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21. Mai 2013

Bideloidn!

Heute verrate ich ein Geheimnis. Eines, das ich volle vierundvierzig Jahre lang gehütet habe. Aber Ihnen verrate ich es. Gleich.

Kinder brauchen Geheimnisse. Andrina aus Windisch zum Beispiel ist keine sechs Jahre alt und besteht doch auf ihrer Privatsphäre: An ihrer Zimmertür muss man unbedingt «loidn». Sie hat eigens vier Schellen angebracht und das Schild «BIDELOIDN», wobei das N ein bisschen wie ein M aussieht. Aber die Botschaft ist klar: Stört meine Ruhe nicht! Erst als Andrinas Eltern mir dieses Bild mailten, fiel mir auf, dass auch unser Hans sich an seiner Tür unerlaubtes Eintreten verbat, samt grimmigem Totenkopf. Gottlob hat er das selbst gemalte Plakätchen inzwischen entfernt.

Ein ganz, ganz ge­heimes Geheimrezept.

«Ein ganz, ganz geheimes Geheimrezept»
«Ein ganz, ganz geheimes Geheimrezept»

Mein Geheimnis? Kommt gleich. Zunächst scheint es mir an der Zeit, wieder mal ein paar Kinderversprecher weiterzugeben. Ihr David, schreibt Natalie, habe als Bub stets vom Lama erzählt, das den Vulkan hinablaufe. Gemeint war natürlich Lava, aber die Mutter brachte das Bild mit dem Lama am Berg nicht mehr aus dem Kopf. Katja berichtet, ihre neunjährige Tochter habe beim Besuch des Dorftheaters befunden, es sei nicht so schlimm, wenn ein Darsteller seinen Text vergesse: «För das hets ja Chauffeuse!» Und als die Mutter daheim den Taschenrechner zückte: «Gäll, Mami, dee lauft met Sonnenallergie!» Franziskas Jüngster hat ein Gschpänli, das zu Hause «Muslimisch» spricht. Aber obacht, nicht nur Kinder verhören sich. Leserin Ruth gibt jungen Müttern als Stillberaterin Tipps. Sie habe telefonisch ein Formular angefordert, damit die Klientinnen ihre Dienstleistung abrechnen könnten. Darauf der angefragte Bürolist: «Was wir Krankenkassen nicht alles bezahlen! Kein Wunder, werden die Prämien immer teurer.» Der gute Mann meinte, hier würde nicht Still-, sondern Stilberatung abgegolten. Erstklässler Remo aus Bönigen, der uns hier schon öfter erfreut hat, rechnete in einem Mathetest plus statt minus. Während des Verbesserns erklärte er dem Mami, er hätte drum ein Haar im Auge gehabt und deshalb + statt — gesehen. Regulas Kinder kamen in heller Aufregung von der ­Pfadi heim: «Mama! An der Bahnhofstrasse waren ganz aggressive Protestanten!» Es bleibt freilich anzunehmen, dass unter denjenigen, die für die Frauenrechte demonstrierten, auch Katholikinnen waren. Und Anders- und Garnichtgläubige.

«Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling», sang die Schwedin Siw Malmkvist in den Sixties am Radio, «schade um die Tränen in der Na-acht.» Klein Urs konnte kaum sprechen, schon sang er nach: «… schade um das Training in der Na-acht.» Und seine Eltern, jung verliebt, sahen sich errötend an. «Mein Mann und ich mussten unheimlich auf die Zähne beissen, um das Lachen zu verkneifen», schreibt die Mutter. (Ihren Namen werden wir hier nicht verraten. Nur so viel: Sie heisst ähnlich wie ihr Sohn Urs, man muss nur ein i anhängen.) Eben, mein Geheimnis. Als mein Mueti mich mal zu trösten versuchte, um 1969 muss es gewesen sein, flüsterte sie, sie verrate mir jetzt ein ganz, ganz geheimes Geheimrezept. Sie mischte Tomatenpüree und Mayonnaise zu gleichen Teilen, wir nannten es fortan verschwörerisch «Gheimnisli», ich meinte wirklich, es sei eines — und es ist bis heute, wenn mich gegen Mitternacht ein Hüngerchen plagt, mein liebster Brotaufstrich. Aber sagen Sie es nicht weiter!

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli