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27. August 2012

Bitte nicht stören!

Sich nur schnell hinlegen, die Augen schliessen und abtauchen in einen erholsamen Kurzschlaf. Das steigert die Motivation, verbessert die Leistungsfähigkeit und erhöht die Konzentration.

Hilft oft weiter: Der Power Nap
Der Power Nap lässt Kräfte und Konzentration während dem Arbeitstag zurückkehren. (Bild Getty Images)

Wenn die Augenlider um die Mittagszeit schwer werden und die Konzentration abnimmt, wäre es Zeit für einen Mittagsschlaf. Für manche Menschen ist das Nickerchen liebe Gewohnheit, für kleine Kinder oftmals Grund zum Protest.

Berufstätige Erwachsene können sich in der Regel keinen Mittagsschlaf erlauben. Es sei denn, sie arbeiten in einem fortschrittlich denkenden Betrieb mit eigenem Ruheraum oder einem mit längerer Mittagspause.

Dr. Christian Baumann
Der Neurologe Dr. Christian Baumann vom Universitätsspital Zürich. (Bild zVg)

Ungefähr 20 bis 30 Minuten Schlaf — ein sogenannter Power-Nap — helfen, den restlichen Teil des Arbeitstags oder zumindest die nachfolgenden Stunden mit neuer Energie zu absolvieren. Ein kurzer Mittagsschlaf verbessert erwiesenermassen die Konzentrationsfähigkeit und kann die Leistungsfähigkeit erhöhen. Wobei die Betonung auf «kurz» liegt, denn: «Wenn man länger als 30 Minuten schläft, besteht die Gefahr, in den Tiefschlaf zu fallen, dann ist das Erwachen eher unangenehm und von Schlaftrunkenheit geprägt», erklärt der Neurologe Christian Baumann vom Universitätsspital Zürich, der auch die Wirkung von Schlaf erforscht. Das leuchtet jedem ein, der schon einmal aus dem Tiefschlaf geweckt wurde.

Im Schlaf regenerieren sich die Organe und das Gehirn

«Aber nicht jeder braucht zwingend einen Mittagsschlaf», so Baumann, «eigentlich ist er nur nötig, wenn man nachts zu wenig schläft oder wenn man unter einer Erkrankung leidet, die zu Tagesschläfrigkeit führt.» Er empfiehlt alternativ eine bessere Schlafhygiene, zum Beispiel «abends lieber etwas früher ins Bett zu gehen». Ein vernünftiger Vorschlag, der aber für viele nicht einfach umsetzbar ist, stellt doch gerade der freie Abend Lebensqualität dar.

Was läuft im Gehirn ab, wenn man schläft? «Neben der Regeneration der Organe inklusive des Gehirns erhöht sich im Schlaf die Plastizität der Nervenzellen und vor allem der zwischen den Zellen liegenden Synapsen, die zur Nachrichtenübermittlung im Gehirn benötigt werden. Das ist unter anderem für Gedächtnisfunktionen wichtig», erläutert Neurologe Baumann. «Schlaf verbessert nachweislich das Gedächtnis für Inhalte, die man vor dem Schlaf gelernt hat.» Möglicherweise findet man deshalb nach dem Schlaf die Lösung für ein Problem, das man zuvor gewälzt hat.

Dem Körper Schlaf gewähren, wenn er danach verlangt

Das körpereigene Molekül Adenosin wird während des Wachseins im Gehirn angereichert — je mehr Adenosin, desto schläfriger werden wir. Während des Schlafs wird das Molekül wieder abgebaut. Aber auch Botenstoffe wie Gamma-Aminobuttersäure, Dopamin, Adrenalin oder Histamin spielen eine Rolle: Sie geben dem Gehirn die Signale zum Schlafen oder Wachsein. Es sei deshalb wichtig, dass man «Schlafdruck abbauen kann, wenn er vorliegt», sagt Christian Baumann. Das kann Leistung und Motivation steigern.

Bei der Suva in Bern, die als Unfallversicherer prinzipiell über Arbeitssicherheit nachdenkt, weiss man, dass das Unfallrisiko steigt, wenn Pausen fehlen, vor allem bei Menschen mit unregelmässigen Arbeitszeiten. Die Beschäftigten der Suva können dank flexibler Arbeitszeiten in der Mittagspause nach Hause gehen und dort schlafen. Zudem gibt es Ruheräume für die Mitarbeiter.

In der Schweiz bieten noch andere Unternehmen Rückzugsorte für ein Schläfchen an. IBM stellt schon seit 1995 den Mitarbeitern einen Ruheraum mit Liegen und Sesseln zur Erholung zur Verfügung. Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers hat 2005 einen «Sphere Room» mit Liegen eingerichtet, der regelmässig um die Mittagszeit für Power-Naps genutzt wird. Und Kraft Foods hat im Toblerone-Werk in Bern ein Zimmer zum Ruheraum umfunktioniert, wo sich Mitarbeiter hinlegen können und das auch tun.

In südlichen Ländern oder auch in Japan wird der Mittagsschlaf viel mehr gepflegt als bei uns. Die Schweiz ist in Sachen Leistungsnickerchen noch Entwicklungsland.

Autor: Sabine Müller