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07. April 2014

Bibelfilme – Holy Hollywood

Religiöse Monumentalfilme mit Staraufgebot gehörten einst zum Standard der amerikanischen Traumfabrik. Nach einer Pause von rund einem halben Jahrhundert sollen Filme wie «Noah» und «Exodus» nun wieder die Kinokassen klingeln lassen. Ob das klappen wird?

Szenenbild aus der TV-Miniserie «The Bible».
Die Kreuzigung ist immer 
wieder ein Thema in religiösen 
Filmen. Hier ein Szenenbild aus der TV-Miniserie «The Bible». (Bild: © Lightworkers Media/Hearst Productions Inc.)

Sie waren damals die Stars ihrer Zeit: Gemeinsam drehten Regisseur Cecil B. DeMille und sein Hauptdarsteller Charlton Heston «The Ten Commandments», jene Geschichte aus dem Alten Testament, in der Gott Moses die Zehn Gebote übergibt und dieser sein Volk aus Ägypten ins gelobte Land führt. Der Film scheute 1956 keinen Aufwand, betörte sein Publikum in Farbe und mit revolutionären Spezialeffekten – und er ist noch immer der finanziell siebt erfolgreichste Film aller Zeiten.

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Heute heissen die Stars Ridley Scott und Christian Bale. Ihr Film «Exodus» erzählt die gleiche Geschichte und soll an Weihnachten dieses Jahres ebenfalls die Kassen klingeln lassen. Regisseur Darren Aronofsky und sein Star Russell Crowe erhoffen sich dasselbe für «Noah», jene alttestamentarische Geschichte, in der eine Arche gebaut wird, um Gottes Zorn in Form einer gewaltigen Flut zu entkommen. Der Film läuft seit letzter Woche in unseren Kinos.

Nach fast einem halben Jahrhundert Pause hat Hollywood das Bibelepos wiederentdeckt, für ein neues Publikum und mit ganz anderen technischen Möglichkeiten. In den USA bereits gestartet ist «Son of God» über das Leben von Jesus. Es werden folgen: ein Maria-Film mit Ben Kingsley und Julia Ormond, ein Pontius-Pilatus-Film mit Brad Pitt, und Will Smith plant eine Story über Kain und Abel. Was zum Teufel ist in Hollywood los?

Daria Pezzoli-Olgiati
Religionswissenschaftlerin Daria Pezzoli-Olgiati: «Kirchen haben das Medium Film ganz früh unterstützt, weil ihnen bewusst war, welch riesige Wirkung es haben kann». (Bild: Jorma Müller)

Religionswissenschaftlerin Daria Pezzoli-Olgiati betont zunächst, dass die Religion im Kino nie wirklich weg war. «Es gibt fast jedes Jahr neue Filme, die sich im engeren oder weiteren Sinn mit religiösen Themen befassen», sagt die Leiterin des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik, das in Zürich eine Forschungsgruppe zu Medien und Religion betreibt. Dazu zählt sie nicht nur Vampirfilme und andere übernatürliche Horrorgeschichten, sondern auch alles, was in irgendeiner Form mit dem Jenseits oder dem Weltuntergang zu tun hat – etwa Roland Emmerichs Maya-Apokalypse «2012», bei der am Ende gar eine Art Arche Noah die Reste der Menschheit aufnimmt.

Religion ist auch in Schweizer Filmen ein Thema

Auch Michael Steiner (44), Regisseur von «Sennentuntschi» (2010), war der religiöse Kontext seines Films durchaus bewusst: «Bei den meisten Alpensagen geht es um die Auslegung biblischer Werte im Kontext der alpinen Umgebung. Viele Sagen haben heidnische Ursprünge und wurden umgedichtet oder neu erfunden, um christliche Werte zu reflektieren.»

Michael Steiner, Regisseur
Michael Steiner, Regisseur von «Sennentuntschi» (2010), war der religiöse Kontext seines Films bewusst. (Bild: Alessandro Della Bella)

Direkter auf die Religion zielte «Virgin Tales» (2012) der Zürcher Regisseurin und Produzentin Mirjam von Arx (47). Sie erzählt die Geschichte einer evangelikalen Grossfamilie in den USA. «Mir ging es allerdings primär um die Jungfräulichkeit, das Religionsthema ergab sich eher zufällig.» Die zahlreichen Kinder der Familie Wilson befolgen das religiöse Gebot, auf Sex vor der Ehe zu verzichten – von Arx zeigt, wie sie damit umgehen, ihre Hoffnungen und Rituale. «Der Film kam gut an, und wir konnten ihn auch im Ausland an einige TV-Stationen verkaufen. Gerade das freikirchliche Publikum schätzte es, dass wir uns nicht lustig gemacht, sondern die Wilsons ernst genommen haben.»

Die neue Bibelfilmwelle aus Hollywood ist von Arx ebenso aufgefallen wie Steiner. «Das ist ein Trend, der sich angekündigt hat», sagte er. «Alle grossen Genres werden mit den neuen Technologien aufgefrischt, und so was wie die Arche Noah wird dadurch ein visuelles Spektakel.» Von Arx vermutet eine gewisse Sehnsucht in der Gesellschaft nach klaren Werten und Botschaften in unruhigen Zeiten. Aber auch simple kommerzielle Überlegungen.

Diese konstatiert auch Film- und Religionswissenschaftlerin Marie-Therese Mäder: «Letztes Jahr lief eine Miniserie über die Bibel derart erfolgreich im History Channel der USA, dass die Filmindustrie aufhorchte. Sie realisierte, dass dank der grossen Zahl evangelikaler Christen in den USA ein riesiges Reservoir an potenziellen Kinobesuchern und DVD-Käufern existiert.»

Hollywood hofft auf das treue christliche Publikum

«Son of God», der am 28. Februar in den USA angelaufen ist, hat mit Einnahmen von rund 58 Millionen Dollar seine Produktionskosten bereits mehr als eingespielt. «In Zeiten, in denen auch aufwendig beworbene, teure Blockbuster floppen können, ist die treue christliche Kundschaft Gold wert», sagt Mäder. Sie bezweifelt allerdings, dass «Son of God» ausserhalb der USA ein vergleichbar grosses Erfolgspotenzial hat. «Hier sind eher Filme gefragt, die sich auch kritisch mit Religion und Glauben auseinandersetzen.» Mehr Erfolgschancen räumen die Wissenschaftlerinnen «Noah» ein, der als Action-Blockbuster ein breiteres, auch nichtreligiöses Publikum ansprechen könne. Dass hinter der neuen Bibelfilmwelle auch Missionierungsabsichten stecken könnten, glauben weder Daria Pezzoli-Olgiati noch Marie-Therese Mäder.

Charlton Heston im Hollywood-Klassiker «The Ten Commandments».
Moses 1956: Charlton Heston im Hollywood-Klassiker «The Ten Commandments». (Bild: Keystone/Interfoto/Friedrich).
Christian Bale bei den Dreharbeiten zu Ridley Scotts «Exodus»
Moses 2014: Christian Bale bei den Dreharbeiten zu Ridley Scotts «Exodus». (Bild: © Bulls Press/Target Press)

«Die Wechselwirkung zwischen Christentum und Film ist sehr komplex», sagt Pezzoli-Olgiati. «Filme werden nicht einfach benützt, um religiöse Botschaften zu vermitteln. Oft funktionieren sie auch als kulturelle Vergewisserung.» Und dies nicht nur für gläubige Christen. «Diese Geschichten sind grundlegende Mythen der westlichen Kultur und sprechen viele Menschen an, die damit aufgewachsen sind.»

Das Verhältnis zwischen Kino und Religion war schon immer eng

Zudem könne Religiosität ganz unterschiedliche Formen annehmen. «Viele Menschen gehören zwar keiner offiziellen Kirche mehr an, neigen aber dennoch zu einer gewissen Spiritualität und fühlen sich von Filmen mit grossen Mythologien und klaren Werten angesprochen», sagt Pezzoli-Olgiati. Als Beispiel nennt sie James Camerons Sci-Fi- Drama «Avatar» (2009), das stark mit spirituellen Motiven gearbeitet habe.

Religion hat im Kino schon immer eine grosse Rolle gespielt, umgekehrt sind audiovisuelle Medien auch wichtig für die Gläubigen. «In den USA gibt es eine Medienagentur, die zwischen Filmverleihern und Gläubigen vermittelt», erklärt Mäder. «Sie produziert Begleittexte und schreibt basierend auf den Filmen ganze Predigten, die sonntags im Gottesdienst eingesetzt werden können.»

Marie-Therese Mäder
Marie-Therese Mäder: «In den USA gibt es eine Medienagentur, die zwischen Filmverleihern und Gläubigen vermittelt.» (Bild: Jorma Müller)

Mel Gibsons blutiges Historiendrama «The Passion of the Christ» (2004) etwa sei in einigen kirchlichen Kreisen sehr populär. «Es gibt Gemeinden im Ausland, die den Film am Karfreitag zeigen, damit sich die Gläubigen in das Leiden Jesu einfühlen können», sagt Mäder. «Die drastischen Bilder sollen schockieren, sie generieren Unmittelbarkeit – wie wenn man den Ereignissen direkt beiwohnen würde.»

Gerade in Europa ist das Verhältnis von Religion und Film eng: Die katholische Kirche war eine der wichtigsten Promotoren bei der Einführung des Kinos in der Schweiz, auch die Filmkritik begann bei ihr. «Kirchen haben das Medium ganz früh unterstützt, weil ihnen bewusst war, welch riesige Wirkung es haben kann», sagt Pezzoli-Olgiati. Generell nutzen Kirchen neue Medien sehr schnell. «Religion muss vermittelt werden, neue Kommunikationskanäle sind deshalb immer willkommen.»

Allerdings kommen bei den Gläubigen nicht alle Filme gut an. Monty Pythons «The Life of Brian» löste 1979 schwere Proteste aus. Empörte Gläubige demonstrierten vor den Kinos – einige Länder wie Irland oder Norwegen verboten den Film sogar. Die bitterböse Religionssatire erzählt die Geschichte des jungen Brian, der zu Zeiten Jesu eine ähnliche Lebensgeschichte durchmacht, am Ende am Kreuz hängt und dort ein fröhliches Lied anstimmt.

Russell Crowe im aktuellen Kinofilm «Noah».
Im aktuellen Kinofilm «Noah» baut der Titelheld (Russell Crowe) eine Arche, um dem Zorn Gottes zu entkommen. (Bild: Niko Tavernise)

Dass in Europa eine derart heftige Reaktion auf eine Religionssatire heute noch möglich wäre, glauben die Wissenschaftlerinnen nicht – anders als etwa in der islamischen Welt. Dort ist sogar «Noah» von einigen Ländern verboten worden, denn die Darstellung zentraler Figuren aus dem Koran ist im Islam untersagt. Auch einige US-Evangelikale sind wenig angetan: Die Darstellung Noahs sei «zu düster», und die Geschichte weiche zu stark von der Bibel ab.

Solche Vorbehalte hat zwar auch René Christen, Pastor der evangelischen Freikirche Prisma in Rapperswil SG, aber nur am Rande. «Wir sind gewohnt, uns auch kritisch mit Themen auseinanderzusetzen, das fördert eine gute Diskussionskultur.» Selbstverständlich freue es ihn besonders, wenn möglichst bibeltreue Verfilmungen in die Kinos kämen. Grundsätzlich begrüsst Christen es jedoch sehr, dass so viele religiöse Filme anstehen. Er sieht darin eine gewisse Gegenbewegung zu aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen. «Das Leben wird immer komplizierter, schneller und digitaler – das verstärkt die Suche nach Sinn. Und in diesen biblischen Urgeschichten sind eben auch reale Antworten zu finden.»

«Noah» läuft derzeit in den Schweizer Kinos. www.religionswissenschaft.uzh.ch/medien