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20. August 2012

Betten schieben fürs Vaterland

Tausende von Schweizern entscheiden sich jedes Jahr für den Zivildienst, statt ins Militär zu gehen. Einer von ihnen ist Radio- und TV-Moderator Patrick Hässig, der derzeit im Zürcher Waidspital die Sohlen seiner Gesundheitsschuhe abläuft.

Patrick Hässig
Putzen, schieben, laufen: Zivildienstler Patrick Hässig kommt immer wieder ins Schwitzen. Jeden Tag spult er im Waidspital gut und gerne 15 Kilometer ab.

Seit gut einem Monat und noch bis im Dezember ist Radio- und TV-Moderator Patrick Hässig (33) als Zivildienstleistender im Zürcher Stadtspital Waid im Einsatz. Er fügt sich nahtlos ins Spitalbild ein. Da stimmt alles, vom sauberen Kurzhaarschnitt über das täglich von der Wäscherei gelieferte dunkelgrüne Poloshirt bis zu den schneeweissen Gesundheitsschuhen. Die haben ihm seine Moderationskollegen von Radio 24 geschenkt.

Spital statt Radiostudio: Moderator Patrick Hässig absolviert seinen Zivildients im Waidspital Zürich.
Spital statt Radiostudio: Moderator Patrick Hässig absolviert seinen Zivildients im Waidspital Zürich.

Die Sohlen der weissen Treter sind bereits ein wenig abgelaufen: Als Mitarbeiter in der Transport- und Bettenzentrale legt Patrick Hässig in den Gängen des fünfstöckigen Waidspitals jeden Tag zwischen 7 und 16 Uhr um die 15 Kilometer zurück, dabei schiebt er meist ein Krankenbett vor sich her oder einen Rollstuhl mit Patienten, die zu Untersuchungen oder Therapien gebracht werden müssen. Das ist anstrengend, denn schon ein leeres Bett wiegt an die 120 Kilo. «Ich habe noch nie so viel gegessen wie jetzt, ich vertilge ganze Bauarbeitermenüs», sagt Patrick Hässig und lacht. Die Verpflegung bekommen «Zivis» gratis. Ausserdem einen Sold von fünf Franken pro Tag.

Ich habe noch nie so viel gegessen. Ich vertilge ganze Bauarbeitermenüs.

Kürzlich habe ihm eine betagte Dame einen vierfachen Tageslohn als Trinkgeld gegeben, erzählt Patrick Hässig. 20 Franken hat sie ihm in die Hand gedrückt und sich nicht davon abbringen lassen. Der Moderator kann gut mit Menschen umgehen, interessiert sich für die Schicksale seiner Schützlinge. «Manchmal erfahre ich eine halbe Lebensgeschichte, wenn ich jemanden ins Röntgen fahre», erzählt er, «und die zweite Hälfte höre ich, wenn ich den Patienten wieder abhole.» Manchmal aber sind Kranke nicht ansprechbar, verschwinden in den weissen Kissen. Patrick Hässig stellt sich trotzdem vor und sagt ein paar Worte, und sei es nur: «Ich hoffe, dass Ihre Untersuchung gut gegangen ist.» Konkretere Fragen stellt er bewusst nicht, und auch medizinische oder pflegerische Handlungen an den Kranken darf er keine vornehmen.

Die wenigsten erkennen ihn als Radiomoderator. Die meisten der jährlich rund 9500 Patienten im Waidspital sind über 60 Jahre alt — nicht gerade das Zielpublikum von Radio 24. Doch ab heute wird sich Patrick Hässigs Bekanntheitsgrad ändern: Auf SF 1 startet nämlich seine tägliche Quizshow «Weniger ist mehr», die Nachfolgesendung von Sven Epineys «5 gegen 5».

Der gelernte Kaufmann begann seine Karriere als Moderator als 18-Jähriger bei Radio Unispital Zürich. Später präsentierte er die DRS-3-Hitparade, dann bot ihm SF 2 die Jugendsendung «Gameshow» an. Seit 2008 ist Hässig die Stimme der erfolgreichen «Morgenshow» von Radio 24, wohin er nach seinem Zivildienst auch zurückkehren wird.

Patientin Ursula Eva Lindenmeyer (71) findet Zivi Patrick Hässig «än Schnügel». Sie hat sich beim Spaziergang mit dem Hund den Fuss verletzt.
Patientin Ursula Eva Lindenmeyer (71) findet Zivi Patrick Hässig «än Schnügel». Sie hat sich beim Spaziergang mit dem Hund den Fuss verletzt.

«Er isch än Schnügel», sagt Ursula Eva Lindenmeyer über Patrick Hässig, «er macht es ganz herzig.» Die 71-Jährige mit den grossen blauen Augen, die auch im Bett immer ein Beret trägt, liegt seit zwei Wochen im Spital; nach einem Spaziergang mit ihrem Hund schwoll ihr linker Fuss dick an und schmerzte. Patrick Hässig fährt sie regelmässig zur Therapie und vergisst nie, sich nach dem Hündchen zu erkundigen, das derzeit im Tierheim untergebracht ist; schliesslich hat er, zusammen mit seinem langjährigen Lebenspartner Mikael (29), in seiner Zürcher Wohnung selber Tiere: zwei Katzen und eine Schildkröte.

Über unebene Stellen steuert er das Bett besonders behutsam — «das ist doch sicher unangenehm, wenn das ganze Näscht rüttelt» — und achtet darauf, dass die Patienten immer mit Blickrichtung auf die Türe in den Lift geschoben werden, damit sie nicht an eine leere Wand starren müssen.

Mit seinen 33 Jahren ist Hässig einer der ältesten Zivis, die es im Waidspital je gegeben hat. Er entschied sich erst spät dafür, seine verbleibenden 90 Diensttage nicht im Militärdienst als Tambour im Militärspiel der Luftwaffe zu leisten. Auch wenn damit aus 90 eben 135 Diensttage wurden (siehe Kasten): Er wollte etwas Sinnvolles tun, sagt er. Und ein wenig Eigennutz sei auch dabei: «Ich war selber noch nie als Patient im Spital. Obwohl ich kein Problem habe mit Blut oder Erbrochenem, ein gewisser Respekt vor dem Krankenhaus war doch da. Ich dachte, ein Blick hinter die Kulissen werde mich beruhigen, und so ist es jetzt auch.» Wäre er nicht Moderator geworden, hätte er sich sogar einen Beruf im Gesundheitswesen vorstellen können.

Die Patienten haben die Zivis gern, und wir werden entlastet – Toni Disler, Chef der Transport- und Bettenzentrale

Tony Disler (46), Chef der Transport- und Bettenzentrale, ist begeistert von Hässig: «Man merkt die Reife.» Die meisten Zivis seien zwischen 20 und 23 Jahre alt und bräuchten deshalb mehr Führung. Wichtig seien sie aber alle. «Wir verlassen uns auf unsere Zivis und behandeln sie wie normale Mitarbeiter», sagt Disler, «vor allem zu Spitzenzeiten sind sie Gold wert.» Auch Pflegeleiterin Stefanie Wunderlin möchte auf die insgesamt vier bis fünf Zivis im Waidspital, unter anderem in der Akutgeriatrie oder auf der Dialysestation, nicht verzichten: «Die Patienten haben sie gern, und wir werden entlastet.»

Für Patrick Hässig ist gerade ein anderer Job angesagt: Bettenputzen. Mit Schweizer Gründlichkeit wird bei jedem «Näscht» jede Schraube mit Desinfektionslösung abgewischt, die Matratze gedreht und der Rost geschrubbt; dafür wird das Bett auf eine Hebebühne gestellt. Hässig schätzt die Abwechslung und die kühle Luft in der Bettenzentrale. Einige seiner sechs fest angestellten Kollegen sind auch da, es wird gescherzt. Auf dem Fenstersims steht ein grosses Radio, es ist Nachrichtenzeit. Radio 24, versichert Patrick Hässig, habe nicht er eingestellt, das sei schon so gewesen.

www.patrickhaessig.ch

Quizshow «Weniger ist mehr», SF 1, jeweils 18.15 Uhr

Autor: Karin Aeschlimann

Fotograf: Tina Steinauer