawandel und dem Reiseverhalten kommen neue Krankheiten zu uns. Und es sollte möglichst von Anfang an die Gewissheit bestehen, dass der Patient am Ende eine sichere, unbelastete Konserve erhält.

Spenderin Marianna Hofstetter pumpt den Gummiball in ihrer linken Hand. Die 33-Jährige liegt entspannt auf der Liege im Saal des Kirchgemeindehauses Höngg und lässt sich ihr Blut abnehmen.

Ihres ist etwas Besonderes, weil es zu einer seltenen Blutgruppe gehört. Und da will sie helfen, wo sie kann. Vor der eigentlichen Spende hat man auch ihr ein Röhrchen Blut abgenommen, das dann zusammen mit dem Spenderbeutel von der Mobilen Equipe zurück nach Schlieren gebracht wird.

Riccarda Danuser beugt sich über die Blutprobe-Röhrchen.
Im Screening-Labor analysiert Riccarda Danuser die Proben.

In den Labors des Zentrums werden die Röhrchenproben ausgetestet, bevor die Blutspende freigegeben wird. Und die Verarbeitung muss schnell gehen: Das für den Patienten wichtigste Produkt, die roten Blutkörperchen, ist nicht lange haltbar (siehe Box «Das geschieht mit der Blutspende» ganz oben in der rechten Spalte).

In den Grenzstädten gibt es weniger Spendenwillige

Hat es denn genug Blut für alle, die es brauchen? «Die Blutversorgung ist gesichert», antwortet Beat M. Frey. «In der Schweiz gibt es eine hohe Spendebereitschaft, auch wenn nur drei bis vier Prozent der Bevölkerung Blut spenden. Doch das reicht für die Versorgung der Patienten.»

Allerdings, räumt er ein, sei die Spendenbereitschaft regional verschieden. Auf dem Land wird mehr gespendet als in städtischen Gegenden. Rund 60 Prozent des gespendeten Bluts stammt aus ländlichen Gegenden. Deshalb sind gewisse Orte wie Basel oder Genf auf die Spenden aus anderen Landesteilen angewiesen.

Die Spendierlaune hängt auch vom Wetter ab. Miriam Bolt (48), Equipenleiterin der Blutspende Zürich, hat festgestellt, dass die Leute im Winter lieber spenden als im Sommer. Deshalb hat sie zwei Londoner Doppeldeckerbusse entsprechend ausgerüstet, um mögliche Spender in den Sommermonaten auch an den Schmelzpunkten der mobilen Gesellschaft, wie den grossen Bahnhöfen, abzuholen. Es braucht immer wieder neue Ideen, um zu den Blutspendewilligen zu gelangen, es ihnen zu erleichtern, ihr Blut weiterzugeben. Miriam Bolt organisierte 2012 insgesamt 480 Blutspendeaktionen in der Region Zürich.

Autor: Heinz Stocker

Fotograf: Andreas Eggenberger