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27. August 2012

Bis uns die Augen übergehen

Vom üppigen Grün ins staubige Grau und wieder ins üppige Grün – die Wanderung von der Griesalp nach Mürren bietet nicht nur eine abwechslungsreiche Umgebung, sondern auch monumentale Ausblicke.

Bei der Alp Obere Dürreberg haben wir die Hälfte der Höhenmeter hinter uns. Hier beginnt der schmale Bergweg.

Der Tag beginnt bereits mit einem Superlativ: Zur Griesalp, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung nach Mürren, sind wir auf der steilsten Postautostrecke Europas unterwegs. Die Steigung beträgt 28 Prozent, in den Kurven kratzt auf der einen Seite der Rückspiegel des kleinen Postautos beinahe am Fels, und auf der anderen Seite bleiben für die Räder nur noch wenige Zentimeter bis zum Abgrund. Chauffeur Alfred Widmer erklärt den Fahrgästen, während er emsig am Steuerrad kurbelt, dass das Postauto blockiert sei, wenn man in diesen Kurven den richtigen Einlenkpunkt nur schon um rund zehn Zentimeter verpasse. Mit obligatem «Tü-da-do» und vielen Informationen zur Gegend bringt uns Widmer elegant um die Kurven bis zur Griesalp.

Wehe, wenn sie losgelassen: Mit schlenkernden Carbonstöcken an den Handgelenken bringt uns die Nonne Gottes Werk näher.
Wehe, wenn sie losgelassen: Mit schlenkernden Carbonstöcken an den Handgelenken bringt uns die Nonne Gottes Werk näher.

Schon bei der Planung unserer Wanderung haben Claudio (43) und ich (44) mit Wohlwollen festgestellt, dass die Routen von SchweizMobil bestens auf den öffentlichen Verkehr abgestimmt sind. Dies ermöglicht uns einerseits nur eine Einzeletappe der legendären internationalen Route Via Alpina zu wandern und andererseits die Etappe sogar abzukürzen: Wir wandern nicht bis zum Etappenziel Lauterbrunnen, sondern nur bis Mürren. Dies erspart uns knapp zwei Stunden Abstieg. Die reine Wanderzeit wird gemäss dem Internetplanungstool von SchweizMobil sechs Stunden und vier Minuten betragen — immer noch genug, wie wir finden.

Wer hats erfunden? Dieses Mal völlig egal.

Auf dem Wegweiser auf der Griesalp steht jetzt aber: «Mürren 7 Std». Stimmt das Klischee allenfalls doch, dass — etwa im Gegensatz zu den Bündner Angaben — die Berner Wanderzeiten als lahm gelten? Andreas Wipf vom Verband Schweizer Wanderwege will das Klischee nicht bestätigen. «Die Zeitangaben auf den Wegweisern sind halt zum Teil historisch bedingt», erklärt er. «Mal ist man von vier Kilometer pro Stunde ausgegangen, mal von viereinhalb, teilweise wurde gerundet, dann wieder nicht.» Um es vorwegzunehmen: Unsere ungefähre Wanderzeit wird irgendwo zwischen den zwei Angaben liegen. Der Weg führt erst durch den Wald, dann passieren wir den wilden Gamchibach, und bald befinden wir uns über der Baumgrenze. Zwei Nonnen der Evangelischen Marienschwesternschaft sind hier auch unterwegs — in Nonnentracht doch mit modernen Wanderschuhen und -stöcken. Wir kommen ins Reden. Würden die Menschen ein schönes Gebäude sehen, frage man immer, wer das gebaut habe, sagen sie. Aber hier in den Bergen etwa, wenn es um die wunderbare Natur gehe, frage sich niemand, wer diese geschaffen habe.

Bald oben: Die letzten steilen Meter zur Sefinafurgga gehts über eine Treppe.
Bald oben: Die letzten steilen Meter zur Sefinafurgga gehts über eine Treppe.
Aussichtspunkt über der Sefinafurgga: im Hintergrund Eiger, Mönch und Jungfrau.
Aussichtspunkt über der Sefinafurgga: im Hintergrund Eiger, Mönch und Jungfrau.

Gott, Buddha, Allah, Shiva, Ricola — wer, wie, wann und warum auch immer: Schon ein wenig paradiesisch erscheint es uns hier. Oben bizarr zerklüftete Felswände, darunter saftig grüne Matten, die sich wie Teppiche über die steilen Flanken legen und direkt vor uns eine Blumenwiese in Weiss, Gelb, Rosa, Orange, Blau und Lila. Wundklee, Ochsenauge, Glockenblumen, Enzian — alle stehen in voller Blüte. Die Hälfte der knapp 1300 Höhenmeter bis zur Sefinafurgga (2612 m), dem Übergang nach Mürren, haben wir auf Alpsträsschen relativ leicht zurückgelegt. Auf dem Bergwanderweg wird es nun anstrengender. Und bald ändert sich auch die Szenerie. Die Farben verschwinden als Erstes, nur etwas Grün ist da und dort noch zu sehen, das Gelände wird felsdurchsetzter, und schliesslich sind wir ausschliesslich in staubigem, grauen Schotter unterwegs. Die letzten Höhenmeter zur Sefinafurgga sind sehr steil, und wir legen sie über Treppenstufen, die zusätzlich mit einem Fixseil gesichert sind, zurück.

Wunderbare Sicht auf die schönsten Gipfel der Alpen

Der Käsekessel in der Sefinenalp: Hier wird täglich Milch zu Butter und Käse verarbeitet.
Der Käsekessel in der Sefinenalp: Hier wird täglich Milch zu Butter und Käse verarbeitet.

Auf dem Pass angekommen, steigen wir noch etwas höher in Richtung Hohtürli und gelangen so nach fünf Minuten zu einem wunderbaren Aussichtspunkt. Direkt vor uns liegen das Gspaltenhorn, in westlicher Richtung der Gamchigletscher und dahinter die schneebedeckten Gipfel von Morgenhorn, Wyssi Frau und Blüemlisalphorn. In östlicher Richtung die Crème de la Crème der Alpen, das monumentale Dreigestirn: Eiger, Mönch und Jungfrau. Und für einmal aus einer Perspektive gesehen, die man nicht bereits von zig Postkartensujets her kennt. Uns gehen die Augen über. Der weitere Weg führt nun steil über eine Schuttflanke hinunter — deren Grau bald hinter uns liegt. Wir sind erneut in der Welt der Blumen und Gräser angekommen. Vor uns thront mächtig das Schilthorn —bei James-Bond-Fans besser bekannt als Piz Gloria, aus dem Film «Im Geheimdienst Ihrer Majestät» .

Eine richtige Wanderung muss man in den Muskeln spüren

Im Abstieg – und wieder in der Welt der saftigen Wiesen und bunten Blumen.
Im Abstieg – und wieder in der Welt der saftigen Wiesen und bunten Blumen.
Wanderland, Via Alpina (Karte: WS Grafik)
Wanderland, Via Alpina (Karte: WS Grafik)

Nach knapp fünf Stunden Laufzeit lädt die Rotstockhütte zu einer Erfrischung ein, während in der Sefinenalp gleich daneben die Kühe von den Sennen wild gestikulierend und zünftig fluchend eingestallt werden. Wer will, kann hier Alpkäse, Hobelkäse, Mutschli und Butter einkaufen. Die letzte Etappe unserer Wanderung führt uns auf einem gemütlichen Höhenweg bis zum Bryndli — Eiger, Mönch und Jungfrau stets im Blick. Mürren, unser Endziel, ist von hier auch bereits zu sehen. Trotzdem ist nochmals Konzentration gefordert. Denn zum Spielboden gehts steil und stellenweise etwas ausgesetzt bergab. Das geht in die Kniegelenke, und wir spüren das Mehrgewicht des Käselaibs im Rucksack. Das muss so sein. Denn wer abends nicht das herrliche, leichte Ziehen in Gelenken und Muskeln spürt, hat auch keine zünftige Wanderung gemacht.

Die Migros ist langjährige Partnerin von SchweizMobil.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Michael Sieber