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06. Juni 2016

Eine Kampfkuh als beste Freundin

Natalija Bregy träumt davon, ihre Kampfkuh Cascada in den Ring zu schicken und siegen zu sehen. Mit ihrem Hobby bewegt sie sich in einer klassischen Männerszene. Kein Problem für die 17-jährige Walliserin: «Man kennt mich.»

Natalija Bregy (17) fährt mit ihrem roten Jeep mit grüner Autonummer beim Hof ihrer Familie in Turtmann VS vor, steigt aus, pfeift und ruft mit sanfter Stimme «Cascada!», «Cosby!». Zwei imposante Eringer Kampfkühe traben ihr entgegen und muhen sonor. «He, Schatzi», grüsst Natalija die muskelbepackten Tiere mit den geschwungenen Hörnern, streichelt und herzt sie, als wären es Hunde.

Mit Kampfkühen aufgewachsen

Natalija ist mit den Kampfkühen im Stall gross geworden, sie gehören zur Familie. «Möchten Sie die Namen aller 30 Kühe wissen?», fragt sie und legt gleich mal los: Corbo, Buffon, Dallas, Bacelone, Rambo, Princesse, Bayonne, Raija … Natalija erklärt, wie die Kühe miteinander verwandt sind, und zeigt den Stammbaum von einigen auf ihrem Handy. Während sie die 580 Kilo schwere Cascada, «mein Kühli», an der Brust krault, erzählt sie von den Eringer Kampfkühen.

Waren Vater und Mutter, Grossvater und Grossmutter einer Kuh kampfeslustig, sei die Chance höher, dass auch diese «gut sticht», also «beschi» (böse) ist. Das heisst, eine Kuh geht den Kampf draufgängerisch an. Prallt ihr Schädel auf den ihrer Gegnerin, verkeilen sich ihre Hörner, stemmt sie ihre geballte Kraft da­gegen und – gewinnt. Für die Samenprobe eines rauffreudigen Topstiers zahle man bis zu 1000 Franken, sagt Bregy. Und: «Eringer Kampfkühe trainiert man nicht, man züchtet sie.»

Die Eringer Kühe sind Herdentiere. Sie bekämpfen sich Horn an Horn, um die Rangordnung zu klären. Aus diesem Verhalten ist die Tradition der Ringkuhkämpfe entstanden. An einem sogenannten Stechfest treten jeweils zwei Kühe gegeneinander an. Die Siegerin stellt den Kampf ein, sobald sich die besiegte Kuh abwendet. Am Ende des Tages wird die Kuh, die nie besiegt wurde, zur «Königin der Königinnen» gekürt. Das grosse Finale dieser regionalen Stechfeste findet jedes Jahr in Aproz VS statt. Aus Sicht des Tierschutzes gelten die Kämpfe als unproblematisch, da sie artgerecht seien.

Natalija Bregy hätte Anfang April auch ihre Kuh Cascada in den Ringkampf schicken wollen. Doch Cascada verletzte sich im vergangenen Sommer am Bein und verpasste die Vorausscheidung. Für Natalija war das eine grosse Enttäuschung. Ihr Vater Marco Bregy (50) hatte ihr Cascada vor zwei Jahren geschenkt, nachdem sie zu rauchen aufgehört hatte. Seither träumt Natalija davon, Cascada im Ringkampf siegen zu sehen. Preisgeld gibt es keines zu gewinnen. «Es geht um Stolz.» Den Stolz, ein Tier gezüchtet zu haben, das alle anderen im Ring aussticht.

Es geht um Tradition und Ehre

Natalija besucht Stechfeste, seit sie sich erinnern kann. Sie liebt die Atmosphäre, die Spannung, freut sich, dort Kollegen zu treffen und Kühe wiederzusehen, die ihr Vater verkauft hat. Für eine «Königin der Königinnen» sollen Liebhaber bis zu 30 000, manchmal sogar 40 000 Franken ­bieten. Doch eine Siegerin werde ­selten ­verkauft.

Dass sie sich an Stechfesten als junge Frau in einer traditionellen Männerdomäne bewegt, ist ihr «eigentlich egal», sagt Natalija Bregy. «Man kennt mich in diesen Kreisen, ich bin so aufgewachsen.»

Eringer hält man nicht nur als Milch- oder Fleischkühe. «Wer Eringer züchtet, tut dies aus Leidenschaft. Es geht um Ehre und Tradition», sagt Natalija. Ihr Vater ist eine Grösse in der Szene. Schon neun Mal sind seine Kühe am Nationalen Eringer Kuhkampffinale in Aproz in verschiedenen Kategorien Königinnen geworden. «Natalija hat ein Gefühl für Tiere, wie es manch ein Züchter ein Leben lang nicht entwickelt», sagt der Vater.

So sehr sich Natalija Bregys Alltag um die Kühe dreht, sie sind eigentlich nur ein Hobby. Vater Marco Bregy arbeitet als Sanitär, Natalija macht eine Lehre als Logistikerin in einer Landmaschinenwerkstatt im nahen Susten VS. Sie lebt bei ihrem Vater, ihre Eltern sind getrennt. Am allerliebsten hätte Natalija eine Lehre als Tierpflegerin gemacht. Doch dafür hätte sie das Tal verlassen müssen. Und das kam nicht infrage: «Ich bin ein Heimkalb.»

Kaum Zeit für die Freunde

Jeden Morgen vor der Arbeit führt Natalija ihren Hund Xenia aus, fährt beim Stall vorbei und schaut, ob bei ihrem Pferd Ilcando und bei Cosby und Cas­cada alles in Ordnung ist. Die beiden Kühe sind nicht mit der Herde auf die Alp gegangen. Cosby, weil sie bald kalbert, Cascada wegen ihrer Verletzung. In der Mittagspause fährt Natalija nochmals mit dem Jeep vor und abends nach der Arbeit ebenso. Dann trainiert sie Ilcando.

Zeit für Freunde bleibt da kaum. Man trifft sich höchstens an einem Samstagabend oder für einen Ausritt mit dem Pferd. Für Natalija Bregy sind die Vierbeiner die wahrenFreunde. «Wir können ihnen nie soviel zurückgeben, wie sie uns geben»,sagt sie. In ihrem Whatsapp-Profil steht: «Manche Freunde haben vier Beine, damit sie ihr grosses Herz tragen können.»

Ob Cascada eines Tages alle anderen Kühe im Ring in die Flucht schlagen wird, kann auch der Vater nicht ­voraussagen. «Beschi isch, dr Räscht isch Schicksal.»

Die Migros Wallis und das M-Industrieunternehmen Aproz unterstützen als Silber-Partner das Nationale Finale der Eringer Ringkampfkühe.

Autor: Monica Müller

Fotograf: Mathieu Rod