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08. Juni 2015

Blinde Passagiere

Das Kind war aber brav!
Das Kind war aber brav! – Und der Mann dahinter erst! (Bild: Getty Images)

Früher gab es im Flugzeug drei Sitzkategorien: die First Class für die Superreichen, die Business für die Supergestressten und die Economy für die Normalsterblichen. Mittlerweile werden Flugzeugsitze offensichtlich anders bewertet. Es gibt sehr gute Plätze, gute Plätze, Plätze neben den Toiletten und – ganz übel – Plätze neben Familien. «Uff, da haben wir ja nochmals Glück gehabt», raunte neulich ein mittelalterlicher Herr seiner Gattin zu, als er feststellte, dass das Paar mit dem Säugling und dem Kleinkind viel weiter hinten in der Kabine Platz genommen hatte.

Der gute Mann hat selbstverständlich recht. Kinder sind ja schon im normalen Leben eine echte Zumutung. Wenn man sie aber für zehn, elf Stunden in ein Flugzeug einsperrt, werden sie garantiert zu Miniatur-Derwischen. Sie trampeln gegen die Lehne, bis dem Vordermann das Gebiss klappert. Sie turnen über Polster und drücken verbotene Knöpfe. Am schlimmsten ist aber ihr dauerndes Gebrüll. Sie plärren beim Start, sie schreien bei der Landung – und ebenso in der Zeit dazwischen. Kurzum: Kinder können Herrn Meyer aus Herisau oder Frau Müller aus Bern-Bümplitz echt den kompletten Flug versauen.
Das weiss übrigens auch die gut geschulte Crew. Sobald in irgendeiner Reihe ein kleiner Mensch muckst, kommt eine Dame in Uniform angerauscht und beschenkt den Zwerg mit allerlei Spielsachen, auf dass er endlich die Klappe halte. Ausserdem wird das Kinderessen immer zuerst serviert. Denn in der Zeit, in der die Kleinen auf matschigen Teigwaren herumkauen, können sie nicht plärren.

Merkwürdigerweise dürfen Erwachsene an Bord aber machen, was sie wollen. Auf diesem Auge sind die Mitreisenden oftmals blind. Es schert niemanden, dass Herr Meyer seine Rückenlehne schon kurz nach dem Start so weit nach hinten klappt, bis sich sein Economy wie Business anfühlt. Und wenn er zum siebzehnten Mal das Handgepäck über sich durchwühlt und die Klappe jeweils mit einem Rums zudonnert, bleiben auch alle gelassen. Warum bekommt er eigentlich kein Malbuch von der netten Stewardess? Besonders gerne habe ich ja die Erwachsenen, die sich inkognito danebenbenehmen. Gerade auf der Langstrecke lassen sich viele Erwachsene ganz erbärmlich gehen. Wenn ihnen ein Fürzlein quersteckt, dann lassen sie es ungeniert fahren. Hört ja eh keiner – und zur Not kann man es auf die Kleinkinder an Bord schieben.

Am Ende eines langen Fluges kommt es mitunter vor, dass Fremde das Wort an Eltern richten: «Ihre Kinder haben das erstaunlich gut gemacht.» (Heisst übersetzt: «Glück gehabt, Ihre Saugoofen haben sich wohl ausnahmsweise von ihrer besten Seite gezeigt.») Ich finde, solche Komplimente sollte man erwidern. Zum Beispiel so: «Danke auch, dass Sie nicht die komplette Reise durchgeschnarcht haben.»

Autor: Bettina Leinenbach