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02. November 2015

Gefährten für die letzte Reise

Tot sind doch nicht alle gleich: Vier Bestatter aus unterschiedlichen Kulturkreisen erzählen aus ihrem Alltag. Zudem spricht der Fernsehbestatter Mike Müller über sein eigenes Begräbnis – und der Ombudsmann des Schweizerischen Verbands der Bestattungsdienste über schwarze Schafe in der Branche.

Der ehemalige Lagerraum, wo Enver Fazliji gemeinsam mit der Trauerfamilie die Toten wäscht.
Der ehemalige Lagerraum, wo Enver Fazliji gemeinsam mit der Trauerfamilie die Toten wäscht.

Manchmal ist von einer Minute auf die nächste alles anders: Der Vater, die Partnerin oder im schlimmsten Fall das Kind ist tot. Neben der emotionalen Bewältigung eines solchen Schicksalsschlags gibt es nach einem Todesfall auch viel Organisatorisches zu erledigen. Enver Fazliji, die Geschwister Koch und Pierre Gottheil sind Bestatter und unterstützen die Trauerfamilien. Dabei müssen sie ganz unterschiedliche Regeln und Rituale befolgen, denn ihre Kunden gehören unterschiedlichen Religionen an.

Der muslimische Bestatter

Wenn bei Enver Fazliji (30) das Telefon klingelt, beginnt in der Regel ein Wettlauf gegen die Zeit: Der gebürtige Kosovo-Albaner ist einer von zwei muslimischen Bestattern in der Schweiz. Wer bei ihm anruft, hat einen Todesfall in der Familie – und will den Verstorbenen innerhalb von 48 Stunden unter der Erde wissen.

«Nach dem Tod schwebt die Seele über dem Körper des Menschen. Erst wenn der Leichnam beerdigt ist, kann der Geist Ruhe finden», erklärt der gelernte Dokumentationsassistent den Zeitdruck, unter dem die Angehörigen nach einem Todesfall stehen. Was den Stress erhöht: Die letzte Reise führt die meisten Muslime zurück in ihr Heimatland. Das heisst, Enver Fazliji muss für seine Kunden innerhalb von wenigen Stunden einen Flug organisieren und die Formalitäten erledigen – Totenschein, Einreisegenehmigung und eine Bestätigung des Rechtsmediziners, dass es sich beim Leichnam um die deklarierte Person handelt und keine Schmuggelware im Sarg versteckt ist.

Das Sargtuch mit einem Vers aus dem Koran
Das Sargtuch mit einem Vers aus dem Koran

«Es gibt nur wenige Friedhöfe in der Schweiz, die Muslimen die Ausrichtung des Grabes nach Mekka und die ewige Totenruhe gewähren können und wollen», erklärt Enver Fazliji die aufwendige Repatriierung. Auch die emotionale Bindung zur Heimat spielt eine Rolle: «Drei Viertel der Särge, die von Zürich aus verfrachtet werden, gehen auf den Balkan. Das sind Migranten der ersten Generation, die während der Kriegswirren in die Schweiz gekommen sind und immer von einer Rückkehr träumten.» Wegen der Kinder und Enkel blieben die meisten dann doch und kehrten erst im Sarg zurück.

Vor neun Jahren verstarb Enver Fazlijis eigene Grossmutter. Seine Familie stand vor der Herausforderung, ihr einen würdigen Abschied zu bescheren. Diese Erfahrung motivierte ihn, gemeinsam mit seinen Eltern das Bestattungsunternehmen Ahireti, arabisch für Jenseits, zu gründen.

Ein wichtiges Element einer muslimischen Bestattung ist das Waschen des Leichnams, meist in der Gegenwart von Familienmitgliedern. Um das Ritual in der Nähe des Flughafens durchführen zu können, hat Enver Fazliji eine Vereinbarung mit der Gemeinde Wallisellen ZH, wo er in einem Lagerraum des Friedhofsgebäudes einen Edelstahltisch mit Abfluss aufstellen durfte: «Ich bin der Gemeinde sehr dankbar. Es war nicht einfach, einen Raum zu finden.»

Auslandtransporte von Verstorbenen sind nur mit Särgen erlaubt, die mit einer Zinkwanne ausgekleidet sind – um unangenehmen Geruch und das Auslaufen von Flüssigkeit zu verhindern.
Auslandtransporte von Verstorbenen sind nur mit Särgen erlaubt, die mit einer Zinkwanne ausgekleidet sind – um unangenehmen Geruch und das Auslaufen von Flüssigkeit zu verhindern.

Meist kann Bestatter Fazliji seinen Job ohne Probleme erledigen: Hin und wieder jedoch stösst er auf Menschen, die ihm Steine in den Weg legen. Wie etwa kürzlich im Tessin, wo er den Verstorbenen erst nicht direkt im Spital abholen durfte, und die Friedhofsmitarbeiter ihm dann dessen Pass nicht aushändigen wollten: «Da ging es aber wahrscheinlich nicht nur um Diskriminierung, sondern auch um Geld, zumal der Verstorbene ein griechisch-orthodoxer Mazedonier war.» So habe das örtliche Bestattungsunternehmen auch noch eine Rechnung stellen können. Und hätte er schliesslich den Verstorbenen nicht ohne Papiere mitgenommen und die Botschaft verständigt, hätte die Familie auch noch Kühlkosten bezahlen müssen. Enver Fazliji selber verrechnet für seine Dienstleistung in der Regel rund 3000 Franken – inklusive Flugticket für den Verstorbenen.

Der jüdische Bestattungsbeamte

Der Bestattungsbeamte Pierre Gottheil im Waschraum der israelitischen Cultusgemeinde Zürich.
Der Bestattungsbeamte Pierre Gottheil im Waschraum der israelitischen Cultusgemeinde Zürich.

Einfühlungsvermögen und diplomatisches Geschick sind die wichtigsten Eigenschaften, die Pierre Gottheil (68) in seiner Funktion mitbringen muss: Er ist Bestattungsbeamter der israelitischen Cultusgemeinde Zürich, einer Einheitsgemeinde, die allen Juden von liberal bis orthodox offensteht. Wird der ehemalige Optiker bei einem Todesfall um Hilfe gebeten, muss er erst herausfinden, welcher Glaubensrichtung die Familie angehört – und was ihr wichtig ist.

Der Abdankungsraum auf dem jüdischen Friedhof in Zürich.
Der Abdankungsraum auf dem jüdischen Friedhof in Zürich.

«Orthodoxe Juden möchten ihre Toten innerhalb von 24 Stunden bestatten.» Zudem würden sie mehr traditionelle Regeln befolgen, etwa die Totenwache beim Leichnam oder das siebentägige Trauersitzen nach der Bestattung. Pierre Gottheil selber lebt seinen Glauben in einer eher liberalen Form, misst den Ritualen rund um den Tod aber durchaus eine wichtige Bedeutung zu: «Durch die Totenwache und das Trauersitzen wird die Gemeinschaft gestärkt. Familie und Freunde kommen zusammen und unterstützen sich gegenseitig.» Zudem sei dadurch ein klarer Zeitraum für die Trauer definiert – und so sei es unter Umständen einfacher, den Verlust zu verarbeiten und ins Leben zurückzufinden.

Für eine jüdische Bestattung braucht es mindestens zehn Männer. Sie sprechen ein Lobgebet für Gott, das sogenannte Kaddisch. Die Beerdigungen sind schlicht und einfach, ohne Blumen. Ein anderes Bestattungsritual, das alle Juden, egal welcher Glaubensrichtung, einhalten, ist die rituelle Waschung des Leichnams, wie sie auch von den Muslimen vollzogen wird: «Die haben bei uns abgekupfert», sagt Pierre Gottheil und lacht. Schliesslich sei das Judentum älter als der Islam. Mohammed habe wohl einfach das übernommen, was für ihn sinnvoll war. So zum Beispiel auch die ewige Totenruhe und die Ausrichtung des Grabs. Bei den Juden ist dies natürlich nicht Richtung Mekka gewandt, sondern nach Jerusalem – was aber hierzulande keinen Unterschied macht, beide Städte liegen Richtung Südost.

Jüdische Gräber 
sind schlicht, oft ohne Blumen und fast immer ohne Motive auf dem Stein.
Jüdische Gräber sind schlicht, oft ohne Blumen und fast immer ohne Motive auf dem Stein.

Die ewige Totenruhe erklärt unter anderem, warum vielen jüdischen Friedhöfen ein besonderer Charme anhaftet und zum Beispiel jene in Prag oder Vilnius als Sehenswürdigkeiten gelten. Dort stammen die ältesten Grabsteine aus dem Mittelalter. In Zürich, wo sich das Friedhofsgelände im Privatbesitz der jüdischen Gemeinde befindet, sind die ältesten Gräber aus dem vorletzten Jahrhundert und damit vergleichsweise jung.

Probleme mit den Behörden sind Pierre Gottheil nicht bekannt. Im Gegenteil: «An Schabbat und den jüdischen Feiertagen führen wir keine Beerdigungen durch. Die Stadt erlaubt unserer Gemeinde aber, auf den Sonntag auszuweichen.»

Bestatterinnen für Christen und Atheisten

Die Schwestern Karin Koch (49) und Doris Hochstrasser (60) kamen zum Geschäft mit dem Tod durch ihren Grossvater. Der Transportunternehmer hatte nebenbei als Bestatter gearbeitet. Die Schwestern übernahmen die Firma vor 16 Jahren und spezialisierten sich auf Dienstleistungen rund um den Tod.

11 Bestatterinnen Karin Koch (49) und Doris Hochstrasser (60, r.).
11 Bestatterinnen Karin Koch (49) und Doris Hochstrasser (60, r.).

Im Ausstellungsraum ihres Bestattungsinstituts in Wohlen AG finden sich nur wenige Kreuze. Neben einigen Sargmodellen hat es viele Urnen, die oft mit Engeln oder Vögeln verziert sind. «Die Bedürfnisse ändern sich. Heute wird zunehmend kremiert, und viele Leute haben den Bezug zur Kirche verloren», sagt Karin Koch, die als ehemalige KV-Angestellte unter anderem für das Administrative zuständig ist.

Der gesellschaftliche Wandel verändert den Beruf des Bestatters. «Früher waren wir vor allem für die Überführung der Verstorbenen und den Sarg zuständig, heute begleiten wir die Angehörigen bei der Trauerarbeit», sagt Doris Hochstrasser, die als Bäuerin gearbeitet hat und sich zur Lebens- und Trauerbegleiterin und, wie ihre Schwester, zur Bestatterin mit eidgenössischem Fachausweis weitergebildet hat.

Die Ausstellungsobjekte im Showroom des Bestattungsinstituts Koch.
Die Ausstellungsobjekte im Showroom des Bestattungsinstituts Koch.

Beide haben die Erfahrung gemacht, dass gerade Menschen, die keiner Glaubensgemeinschaft mehr angehören, dankbar für Unterstützung sind. «Zu Beginn wollen manche alles möglichst schnell hinter sich bringen und den Verstorbenen nicht mehr sehen, geschweige denn berühren», sagt Doris Hochstrasser. Man brauche aber Rituale, um den Tod einer nahestehenden Person und die damit verbundene Trauer zu bewältigen. Die Herausforderung sei, in jedem Fall das Passende zu finden.

Koch und Hochstrasser bieten den Angehörigen zuweilen an, dem Verstorbenen Briefe in den Sarg zu legen. Oder laden diese ein, beim Ankleiden und Einbetten des Leichnams zu helfen. Sind Kinder involviert, schlagen sie vor, dass sie den Sarg oder auch die Urne bemalen. Für Kinder seien Rituale besonders wichtig: «Erwachsene haben oft das Gefühl, sie müssten den Tod von den Kindern fernhalten. Dabei können die Kleinen relativ gut damit fertig werden, wenn man ihnen die Gelegenheit gibt, sich kindgerecht zu verabschieden.» Oft sei für Kinder, die sich später kaum mehr an den Verstorbenen erinnern können, ein Andenken wichtig: etwa ein Anhänger mit einem Fingerabdruck des Verstorbenen.

Seit Kurzem sind die Bestatterinnen übrigens auch Autorinnen. Sie haben mit einer Ghostwriterin ein Buch geschrieben. Darin thematisieren sie den Tod und zeigen, wie viel Leben im Sterben eigentlich steckt.

Karin Koch Sager und Doris Hochstrasser-Koch: Die Bestatterinnen. Gestorben wird immer. Wörterseh 2015, 208 Seiten, bei ExLibris für 26.55 Franken.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Gian Marco Castelberg