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12. März 2012

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Aus einem Landschaftsgärtner wird ein Botschaftsschützer, aus einer Pharmaassistentin eine Lokführerin und aus einem Journalisten ein Lehrer. Immer mehr Menschen orientieren sich beruflich neu und wirken so dem Personalmangel in der Wirtschaft entgegen.

Von der Pharmaassistentin zur Lokführerin: Früher arbeitete Mirjam Gygax im Labor. Heute lenkt sie riesige Lokomotiven.

Nachwuchsmangel bei der Polizei, bei den Lokführern und bei den Lehrern. Zu wenig LKW-Chauffeure, zu wenig Pflegefachpersonal und auch zu wenig Piloten. Zahlreiche Berufssparten kämpfen gegen Engpässe beim Personal. Eine vom Arbeitnehmerdachverband Travail Suisse in Auftrag gegebene Studie des Büros für arbeits- und sozialpolitische Studien kommt zu dem Schluss, dass im Jahr 2030 in der Schweiz über 400'000 Arbeitskräfte fehlen werden.

Eine dramatische Prognose. Um die Lücken zu füllen, bieten die Branchen mittlerweile verkürzte Ausbildungsgänge und Spezialangebote für Quereinsteiger an. So startete letzten Herbst beispielsweise eine Teilzeitausbildung für angehende Lokführer: Drei Tage pro Woche während 18 Monaten drücken sie die Schulbank. Anstelle der zwölf Monate, welche die Vollzeitausbildung dauert.

Als Frau in einer Männerdomäne

Mirjam Gygax (40) absolvierte 2006 als Quereinsteigerin den Vollzeitausbildungslehrgang zur Lokführerin. Damals dauerte dieser sogar noch eineinhalb Jahre. «Mein Ex-Mann interessierte sich für die Ausbildung zum Lokführer, aber zu jener Zeit suchten die SBB für das Depot in Biel explizit nur Frauen», erinnert sie sich.

«Mir gefiel die Vorstellung, mich in dieser Männerdomäne zu beweisen, dass ich gleich viel drauf- und die riesigen Loks im Griff habe.» In ihrem Depot in Biel arbeiten gerade mal vier Frauen von insgesamt 140 Mitarbeitenden. Zusätzlich reizte sie die grosse Verantwortung. «Unser Chef ist ja auf den Fahrten nicht dabei. Wir sind den ganzen Tag auf uns selbst gestellt und treffen manchmal innerhalb von zwei, drei Sekunden wichtige Entscheidungen.» Auch dass die Ausbildung bezahlt wurde und sie später mit einem guten Lohn rechnen konnte, spielte für die Mutter von vier Kindern eine wichtige Rolle.

Nach dem Abschluss werden die Absolventen des Teilzeitausbildungslehrgangs während der ersten zwei Jahre ausschliesslich im Regionalverkehr eingesetzt. Aus diesem Grund lernen sie während der Ausbildung weniger verschiedene und nur auf diesen Strecken eingesetzte «Maschinen» kennen. «Das finde ich sehr schade, macht doch auch gerade die Vielfalt der Fahrzeuge und der Strecken den Beruf des Lokführers so interessant», sagt Mirjam Gygax. Sie selbst hatte während ihrer Ausbildung acht verschiedene Fahrzeuge kennengelernt.

Bis in die 70er-Jahre dauerte die Ausbildung zum Lokführer sogar vier Jahre, und praktische Arbeiten in den Werkstätten gehörten dazu. Die neue Teilzeitausbildung sorgt bei einigen alteingesessenen Lokführern für Nasenrümpfen.

Das ist auch bei der verkürzten Lehrerausbildung so. Der sogenannte «Fast Track» wurde im Frühling 2011 in sechs Kantonen eingeführt und soll den Mangel an Lehrpersonal verringern. Der Lehrgang wurde als Schnellbleiche bezeichnet und rief zahlreiche kritische Stimmen auf den Plan, die einen Qualitätsverlust bei der Ausbildung befürchteten. «Die Kritik ist unberechtigt. Das Auswahlverfahren war äusserst streng. Und ich bringe mit meinem Studium und meiner Berufserfahrung schon vieles für den Lehrerberuf mit», sagt Raphael Fiore (35). Der Solothurner hat Ende Juni 2011 an der Fachhochschule Nordwestschweiz die verkürzte Ausbildung zur Lehrperson Primarstufe begonnen. Abschliessen wird er im August 2013.

Sportchef ist er heute nur noch in der Turnhalle

Vom Journalisten zum Lehrer: Zuletzt war Raphael Fiore Journalist bei Blick.ch. Im August 2013 wird er seine Ausbildung zum Primarlehrer abschliessen.
Vom Journalisten zum Lehrer: Zuletzt war Raphael Fiore Journalist bei Blick.ch. Im August 2013 wird er seine Ausbildung zum Primarlehrer abschliessen.

Nach seinem Publizistik- und Soziologie-Studium arbeitete Raphael Fiore für Medien in Deutschland und der Schweiz. Zuletzt als stellvertretender Sportchef bei Blick.ch. Nebst seiner Tätigkeit als Journalist hat er Projekte mit Jugendlichen in den Bereichen Sport, Kunst und Musik organisiert.

«In den letzten zehn Jahren habe ich viele Facetten der Medien kennengelernt», sagt Fiore. «Ich werde weiterhin als Chefredaktor des Gameportals Gamester.tv journalistisch arbeiten. Doch die Zeit für eine neue berufliche Herausforderung war gekommen.»

Seit letztem August unterrichtet er in Egerkingen SO in einem 50-Prozent-Pensum, drei 5. und 6. Klassen. Die Fächervielfalt auf der Primarstufe, der Austausch mit den Eltern und die Teamteaching-Lektionen, während derer eine Klasse zu zweit unterrichtet wird, machen den Lehrerberuf für Fiore äusserst attraktiv. Ausserdem gefallen ihm die verschiedenen Rollen als Wissensvermittler, Moderator, Berater und Konfliktlöser, sagt er. Dank der spezifisch angepassten Intensivwochen an der Fachhochschule fühlte er sich von Anfang an gut vorbereitet auf seine Tätigkeit als Lehrperson.

Trotzdem: Die Doppelbelastung, zu unterrichten und gleichzeitig selbst die Schulbank zu drücken, sei sehr hoch. «Als Quereinsteiger ist man ab dem ersten Tag ein vollwertiges Mitglied des Schulkollegiums und hat die gleichen Pflichten und Aufgaben wie die anderen», sagt Fiore. «Daneben stellt auch die Fachhochschule hohe Ansprüche an uns Studierende, was gut ist.»

Sicherheitsassistenten entlasten die Polizei

Vom Gärtner zum Botschaftsschützer: Weil sein Beruf den Körper zu stark beanspruchte, tauschte Marco Güdel die Schaufel gegen eine Pistole.
Vom Gärtner zum Botschaftsschützer: Weil sein Beruf den Körper zu stark beanspruchte, tauschte Marco Güdel die Schaufel gegen eine Pistole.

Marco Güdel (32) suchte, anders als Raphael Fiore, keine neue Herausforderung. Vielmehr wollte er nicht bis ins hohe Alter als Landschaftsgärtner arbeiten, weil der Beruf den Körper zu stark beanspruchte, sagt er. Also musste er sich umorientieren. Und so tauschte er 2009 nach fünf Monaten Ausbildung zum Botschaftsschützer die Schaufel gegen die Pistole. Freunde hatten den jungen Familienvater auf den Beruf des Botschaftsschützers aufmerksam gemacht und ihm erzählt, dass der Job «fägt». «Die Chance hat sich eröffnet, und ich habe sie gepackt», sagt Güdel. Also hiess es, wieder die Schulbank zu drücken. Eine Umstellung für den ehemaligen Landschaftsgärtner, der es gewohnt war, draussen zu arbeiten.

Viel Theorie, Schiessunterricht und Selbstverteidigung: Die Sicherheitsassistenten, zu denen die Botschaftsschützer neben dem Verkehrsdienst gehören, absolvieren nicht exakt die gleiche Ausbildung wie die Polizisten, sondern werden in einem verkürzten Lehrgang auf ihre spezifischen Aufgaben in den Bereichen Objektschutz, Sicherheitspolizei und dem Strassenverkehrsrecht vorbereitet.

Bis 1999 führten Polizisten die Objektschutzaufgaben in Bern aus. Mit der Zunahme von gefährdeten Botschaften und Konsulaten wuchsen die Aufgaben, weshalb die damalige Berner Stadtpolizei die Dienstgruppe Botschaftsschutz gründete.

Der stellvertretende Chef des Botschaftsschutzes, Daniel Wenger, will sein Team aber nicht als «Hilfspolizisten» verstanden wissen, obwohl es von kritischen Stimmen manchmal so genannt wird. «Als Sicherheitsassistenten entlasten wir die Polizei. Dennoch sind Botschaftsschützer und Polizist zwei unterschiedliche Berufe und haben zwei verschiedene Aufgabengebiete», betont Wenger. Bei Einsätzen beispielsweise während Demonstrationen oder nach Fussballspielen verschwimmen aber die Grenzen zwischen den beiden Berufsgruppen. «Da können wir zur Zielscheibe werden, wie die Polizisten auch», sagt Güdel. Sicherheitsassistent sei ein Job mit Zukunft, ist er sich sicher.

Im Kanton Zürich werden mehr als 100 Stellen für Sicherheitsassistenten (SIA) geschaffen. Sie sollen bei der Passkontrolle am Flughafen eingesetzt werden und so die Kantonspolizei entlasten. In einem «Tages-Anzeiger»-Interview sagte Hans Hollenstein, ehemaliger Sicherheitsdirektor des Kantons Zürich, dass es sicher leichter sei, Personal für den Beruf des Sicherheitsassistenten zu rekrutieren als für den des Kantonspolizisten. Nicht zuletzt wegen der kürzeren Ausbildungszeit. Und dass sich die Polizei dank der SIA in Zukunft wieder vermehrt auf die eigentlichen Polizeiaufgaben konzentrieren könne.

Autor: Sandra Kohler

Fotograf: Ruben Wyttenbach