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10. Oktober 2016

Bilder einer Ausstellung

Bilder einer Ausstellung
In diesen Räumen wird der Kolumnist wieder zum wissbegierigen, jungen Menschen von vor 32 Jahren.

Wie die Schülerinnen und Schüler ihrem Lehrer an den Lippen hängen! In einem Kunstmuseum sind sie zu beobachten: Eine Klasse, vertieft in die Werke eines italienischen Malers, mittendrin der Lehrer, der erklärt, weshalb die Motive, obzwar hundertfach variiert, sich so sehr ähneln: immer wieder dieselben Tongefässe, Krüge und Vasen, immer wieder der Blick aus demselben Fenster. Keine berückenden Landschaften, keine Wolkentürme, kein lieblicher Zypressenhorizont. Nichts Aussergewöhnliches. Nur immer der scheinbar zufällige Blick aus dem schmalen Fenster einer Stadtwohnung, der Blick auf Alltägliches.

Bänz Friedli (51)
Bänz Friedli (51) war im Museo Morandi.

Eine der Schülerinnen schüttelt den Kopf, das sei doch keine Kunst! Ein anderer fragt, ob man da nicht völlig gestört sein müsse, um immer und immer wieder dieselben Vasen festzuhalten. «Das ist doch krank!» Der Lehrer wiegelt ab. Die stete Wiederholung müsse nicht von Wahn zeugen, sagt er. Sie könnte doch, im Gegenteil, ein Ausdruck höchster Gelassenheit sein. Dass sich einer ein Künstlerleben lang an denselben Gegenständen abarbeite, sei ein Zeichen von Demut.

Die Schüler sind wir: Abschlussklasse Kernfach Zeichnen, 1984. Im Sommer vor 32 Jahren wars, als Klasse und Lehrer gemeinsam Italien bereisten, Mosaike bewunderten, Kirchen und Ausgrabungsstätten besuchten. Doch diesmal ists ein kalter Frühlingstag des Jahres 2016. Dieselbe Gruppe steht in einem Museum in Bologna. Nur sind wir inzwischen 32 Jahre älter geworden. Haben Leben gelebt. Kinder bekommen. Die Welt bereist. Wenn freilich der Lehrer spricht, sind wir wieder die wissbegierigen, jungen Menschen von damals, werden wir wieder zu Schülerinnen und Schülern. Er verwendet Ausdrücke wie «Einkehr», «innere Ruhe»; und spricht, wie er schon damals sprach: mit Hingabe.

Bemerkenswert, dass Lehrer und Klasse sich treu geblieben sind, nicht wahr? Dabei gab es an der Schule keine Kumpanei. Im Gegenteil. Man blieb bis zuletzt per Sie, er war streng, liess uns pingelig schraffieren und schattieren, bis das Resultat seiner Vorstellung entsprach. Er konnte uns aber auch begeistern, er hat viel mehr als nur Kunstverständnis geweckt. In mir zum Beispiel die Bereitschaft, den Fussball und seine Bedingungen zu hinterfragen. Schon zur WM 1978 gestaltete er aus Protest gegen das argentinische Regime das Plakat: «Fussball ja, Folter nein!» Später spielte er mir eine Kassette des Liedermachers Francesco Guccini vor, der zu einem meiner liebsten Sänger werden würde. Und, und, und …

Danke, Bernard! (Wir dürfen jetzt du sagen.) Dass ein Lehrer zum Freund geworden ist – es ist etwas Besonderes.

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli