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12. November 2012

Berufung oder Leidensweg?

Die Nachfrage nach neuen Lehrkräften ist enorm. Eine verkürzte Ausbildung für Quereinsteiger soll den Mangel beheben. Doch wer will heute eigentlich noch Lehrer werden? Was ist schön an diesem Beruf, was schreckt ab, und wie hat er sich in den letzten Jahren verändert? Vier ganz unterschiedliche Beispiele.

Simona Fischer
Simona Fischer wählte den Weg über die Quereinsteigerausbildung und kam dabei an ihre Grenzen.

Wo drückt Lehrer der Schuh? Die Probleme, Formen der Gewalt und was ihnen weiterhilft.

Meine Ausbildung war damals noch ganz simpel. Ein Jahr Obersemi, und los gings mit dem Schulunterricht», sagt Maja Baumgartner (58, Bild unten links). Die Primarlehrerin aus Zürich wollte schon als Mädchen «etwas mit Kindern» machen, hat immer «Schüelerlis» gespielt und unterrichtet noch heute mit Herzblut – auch wenn sie selbst keinen guten Start in die Schule hatte, mit Schlägen auf die Finger, Schämecke und Leseproblemen.

Am meisten fasziniert sie, wie Kinder lernen und sich entwickeln: «Ich wollte herausfinden, wie man einem Menschen Dinge beibringt.» Das zu verstehen war ihr Antrieb und hat ihr Leben bestimmt, auch wenn sie selbst keine eigenen Kinder wollte. Mehr denn je ist sie heute überzeugt: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Denn jedes Kind habe sein eigenes Tempo.

Maja Baumgartner stieg in den 70er-Jahren in den Lehrberuf ein. Nach einem Jahr Oberseminar wurde sie ins kalte Wasser geworfen.
Maja Baumgartner stieg in den 70er-Jahren in den Lehrberuf ein. Nach einem Jahr Oberseminar wurde sie ins kalte Wasser geworfen.

Maja Baumgartner hat sich das meiste selbst beigebracht. Kein Vergleich zur Ausbildung heute, wie sie Simona Fischer (40) soeben abgeschlossen hat. Die in Zürich wohnhafte zweifache Mutter und Germanistin war Mitarbeiterin des Literaturhauses Zürich, hatte damit eigentlich einen Traumjob. Trotzdem hat sie sich vor knapp zwei Jahren für die Quereinsteigerausbildung zur Primarlehrerin entschieden. Sie hatte in der Zeitung von der neuen, verkürzten Ausbildung gelesen: «Da ich schon während meines Studiums unterrichtet hatte, wusste ich, wie gerne ich Wissen vermittle.» Die Ausbildung war hart. Zuerst die Selektion – nur etwa die Hälfte der Interessierten wurden zugelassen –, dann die Prüfungen. Daneben zwei kleine Kinder plus ein Teilzeitpensum als Primarlehrerin. Der neue Job gefällt Simona Fischer sehr, allerdings würde sie die Ausbildung heute einer Frau mit Kleinkindern nicht empfehlen.

Maja Baumgartner musste damals, mit Anfang 20, einfach ins kalte Wasser springen. Schon bald beschloss sie, dass sie noch mehr wissen wollte von der Welt: «Mich interessierten andere Schulmodelle, und ich reiste deshalb für ein Jahr nach Dänemark und Frankreich, um zu sehen, wie man es dort macht.» Besonders eingeprägt hat sich ihr ein Erlebnis in einer dänischen Schule: «Die Kinder fragten mich, warum wir in der Schweiz Noten hätten. Als ich antwortete, dass die Schüler sonst nicht lernen würden, begannen sie schallend zu lachen, so absurd fanden sie das.»

Voller Ideen kam sie zurück und erfand sich kurzerhand eine Stelle. Es war die Zeit, als viele «Boatpeople», Flüchtlinge aus Kambodscha, in die Schweiz kamen. «Manchmal stand am Morgen plötzlich eine Familie vor der Schule, mit Kindern, die kein Wort Deutsch sprachen. Niemand war zuständig, nicht mal einen Schulleiter gab es zu jener Zeit», erzählt sie. Also kümmerte sie sich um die Kinder und um alles, was sonst noch anfiel.

Dieser Innovationsgeist hat die Vollblutlehrerin während ihrer ganzen Karriere begleitet: Da es damals kaum Lehrmittel gab, begann sie eben, selbst an der Entwicklung entsprechender Bücher mitzuarbeiten. Auch für Schulpolitik und modernere Arbeitsbedingungen setzte sie sich ein, unter anderem für die Teilzeitarbeit, die den Lehrerberuf heute für so viele attraktiv macht. Auch Simona Fischer schätzt es, neben ihrer Teilzeitanstellung als Primarlehrerin Zeit für ihre Kinder und für andere Projekte zu haben.

Lehrberufe beinhalten längst mehr, als Kinder mit Wissen abzufüllen: Sozialerziehung, Elternkontakte, Organisatorisches, Weiterbildung, Kontakte mit Behörden und die Integration fremdsprachiger oder leicht behinderter Kinder erfordern viel Zeit und Können. Tatsächlich hat sich der Beruf immer wieder stark gewandelt: Lange war der Lehrer nebst dem Pfarrer, dem Arzt und dem Bürgermeister eine Autoritätsperson im Dorf. Grosse Klassen wurden im Frontalunterricht unterwiesen und diszipliniert, oft auch mit dem Stock.Mit der 68er-Bewegung wurde dieses Schulsystem in Frage gestellt und nach neuen, alternativen Wegen gesucht. In dieser Aufbruchstimmung konnte sich auch der Lehrerberuf weiterentwickeln. Bessere Lehrmittel, Teamarbeit und eine Individualisierung des Unterrichts sind die positiven Seiten dieser Entwicklung, eine Mehrbelastung und die Verbürokratisierung die weniger erfreulichen.

Aber ist der Beruf wirklich anstrengender als früher? «Die Kinder sind es auf jeden Fall nicht, sie sind immer gleich, nur die Umstände ändern sich», meint Maja Baumgartner. Warum sind dann so viele Lehrer frustriert und ausgebrannt? Der grosse administrative Aufwand ist das eine, das andere ist die Verantwortung. «Wie viele andere Lehrer auch fühlte ich mich früher für alles verantwortlich, auch für Dinge, die ich nicht ändern konnte. Das ist schädlich», sagt Maja Baumgartner. Und wie viele Kolleginnen und Kollegen schlitterte sie in ein Burnout. Sie kehrte jedoch gerne in den Beruf zurück – im Wissen um ­ihre Grenzen.

Caroline Bösch kündigte ihr Stelle als Sekundarlehrerin, heute macht sie nur noch Stellvertretungen.
Caroline Bösch kündigte ihr Stelle als Sekundarlehrerin, heute macht sie nur noch Stellvertretungen.

Die richtige Distanz zum Beruf musste auch Sekundarlehrerin Caroline Bösch (33) aus Kilchberg ZH erst finden. Heute hat sie diese Distanz und unterrichtet gerne, jedoch nur noch als Stellvertreterin: «Für Lehrer sind die Möglichkeiten, sich beruflich weiterzuentwickeln, sehr beschränkt. Und in der Privatwirtschaft hat niemand auf eine Lehrperson gewartet, deren Kernkompetenz es ist, anderen wohlwollend auf die Sprünge zu helfen», meint sie mit einem Augenzwinkern. Mit 30 entschloss sich Caroline Bösch, ihre Stelle zu kündigen. Nach einem Sabbatical beschloss sie, Wirtschaft zu studieren. Das Studium ist jetzt beendet. Bis sie eine passende Stelle gefunden hat, macht sie weiterhin Stellvertretungen, und das sehr gerne.

Ganz anders verliefen die Wege von Hansmartin Amrein (40) aus Bern. Den zweifachen Vater hielt es nach der Ausbildung nur kurz im Schulzimmer. Dann ging sein Bubentraum in Erfüllung: Er wurde Pilot bei der Swiss. «Vor der Ausbildung zum Piloten hatte ich mehrere Stellvertretungen als Lehrer gemacht. Doch ich wusste, das ist nicht mein definitiver Beruf», sagt er. «Es hätte bedeutet, meinen Traum aufzugeben.» Die Verbindung zum Lehrerberuf hat er sich dennoch bewahrt, wenn auch nur mental: «Ich habe dieses romantische Bild vom Lehrer im Kopf, in einem winzigen Schulhaus, fern von aller Hektik. Ich weiss, ich würde auf die Welt kommen. Selbst in einem pittoresken Dorf müsste ich im Alltag mit allerlei Schwierigkeiten kämpfen. Aber mir gefällt dieser Gedankenflirt.»

Hansmartin Amrein hielt es nach der Ausbildung zum Lehrer nicht lange im Schulzimmer: Er erfüllte sich seinen Bubentraum und wurde Pilot.
Hansmartin Amrein hielt es nach der Ausbildung zum Lehrer nicht lange im Schulzimmer: Er erfüllte sich seinen Bubentraum und wurde Pilot.

Lehrer braucht es immer, und als Mann ist er in einem von Frauen dominierten Beruf erst recht gefragt, auch dieser Gedanke gefällt Hansmartin Amrein. So weiss er stets, dass er einen spannenden zweiten Beruf hat, zu dem er zurückkehren könnte. Die berufliche Sicherheit gehört zu den Argumenten, mit denen auch junge Lehrer ihre Wahl begründen. Sie hat allerdings auch ihren Preis: Lehrer ist ein Beruf, den man nicht halbherzig machen kann. Davon ist auch Simona Fischer überzeugt: «Die Reaktion der Kinder ist immer unmittelbar. Wenn man langweilig unterrichtet, sind die Kinder nicht bei der Sache. Das merkt man sofort.» Für die Kinder ist man auch als Mensch enorm wichtig. Maja Baumgartner erinnert sich an ein entsprechendes Schlüsselerlebnis: «Als ich jung war, hatte ich lange blonde Haare. Einmal schnitt ich sie ab. Da gab es Kinder, die wollten nicht mehr zur Schule kommen, weil ich für sie nicht mehr dieselbe war.»

Genau wegen all dieser kleinen und grossen Erlebnisse würde sie wieder Lehrerin werden – und weil die Schule für sie der Spiegel der Gesellschaft ist. Dabei ist es ihr egal, ob Lehrersein gerade angesehen ist oder belächelt wird. Beides hat sie schon erlebt. Trotzdem hat sie sich entschieden, mit 60 aufzuhören. Was sie noch machen will? «Ich weiss es nicht», sagt sie. Dann doppelt sie strahlend nach: «Doch! Vor allem mal ohne Stundenplan leben.»

Autor: Andrea Fischer Schulthess

Fotograf: Nik Hunger