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27. Juni 2011

Bewegende Momente

Wer sich bewegt, bleibt länger fit. Und leistet mehr. Auch viele Unternehmen haben dies erkannt und setzen auf Fitness- und Aufwärmübungen während der Arbeit. Zu Recht: Die krankheits- und unfallbedingten Ausfälle nehmen rapide ab.

Schmid Bauunternehmung AG, Ebikon LU
Seit Einführung des Turnprogrammes konnte das Bauunternehmen Schmid die unfallbedingten Ausfälle deutlich senken.

Sei es die Fahrt mit dem Velo zur Arbeit, die tägliche Pausengymnastik oder die wöchentliche Walkingeinheit: Die Förderung körperlicher Bewegung ist in vielen Unternehmen ein wichtiger Erfolgsfaktor. Bewegung stärkt die Gesundheit und das Wohlbefinden der Angestellten, fördert die Leistungsbereitschaft und hilft Absenzen zu reduzieren. «Neben der optimalen Gestaltung des Arbeitsplatzes», erklärt Suva- Experte Urs Näpflin (48), «hilft eine gute körperliche Verfassung, strengere Arbeiten beschwerdefrei auszuführen.» Zugleich zeigt die Erfahrung, dass ein Aufwärmtraining vor der Arbeit oder Ausgleichsübungen zwischendurch Beschwerden und Verspannungen vorbeugen und den Teamgeist fördern. Das Migros-Magazin hat vier Arbeitgeber besucht, die ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bewegen.

Schmid Bauunternehmung AG , Ebikon LU

Wo die harten Kerle turnen

Wer früh am Morgen an der Baustelle der Schmid Bauunternehmung in Oensingen vorbeikommt, reibt sich die Augen: Bis zu 30 Bauarbeiter turnen vor den eingerüsteten Rohbauten mit eingesteckten Hämmern, teilweise mit Helm auf, in Jeans oder Bauarbeiterhosen. Sie halten sich den Bauch, schwingen die Hüften oder stehen auf einem Bein. Angeführt wird der illustre Trupp vom portugiesischen Polier Vitor Da Silva (43) aus Reiden LU. Nicht alle Mitarbeiter zeigen sich ob dem seit diesem Jahr für alle obligatorischen Turnprogramm so begeistert wie der Polier: «Es gab immer wieder Widerstände unter den Bauarbeitern. Doch ich dulde keine Drückeberger, wer nicht mitmacht, muss arbeiten.» Walter Koch (44), Projektverantwortlicher und Sicherheitsbeauftragter bei der Schmid Bauunternehmung, weiss, dass Bauarbeiter schnell verschleissen: «Mitte 50 sind die Leute verbraucht.» Das soll sich ändern. «Wir wollen, dass unsere Mitarbeiter bei uns mit 60 in Pension gehen und dann gesund den Lebensabend geniessen können.» Die bisherigen Erfahrungen sind vielversprechend: Seit dem Start des Turnprogramms konnten die unfallbedingten Ausfalltage deutlich gesenkt werden. «Noch nicht im Griff haben wir die krankheitsbedingten Ausfalltage wegen Rücken-, Hüft- oder Knieproblemen», sagt Koch. Doch das Programm ist langfristig angelegt.

Local.ch, Bern Bümplz
Liegestütze zwischen Büromöbeln: Turnübungen mildern die Nachteile der Schreibtischarbeit.

Local.ch, Bern-Bümpliz

Mit Muskelkater gegen Mausarm

Yves Mezger (24) aus Bern wickelt das elastische Theraband um die Hände und zieht es über dem Kopf in die Länge. Nach mehrmaligem Anziehen und wieder Entspannen sagt er: «Jetzt sind wir aufgewärmt.» Nun wickelt er das Band zu einer Schlaufe, legt es auf den Boden und steht mit einem Fuss darauf. Den anderen Fuss fädelt er in die Schlaufe ein und zieht diese nach vorne. Zehn junge Männer und Frauen machen ihm die Übungen nach. Sie alle sind Mitarbeiter bei Local.ch, und sie verkaufen den ganzen Tag lang am Telefon sitzend Zusatzeinträge für die Telefon- und Adressverzeichnisse von Local.ch.

Keine körperlich anstrengende Tätigkeit und doch haben einige Probleme mit den Schultern oder dem Rücken. So auch Mediensprecher Martin Lüthi (53). «Ich habe schon seit Jahren einen Mausarm», sagt er. Das kommt von der stets gleichen Bewegung mit der Computermaus: Der Schultermuskel verkrampft sich, der Arm beginnt zu schmerzen. Oftmals kann der Arm kaum mehr angehoben werden. Ein typisches Bürosyndrom. Das soll bei Local.ch mit einem gezielten Turnprogramm verhindert werden. «Zweimal pro Woche machen wir diese Übungen mit dem Theraband je etwa zehn Minuten», sagt Vorturner Yves Mezger, der eher zufälligerweise zu dieser Rolle kam und privat in der Nationalmannschaft Futsal (Hallenfussball) spielt.

Ausgearbeitet haben die Übungen Physiotherapeuten. «Sie sind speziell auf Büroarbeit zugeschnitten, damit alle Glieder etwas bewegt werden», sagt Lüthi. Sandra Krings (26) aus Obergerlafingen SO ist seit bald drei Jahren Kundenberaterin bei Local.ch und findet das Turnen gut. «So kommt etwas Abwechslung in den Alltag.» Auch wenn sie persönlich nicht glaubt, dass diese zehn Minuten körperlich etwas bewirken — sie macht auch privat keinen Sport. «Aber es ist gut, so stehen wir zwischendurch wenigstens mal auf und bewegen uns.» Auch sie kennt den Mausarm bereits aus eigener Erfahrung. Bei Local.ch findet das Programm Gesundheitsförderung seit 2005 an den Standorten Bern, Luzern und Sion statt. Nebst dem Bewegungsprogramm gibt es einmal pro Monat ein Massageangebot, die Kontrolle der richtigen Ergonomie am Arbeitsplatz — beides durch einen Physiotherapeuten ausgeführt — sowie jeden Tag frische Früchte. Ob es erfolgreich ist und die Leute deshalb weniger krank sind, kann Lüthi so nicht sagen, weil Vergleichswerte fehlen, aber immerhin: «Wir haben motivierte Mitarbeitende.»

Schweizerische Post, Härkingen

Das Training gilt als Arbeitszeit

William Stettler (33) aus Aarburg wuchtet im Paketsortierzentrum der Schweizerischen Post in Härkingen den ganzen Tag schwere Pakete herum, grosse sperrige Teile mit Autoreifen, Velos oder Matratzen. Kein Wunder, hatte Stettler Probleme mit seinem Rücken. 2007 begann er mit Krafttraining im Posteigenen Kraftraum. «Die Übungen an den drei Maschinen wurden von einer Fitnessinstruktorin genau auf seine Beschwerden abgestimmt», sagt Christine Schmidhalter (33), Leiterin betriebliche Gesundheitsförderung und Präsenzmanagement bei der Schweizerischen Post.

Seit 2006 engagiert sie sich in einem ehrgeizigen Projekt, das die Post bisher weit über eine halbe Million Franken kostete. Sie liess in vier Verteilzentren Krafträume einrichten, Physiotherapeuten leiten die Mitarbeiter an. «Aufgrund der Betriebsphysiotherapie und des Krafttrainings konnten bei PostLogistics die Absenzen schweizweit um 1800 Tage gesenkt werden», sagt Christine Schmidhalter. Und das wiegt das investierte Geld bei Weitem auf. Tatsächlich hat sich auch William Stettlers Rücken gut entwickelt. «Ich habe nur noch selten Rückenschmerzen », sagt er. Vor allem nehme er jetzt viel mehr Rücksicht auf seinen Rücken, die Arme und die Beine. Denn die Betriebsphysiotherapeuten zeigten Stettler auch, wie er Pakete richtig anheben muss.

Auch wenn er sich bei kleineren Paketen nicht immer daran halte, nehme er sich das vor allem bei schwereren Paketen sehr zu Herzen. In ein Fitnesszentrum wollte er nie «es gab da immer eine Art Hemmschwelle». Doch heute verbringt er jede Woche zweimal eine Viertelstunde im Kraftraum, in dem er unter Anleitung Übungen absolviert. «Es geht nicht um ein Kräftemessen unter Männern, sondern um Gesundheitsförderung », sagt Christine Schmidhalter. «Deshalb ist auch immer eine Betreuungsperson anwesend.» Und das Beste: Die Zeit im Fitnessraum wird dem Logistikmitarbeiter als Arbeitszeit angerechnet.

Victorinox, Ibach SZ

Drei Mal täglich strecken sich die Messerfrauen

Routiniert und mit flinken Fingern öffnet Elisabeth Schibig (53) aus Schwyz, die verschiedenen Klingen eines Taschenmessers, reinigt diese mit einem Lappen und schliesst sie wieder. Etwa 500 Mal in einer Stunde führt sie diese Bewegung an ihrem Arbeitsplatz beim Schwyzer Traditionsunternehmen Victorinox aus. Eine ermüdende und eintönige Arbeit, die dennoch volle Konzentration verlangt, denn die Klingen sind scharf. Seit acht Jahren ist Elisabeth Schibig Teil der Abschlusskontrolle der Multi-Tools, wie Sackmesser heute heissen. Tag für Tag von 6.45 Uhr bis 16.15 Uhr. Plötzlich schallt der Ruf Balance-Time durch die Halle. Alle Frauen erheben sich, und die Mitarbeiterin Isaura Da Silva (52) tritt vor. Mit den Armen zieht sie Kreise durch die Luft, 20 Frauen tun es ihr gleich. Dreimal täglich bekommen die Mitarbeiter so Gelegenheit, ihre Glieder zu strecken und sich auf sich selber zu fokussieren.

Isaura Da Silva: «Die meiste Zeit sitze ich bei der Arbeit.» Da tue es gut, sich hin und wieder etwas zu bewegen. «Die Frauen sind zusätzlich dazu angehalten, Mikropausen einzulegen oder sich zwischendurch zu bewegen», sagt Paul Auf der Maur (41), stellvertretender Fabrikationsleiter bei Victorinox. Das Bewegungsprogramm führte die Schwyzer Messerschmiede bereits 2002 ein. «Mit sehr gutem Erfolg», wie Paul Auf der Maur betont. 2002 hatte die Victorinox in Ibach 50 000 Ausfallstunden pro Jahr bei 900 Mitarbeitern. «Heute sind es noch gut 27 000.» Die Geschäftsleitung ist überzeugt, dass dieses Fitnessprogramm einen wichtigen Beitrag zu diesem Erfolg beigetragen hat. Dennoch: Immer noch haben zwei Prozent der Mitarbeitenden wegen der eintönigen Arbeit Probleme mit den Schultern, den Händen oder Armen. Fünf Minuten dauern die Übungen, dann setzen sich die Frauen wieder hin, und alles geht seinen gewohnten Gang. So auch bei Elisabeth Schibig, die seit 27 Jahren bei Victorinox arbeitet.

Erneut flitzen die Taschenmesser durch ihre Finger, die sich jeden Morgen wie taub anfühlen. «Ich leide unter Arthrose», sagt die 53-Jährige und kann dank des Engagements der Firma diese für die Hände anspruchsvolle Arbeit dennoch schmerzfrei ausführen. «Die Balance-Time habe ich sehr gern», sagt sie und fügt an: «Dreimal täglich aufzustehen, das tut gut.»

Autor: Thomas Vogel

Fotograf: René Ruis