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05. März 2012

Bezauberndes Afrika

Im Süden Tansanias hat die Winterthurerin Uma Grob ihren lang gehegten Traum verwirklicht: ein eigenes Safari-Resort. Es befindet sich im Selous Game Reserve, dem weltweit grössten und noch wenig bekannten Wildtierreservat. In der luxuriösen Unterkunft inmitten der unberührten Natur erlebt man die wilden Tiere Afrikas hautnah.

Flüchtende Giraffen
Beschwingter Galopp: Flüchtende Giraffen im Selous-Reservat, fotografiert aus dem Safari-Jeep.

Dichtes Grün umgibt meine Terrasse, breit und braun liegt der Ruaha River vor mir. Knorrig sehen die Schädel der Flusspferde aus, die aus dem Wasser ragen. Wie Gestein wirken die nassen, schwarzen Rücken. Hier taucht eines auf, prustet durch die Nüstern. Ein anderes reisst sein Maul auf, schmettert ein mächtiges Wiehern durch die Luft. Die Mäuler sind riesig, die Zähne gewaltig. Dann taucht eines nach dem andern ab — als hätten sie bemerkt, wie atemlos ich sie beobachte.

«Hippos verbringen den ganzen Tag im Fluss», erklärt Chefguide Timon Chanyuka, als er uns für die Safari abholt. «Sie können sogar unter Wasser schlafen. Wenn sie Luft brauchen, treibt es sie automatisch an die Oberfläche. » Der 36-Jährige kennt jede Tier- und Pflanzenart im Reservat, sein halbes Leben lang führt er schon Touristen durch den Busch.

«Das sind Flusspferdspuren », sagt er und zeigt auf einen Trampelpfad, der neben der Terrasse vom Fluss wegführt. «In der Dämmerung gehen sie an Land, um zu grasen. In der Trockenzeit marschieren sie zehn bis 30 Kilometer weit.» Und wehe, ein Mensch kommt ihnen in die Quere — da wird das tonnenschwere Ungetüm rasch zum gefährlichsten Tier Afrikas.

Der Nachmittag ist heiss, das Savannengras leuchtet weissgelb. Dürre Sträucher und Bäume ziehen sich durch die Ebene. Unsere Lodge The Retreat liegt im Selous Game Reserve im Süden Tansanias. Dieses weltweit grösste Wildtierschutzgebiet bedeckt eine grössere Fläche als die Schweiz und ist seit 1982 Unesco-Weltkulturerbe. Das Reservat wurde in den 1920er-Jahren gegründet; die damalige Kolonialmacht Grossbritannien taufte es nach ihrem Grosswildjäger Frederick Selous.

«Geht in einer Reihe hinter mir», befiehlt Timon, der Guide. «Treffen wir auf ein Tier — nicht davonrennen! Folgt meinen Anweisungen!» Im Nu stossen wir auf Elefanten, Löwen, Büffel und Giraffen — zumindest auf die Spuren, die sie auf ihrem Weg hinterlassen haben.

Guide Timon Chanyuka beim Untersuchen von Elefantendung.
Guide Timon Chanyuka beim Untersuchen von Elefantendung.

Perfekt getarnte Impalas in der Savanne

Fussballgross und trocken ist der Dung der Elefanten, die Büffel hinterlassen ihn schwarz und weich, die Giraffen klein wie grössere Heidelbeeren. Am häufigsten sind klitzekleine Häufchen. «Die sind von Impala-Männchen. Sie koten immer gruppenweise », weiss Timon. Einen Moment später sehen wir sie. Das heisst: Wir entdecken sie nach langem Hinsehen. Ihr ockergelbes Fell ist perfekt auf die Savanne abgestimmt, die Stelzenbeine verschmelzen mit den Grasbüscheln, ihre geschwungenen Hörner mit dem Geäst der Bäume. Plötzlich ertönt ein kratziges Niesen. Die Impalas stieben auseinander. «Das ist ihr Warnschrei. Sie sind noch nicht an die Menschen gewöhnt », sagt unser Begleiter. In dieser Region sind Touristen rar, bis vor Kurzem war die Jagd erlaubt.

Die Sonne sinkt dem Horizont entgegen, als wir wieder im The Retreat eintreffen. Mächtig wie ein Fort thront das Haupthaus auf einer Anhöhe, ein geschnitztes Holztor schmückt den Eingang, über den ockerfarbenen Lehmmauern flattert ein Dach aus Leinen. Angestellte schmücken Tische und Balustrade mit Petrollampen und Kerzen, erkundigen sich nach dem Verlauf unseres Tages und servieren den Sundowner — den Apéro zum Sonnenuntergang.

«Im Selous fühle ich mich einfach zu Hause. » Resort-Besitzerin Uma Grob mit Lebenspartner Mohammed Ngonera.

«Im Selous fühle ich mich einfach zu Hause», sagt Uma Grob (55). Die Winterthurerin sitzt auf einem Kissen auf der Terrasse, ihr Blick schweift über die Landschaft. Die blauen Augen lachen, eine Sonnenbrille hält ihr langes blondes Haar zusammen. The Retreat ist ihr Werk. 30 Jahre sind vergangen, seit sich die Orthopädin in dieses Fleckchen Erde verliebt hat. Mit der Organisation «Ärzte ohne Grenzen» kam sie erstmals nach Afrika, über Jahre hinweg engagierte sie sich in Tansania als Ärztin und baute in Daressalam ein Institut für Orthopädie und Unfallchirurgie auf.

Personal aus den Dörfern der Umgebung

2006 erhielt Grob die Erlaubnis, ein Resort zu errichten. Zwölf Jahre hatte sie darauf gewartet: «Diese Chance musste ich packen.» Uma liess Baumaterial herankarren, ein 100 Meter tiefes Brunnenloch bohren, Solarkollektoren installieren. Wo nichts war, gibt es heute Strom, fliessendes Wasser, Internetzugang, ein Freiluft-Spa, auf massiven Holzterrassen luxuriöse Zelthäuser mit Wänden aus Moskitonetzen, Palmdächern und eigenem Pool. Ihr Lebenspartner Mohammed Ngonera (44) sorgt dafür, dass das Ferienparadies auch den Einheimischen etwas bringt: Er suchte in den umliegenden Dörfern nach Personal, im Retreat wurde es hotelfachmässig ausgebildet und auf die Bedürfnisse von Europäern eingestimmt.

Am nächsten Tag gehts per Geländewagen durch den Busch. Fahren? Nein, holpern. Selbst dort, wo der Weg kein trockenes Bachbett ist, werden wir durchgeschüttelt. Es ist wie im Film. Wir sehen Paviane durch Bäume turnen, Wasserböcke am Wegrand grasen, Erdmännchen rudelweise durchs Unterholz flitzen. Am Rand einer Lichtung entdecken wir eine Giraffe. Beschwingt galoppiert sie davon. Bald bin ich so sehr in diese Welt versunken, dass ich vergesse, wie schlecht der Handyempfang ist. Ich könnte Tage auf meiner Terrasse verbringen, den Flusspferden zuschauen, den Seeadlern, Störchen und Riesenfischern, den Gnus, die sich an das gegenüberliegende Ufer verirren. Die Nacht ist mit Zwitschern, Zirpen und Quaken erfüllt, und ich höre, wie die Hippos in den Fluss zurückkehren.

Eine Cessna holt uns von der Sumbazi-Landebahn ab. Schweren Herzens gucke ich zurück. Wir heben ab, die Bäume unter uns werden zu Wipfeln, die aus der Vogelperspektive wie Broccoli ausschauen. Langsam verlieren sich die Mäander des Flusses am Horizont. Irgendwann die ersten Hausdächer, bald Blechdächer dicht an dicht: Daressalam.

Diese Recherche wurde von The Retreat und Swiss unterstützt.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Gerry Nitsch