Archiv
02. Februar 2015

Berufswunsch: «Ich möchte Räuber fangen»

Polizistin, Spiderman oder doch lieber Fussballprofi: Welche Berufswünsche haben Kinder heute? Wir haben 17 kleine und grössere Dreikäsehochs gefragt, was sie einmal werden wollen, wenn sie erwachsen sind.

Gian Andrea (3) aus Chur
Gian Andrea (3) aus Chur GR: «Ich will Spiderman werden. Wenn das nicht geht, dann werde ich Feuerwehrmann.»
Eline Pia (11) aus Winterthur ZH
Eline Pia (11) aus Winterthur ZH

Eline Pia (11) aus Winterthur ZH: «Am liebsten würde ich Lehrerin werden und nebenbei Taekwondo unterrichten. Ein bis drei Mal in der Woche bin ich im Dojang (Trainingsraum) und trainiere dort. Ich war auch schon an internationalen Turnieren. Drei Mal habe ich eine Medaille und ein Mal sogar einen Pokal mit nach Hause gebracht. Wenn es mit dem Gymi nicht klappt, würde ich gern in der Betreuung arbeiten oder sonst was mit Kindern zusammen unternehmen. Ich würde dann in der Sek schauen, was ich mal lernen möchte. Ich freue mich auf diese Zeit. Ich habe das Gefühl, ich würde schon etwas Spannendes finden – egal, welchen Job ich mal wählen werde.»

Zino (11) aus Zürich
Zino (11) aus Zürich

Zino (11) aus Zürich: «Eigentlich wollte ich Zootierpfleger werden für Tiere, mit denen man gut umgehen kann. Also eher nicht für Krokodile, sondern zum Beispiel für Zebras oder Okapis. Doch weil ich eine angeborene Gelenkskrankheit habe, kann ich keine so schwere Arbeit machen und könnte mich im Notfall auch nicht gegen ein Tier wehren. Darum hatte meine Mutter die gute Idee, dass ich ja auch als Zoologe mit Tieren zu tun haben kann. Ich bin sehr geduldig und neugierig, und das ist wichtig, um Tiere zu beobachten. Da ich gut bin in der Schule, denke ich, dass ich das hinkriegen werde.»

Jools (12) aus Zürich
Jools (12) aus Zürich

Jools (12) aus Zürich: «Ich möchte Moderator werden oder sonst etwas auf der Bühne machen. Ich präsentiere einfach gern Dinge vor Leuten und gebe meine Meinung zu bestimmten Themen ab. Zum Beispiel zum Sport. Ich möchte darum zuerst Journalist werden oder die Schauspielschule machen. Zudem sagt mein Vater, dass jeder im Leben mal im Service gearbeitet haben sollte, weil man da sehr viel Wichtiges mitbekommt.»

Serafin (11) aus Zürich
Serafin (11) aus Zürich

Serafin (11) aus Zürich: «Dinge entwerfen, das möchte ich gern: Villen, Häuser oder grosse Luxuswohnwagen. Oder fahrende Luxussaunas für Events. Dann könnte man zuerst einen Wagen bauen und, wenns läuft, immer mehr davon. Entwerfen könnte ich das alles mit Legos oder am Computer. Dafür müsste ich früher oder später ans Gymi, am ehesten nach der Sek. Ich könnte mir aber auch vorstellen, Hockeyspieler zu werden, weil ich das so gern mache.»

Marlon (13) aus Basel
Marlon (13) aus Basel

Marion (13) aus Basel: «Ich bin sehr gern kreativ und gestalterisch tätig, daher möchte ich Designer werden. Auch Anwalt gefällt mir, weil ich gern und viel rede. Und weil mir Gerechtigkeit und Menschenrechte am Herzen liegen. Aber auch Architekt, Arzt oder Biochemiker wären was. Den Beruf des Arztes, also des Radiologen, und den des Biochemikers habe ich am Zukunftstag kennengelernt. Aber vermutlich werde ich ans Gymi gehen und danach an der Uni Jura studieren.»

Tate (6) aus Zürich
Tate (6) aus Zürich

Tate (6) aus Zürich: «Ich finde es schwierig, weil ich so vieles werden will. Aber ich glaube, am meisten möchte ich Zoowärter werden bei den Affen, weil die so witzig sind. Ich weiss, dass viele dort arbeiten wollen, aber darum melde ich mich einfach schon ganz früh an. Wenn es trotzdem nicht geht, möchte ich etwas mit Kunst machen, weil ich gern zeichne. Leonardo da Vinci ist ein Vorbild von mir.»

Lara (11) aus Amriswil TG
Lara (11) aus Amriswil TG

Lara (11) aus Amriswil TG«Mir gefällt die Natur, und ich helfe gern. Darum möchte ich vielleicht Tierärztin werden oder Naturheilpraktikerin. Vielleicht werde ich aber auch Modedesignerin, weil ich gern bastle und zeichne und schöne Kleider mag. Aber da bin ich mir noch nicht sicher. Ich weiss einfach, dass ich auf jeden Fall in der Schule gut aufpassen muss, wenn ich später einen dieser Berufe machen möchte.»

Olivia (9) aus Zürich
Olivia (9) aus Zürich

Olivia (9) aus Zürich: «Ich finde Kinder herzig und will ihnen helfen, wieder gesund zu werden. Deshalb möchte ich Kinderkrankenschwester werden. Meine Mutter war früher auch Krankenschwester. Ich habe sogar meine Puppen gepflegt. Darum möchte ich eben auch lieber Krankenschwester werden als Ärztin, weil mir das Pflegen so gut gefällt. Ich weiss, dass ich für meinen Wunschberuf fleissig lernen muss, damit ich ins Gymi kann.»

Marina (11) aus Zürich
Marina (11) aus Zürich

Marina (11) aus Zürich: «Ich war drei Jahre lang in einer Theatergruppe, und wahrscheinlich möchte ich Schauspielerin werden. Aber es ist schwierig, da einen Job zu bekommen. Darum habe ich das jetzt mal aufgehört, um mich auf die Gymiprüfung vorzubereiten, denn ich will zuerst einen anderen Beruf lernen. Was, weiss ich noch nicht genau. Aber auf keinen Fall Verkäuferin, das finde ich langweilig. Vielleicht werde ich Forscherin. Früher wollte ich auch mal Tierärztin werden, aber dann habe ich gemerkt, dass ich nicht operieren könnte.»

Julian (11) aus Disentis GR
Julian (11) aus Disentis GR

Julian (11) aus Disentis GR: «Früher wollte ich mal Pilot werden, aber dann fand ich das nicht mehr so cool. Als Pilot ist man ja viel weg. Und wenn man dann eine Familie hat, ist das blöd. Darum möchte ich jetzt Wissenschaftler werden. Entweder möchte ich den Klimawandel – und wie man das Problem lösen könnte – erforschen, oder etwas mit Tieren machen. In der Schule haben wir gerade das Murmeltier durchgenommen, das hat mir gefallen. Ich habe sehr gern Tiere. Damit ich das alles machen kann, werde ich ins Gymnasium gehen müssen. Und dafür werde ich trainieren.»

DAS SAGEN DIE EXPERTINNEN

«Eltern sollten ihren Kindern Mut machen»

Elisabeth Rothen (59), Berufs- und Studienberaterin, Laufbahnzentrum Zürich; Giuliana Lamberti (52), Stellenleiterin Job Shop Info Shop, Zürich.

Elisabeth Rothen und Giuliana Lamberti, was wollen Kinder heute werden?

Elisabeth Rothen (59), Berufs- und Studienberaterin
Elisabeth Rothen (59), Berufs- und Studienberaterin

Rothen: Das ist sehr stark abhängig von deren Alter. Vor allem kleinere Kinder wollen mit Tieren oder Kindern arbeiten oder etwas Kreatives tun. Diese Wünsche spiegeln ihre Entwicklungsphase: Das Spielerische ist für sie noch sehr wichtig. Mit der Zeit verändert sich das. Ab der 2. Sek lernen sie in der Vorbereitung auf die Arbeitswelt die Berufe kennen und entscheiden sich dann für ihre erste Ausbildung. Meistens wählen sie vertraute Berufe, die sie schon aus ihrem persönlichen Umfeld kennen.

Kaum jemand bleibt heutzutage ein Leben lang im gelernten Erstberuf.

Rothen: Wechsel erfolgen erst im Verlauf des weiteren Berufslebens und durch Weiterbildung. Es braucht Zeit, bis die innere Reife für solche individuellen Entscheide da ist. Darum ist es gut, dass es heutzutage kaum mehr Berufe gibt, die Sackgassen sind. Man kann sich immer weiterentwickeln.

Sind Berufe wirklich nach wie vor traditionell nach Geschlechtern getrennt?

Rothen: Obschon alle Berufe grundsätzlich von Frauen und Männern gelernt werden können, ist die Geschlechtertrennung in der Tat weiterhin ausgeprägt. Das hat mit dem Alter zu tun: Wenn die Jugendlichen mit 14 oder 15 Jahren ihre erste Berufsentscheidung fällen müssen, stecken sie meist mitten in der Identitätsfindung. In dieser Lebensphase wagen die meisten keine grossen Experimente und wählen eher geschlechtstypische Berufe. Es wird noch viel Zeit brauchen, bis sich da etwas ändert. Obschon verschiedene Berufsgruppen ganz spezifisch Mädchen ansprechen (in der Informatik beispielsweise), verändert sich ihr Anteil nur wenig. Aber auch für Buben ist es in von Frauen dominierten Bereichen wie Kinderkrippen nicht immer einfach.

Lamberti: Die Wahl der Grundbildung ist darum meist nicht sehr ausgefallen und oft sehr geschlechtertypisch. Zahnarztgehilfen sind zum Beispiel praktisch immer weiblich.

Was sollen Eltern ihren Kindern raten?

Rothen: Der Einfluss des familiären Umfelds auf die Ausbildung ist sehr gross. Noch immer sind es vor allem Akademikerkinder, die man an den Gymnasien antrifft. Am Wichtigsten scheint mir, dass Eltern gut informiert sind und ihre Kinder ermutigen, sich Berufe anzusehen und Schnupperlehren zu machen. Und gleichzeitig sollen sie Geduld haben mit den Jugendlichen. Und sich nicht verrückt machen lassen von der verständlichen Angst, das Kind fände seinen Platz nicht. Manche Kinder brauchen dafür einfach etwas länger.

Es gibt also keinen Grund zur Panik, auch nicht für Eltern unentschlossener Kinder?

Rothen: Wenn man die Statistiken ansieht, wird klar: Entgegen allen Behauptungen gibt es auch noch im frühen Sommer offene Lehrstellen und andere Möglichkeiten – ein 10. Schuljahr etwa. Und von beinahe überall in der Berufswelt kommt man heutzutage fast beliebig weit die Karriereleiter hinauf, wenn man es wirklich will.

Welches sind im Moment die beliebtesten Berufe bei den Kids?

Rothen: Am Anfang des Berufswahlprozesses (in der 8. Klasse) sind sie erstaunlich ähnlich wie eh und je: kaufmännische Berufe, Polizist, Anwalt, Regisseurin oder Schauspieler, Moderatorin, Tierberufe, Kinderberufe, künstlerische, kreative Berufe wie Grafikerin, Gametester, Designer, Logistiker und Coiffeuse.

Wie wichtig ist Geld?

Giuliana Lamberti (52), Stellenleiterin Job Shop Info Shop
Giuliana Lamberti (52), Stellenleiterin Job Shop Info Shop

Lamberti: Im Gegensatz zu früher habe ich mir angewöhnt, Jugendliche in Gesprächen über ihre Berufswünsche direkt darauf anzusprechen, ob sie sich auch über den Lohn nach der Lehre informiert haben. Ich finde mittlerweile, dass auch finanzielle Überlegungen in ihre Entscheidungen hineinfliessen sollten.

Autor: Andrea Fischer Schulthess