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21. September 2015

Beste Freunde

Männer leben Freundschaften anders als Frauen. Sie verstehen sich ohne Worte, mögen Unterschiede. Sechs unzertrennliche Freunde erzählen, warum sie sich nicht missen möchten. Machen auch Sie einem langjährigen Freund eine Freundschaftserklärung (rechts).

Was macht einen Menschen zum Freund? Wo ziehen wir die Grenze zwischen einem «Freund» und einem «guten Freund»? Und was ist ein «bester Freund»? Für die einen ist es die Person, die regelmässig beim Umzug hilft, ihr Auto bereitwillig ausleiht und mit der man einfach das Leben geniessen und Spass haben kann. Anderen ist wichtig, dass ein Freund dieselben Wertvorstellungen teilt und stets für einen da ist – auch wenn die Treffen eher rar sind. Freundschaften haben so unterschiedliche Gesichter wie die Menschen dahinter.

Der kleine Unterschied
Freundschaften unterscheiden sich in der Anzahl der Freunde, den gemeinsamen Themen, den Aktivitäten, in der Häufigkeit der Treffen oder der Relevanz. Die Bedürfnisse variieren je nach Alter, Beziehungsstatus oder Geschlecht. Zu diesem Schluss kommt die Studie «Freunde fürs Leben» der deutschen Jacobs AG von 2014 (siehe Grafik).

Was die Geschlechter betrifft, sind sich Männer und Frauen einig, dass sie Freundschaften unterschiedlich leben. Gemäss Studie ist Frauen die Kommunikation wichtiger,während Männer auch mal zusammen schweigen können. Ja, sie können zusammen Zeit verbringen, ohne wirklich etwas zu tun. Die Forschung hat herausgefunden, dass Männer mit Berberaffen einige Fähigkeiten teilen. Nein, Männer putzen sich zwar nicht gegenseitig. Aber Männer können durch enge Freundschaften resistent werden gegen jeglichen Stress von aussen.

Das ist wohl auch der Grund, weshalb sich Männer bisweilen leichter tun als Frauen, neue Freunde zu finden: Tragen zwei Männer an einer Party das gleiche Outfit, werden sie zu Kumpels. Bestellen zwei ­Männer in einer Bar das gleiche Getränk, werden sie zu Kumpels. Und warten zwei Männer auf den gleichen verspäteten Zug – na was wohl? –, werden sie zu ­Kumpels.

Männer mögen «Ergänzungen»
Sechs ältere und jüngere Männer erzählen auf den folgenden Abschnitten, warum ihre Definition einer guten Freundschaft weit über das gemeinsame Biertrinken hinausgeht. Alle räumen dem jeweiligen besten Freund einen speziellen Stellenwert ein und stören sich nicht an ­ihren Andersartig­keiten. Im Gegenteil: Sie ­schätzen ihre ­Unterschiede – Stichwort «Ergänzung». ­Leben und leben lassen: eine männliche Tugend?

Wenn Männer Freud und Trauer teilen

Markus Bitterli und Xaver Pfister
«Männergespräche verlaufen eher rational», sagt Markus Bitterli (75, rechts), «...und weniger ausschweifend», ergänzt Xaver Pfister (68). Die beiden sind seit 1976 befreundet.

Zwischen Männern und Frauen gibt es mehr als den kleinen Unterschied: Davon sind Xaver Pfister und Markus Bitterli überzeugt. «Männergespräche verlaufen eher rational», sagt ­Bitterli. «… und weniger ausschweifend», fügt Pfister an. Bitterli weiter: «Frauen gehen eher auf die psychologischen, sinnlichen Sachen ein. Über Gefühle und Emotionen reden wir nicht so viel.» Sie seien nicht minder sensibel, nur halt anders. Ihre Themen sind: die Welt verbessern und Religion. Obwohl Xaver Pfister Theologe ist, finden sie sich im kritischen Denken gegenüber der Kirche. «Das Schöne an unserer Freundschaft ist: Wir haben andere Schwerpunkte, aber treffen uns auf der gleichen Ebene.» «Ich war mal in einer Männergruppe», sagt Markus Bitterli. «Nach vier Tagen gab ich auf. Thema war immer: diese Scheissweiber.» Pfister: «Da fällt mir ein: Wir reden nie darüber, was wir mit unseren Frauen besprechen. Wir lästern nicht.»

Kennengelernt haben sie sich 1976, als der kirchliche Jugendarbeiter Xaver Pfister eine Projekteingabe für einen Spielplatz machte und diese bei Markus Bitterli auf dem Tisch landete, der als Sozialpädagoge die Kontaktstelle für Quartierarbeit innehatte. «Wir waren aus dem gleichen Holz geschnitzt», sagt Bitterli. Er und seine Frau luden Pfisters zum Znacht ein. Aus der Freundschaft zweier Pärchen kristallisierte sich die Freundschaft der beiden Männer heraus, geprägt von einschneidenden Erlebnissen: dem Tod von Markus Bitterlis Nichte und später von seiner ersten Frau sowie Xaver Pfisters Depression. Als dieser in der ­Klinik war, hatte er – ausser der Familie – nur mit seinem Freund engen Kontakt. «Ich dachte: Gopf, der Typ ist so gut!», sagt ­Bitterli. «Xavers Buch ‹Der vergessene dritte Klang› öffnete mir viele Augen zum Evangelium. Unverständlich, wie man mit so einem Erfolg in eine Depression rutschen kann.»

Solche Ereignisse seien auch Zeiten der Klärung, sagt Xaver Pfister: «Wer ist wirklich wichtig für mich? Markus und ich haben uns auf der Gesprächsebene getroffen.» Sein Freund ergänzt: «Bei dir konnte ich einfach rauslassen. Du warst einer der wenigen, der zugehört hat. Bei niemandem sonst kann ich so unzensiert erzählen.» Da sein, wenn es schwierig ist, das sei der wertvollste Punkt einer Freundschaft. Xaver Pfister sagt: «Und es darf nicht von einer Laune abhängen. Im Sinne von: ‹Ah, dem chönti au widr mal aalüte.›»

Ein Nachtessen pro Monat planen sie fix ein, plus eine Woche gemeinsame Ferien in Frankreich mit den Ehefrauen. Dort bewirtet Hobbygärtner und -koch Markus Bitterli mit selbst gekeltertem Wein. So schliesst sich ihr Interessenkreis: «Wein und Rebstock kommt überall im Evangelium vor», sagt er. «Die verstanden was von Lebensqualität.»

Wenn Männer sich in- und auswendig kennen

Pascal Schellenberg und Lucas Zeller
Pascal Schellenberg (18) und Lucas Zeller (17) aus Zürich sind zusammen aufgewachsen.

In ihrer gemeinsamen Biografie gibt es nur eine Lücke von zwei Jahren: als ihr Schulhaus umgebaut und Pascal Schellenberg und Lucas Zeller auf zwei Schulen aufgeteilt wurden. Doch da war der Grundbaustein für ihre Freundschaft längst ­gelegt. Lucas’ erste Erinnerung ist die Spielgruppe: «Wir bewarfen die Leiterin immer wieder mit diesen quadratischen Kissen. So flogen wir mehrmals raus.» Krach hatten die beiden Zürcher in den 17 Jahren nie. Es gab keinen Grund. Da sind sich beide einig.

«Nett sein zueinander bedeutet noch lange keine Freundschaft. Genauso wie Miteinanderschimpfen nicht dagegenspricht», sagt Pascal. «Wir haben die gleiche Wellenlänge, sind uns aber nicht wirklich ähnlich. Lucas ist eher der logisch Denkende, ich bin eher verträumt. Er hat mehr den Durchblick.» Lucas präzisiert: «Wir selber sind unterschiedlich, aber wir haben die gleichen Weltansichten. Und wir kommen aus ähnlichen Elternhäusern. Unsere Väter sind befreundet, Pascals Vater ist mein Götti. Die ­Erziehung – Anstand und Respekt – ist bei uns ­genau gleich.» Sogar die Hobbys glichen sich mit der Zeit an. «Bei vielem ist unklar, wer damit zuerst war.» Pascal überlegt: «Zum Lesen musste ich mich mega überwinden. Lucas ermunterte mich.» Umgekehrt übernahm Lucas von Pascal das Gamen und somit ein bisschen sein ruhigeres Gemüt.

Lucas Zeller und Pascal Schellenberg
Die Vertrautheit aus Kindertagen schweisst Lucas Zeller und Pascal Schellenberg zusammen.

An Geburtstagen nehmen sie sich ein, zwei Stunden Zeit nur füreinander, wie bei Pascals 18.: Lucas überraschte ihn mit einer Grillade und einem selbst gebackenen Kuchen. Heute lernen die beiden Elektorinstallateur im gleichen Betrieb. Seither ist ihre Freundschaft auf einem anderen Level: zusammen ­arbeiten, Ausgang – «mal bisschen länger als früher», sagt Pascal und lacht. Und gemeinsame Ferien in Schweden, immer am selben Ort, schon drei Mal. Gegen Schluss dieser ein bis zwei Wochen wird es jeweils ruhiger bei den beiden. Die Art von Ruhe, die man unter Vertrauten geniesst. «Pascal dürfte aber schon ein bisschen mehr reden», sagt Lucas. Pascal lässt das kalt: Wenn Lucas Unterhaltung brauche, rede er einfach selber.

Niemand weiss mehr über den andern als sie. «Deine Schultern sagen alles, glaub mir!», sagt Lucas. «Wenn du einen schlechten Tag gehabt hast, lässt du sie noch mehr hängen als sonst. Und du schlurfst.» Pascal weiss: Hat Lucas einen schlechten Tag gehabt, ist er deutlich ruhiger. Andere Freunde kamen und gingen. Die Vertrautheit aus Kindertagen schweisst die beiden zusammen. Doch sie wären auch sonst so gut befreundet, davon sind sie überzeugt. Nach der Lehre möchten sie eine Zweier-WG gründen, und irgendwann «wird Pascal der Götti meiner Kinder», so Lucas. Die Frauen müssen dann einfach miteinander auskommen. Aber auch da sehen die beiden kein Problem.

Wenn Männer sich gegenseitig inspirieren

Stefan Goekbas und Giulio Falcone
Stefan Goekbas (31) und Giulio Falcone (24) aus Zürich sind seit dreieinhalb Jahren unzertrennlich.

Als Stefan Goekbas zum ersten Mal Giulio Falcone erblickte, ging er direkt auf ihn zu und küsste ihn. «Ich sah dieses Gesicht, ich musste es einfach tun», sagt er. «Wir sahen uns, und es machte grad: bumm!», ergänzt Giulio und schnippt mit den Fingern. Was wie eine Liebesgeschichte klingt, ist der Anfang einer innigen Freundschaft. «Eigentlich ist es wie eine Ehe ohne Sex», sagt Giulio. Beide stehen auf Männer, aber nicht aufeinander. «Stefan ist wie ein Bruder, ich könnte nichts mit ihm haben.» Seit dem Kennenlernen an einer Hairshowparty vor dreieinhalb Jahren verbrachten die beiden Coiffeure fast jedes Wochenende zusammen. Es folgten sieben Monate im selben Salon, danach hätten sie «nicht mehr nicht zusammenarbeiten können», sagt Stefan. Vor zwei Jahren gründeten sie in Zürich ihr eigenes Geschäft: sisters. Der Name entstand auf einer Party, als sie sich ironisch «hey, sista» nannten – das blieb.

Die beiden Freunde haben das gleiche Tattoo: «Sisters»steht auf ihrem Unteram.

«Stefan ist mehr so der Draufgänger und Kreative, der weniger über Konsequenzen nachdenkt», sagt Giulio. «Ich bin eher Realist und organisiere und kaufe ein.» Beide schätzen ihre Unterschiede. Stefan sagt: «An Giulio bewundere ich seine Präsenz und wie er im Geschäft Alltagssituationen bewältigt. Er ist stark.» Sich selber sein können sie auch bei guten Freunden. Bei ihnen kommt die Inspiration hinzu: dieses Sich-gegenseitig-Hochschaukeln, das Aus-dem-andern-das-beste-Rausholen. Ihre Energie ist für andere schnell zu viel – auch für potenzielle Partner. «Wir geben ­immer Vollgas. Da ist es schwierig, als Aussenstehender reinzukommen», sagt Stefan. Freundschaft ist beiden wichtiger als Partnerschaft. «Wir haben immer erste Priorität», fügt Giulio an. «Ich weiss nicht, was passieren müsste, damit diese Freundschaft kaputtginge.» Keinen Kontakt haben sie nur, wenn sie schlafen.

WAS PASSIERT UNTER FREUNDEN? WAS GEHT GAR NICHT?
Die Resultate zur Männerfreundschaft
aus der Jacobs Studie 2014 (JPG-Format)

Autor: Laila Schläfli

Fotograf: Gabi Vogt