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06. Juni 2017

Berufsabenteurer durchwanderte Australien mit einem Einkaufswägeli

Über 3000 Kilometer hat Christian Zimmermann auf seinem Marsch durch Australien zurückgelegt. Mit dabei: viel Wasser, etwas Proviant – und eine treue Begleiterin, «Mrs. Molly, The Shopping Trolley». Im Video stellt er seine Begleiterin vor.

Christian Zimmermann stiess auf Viehroste
Auf dem Australien-Trip stiess Christian Zimmermann immer wieder auf Viehroste: Nur mit Mühe schaffte er es, seinen Einkaufswagen über die Gitter zu manövrieren.

Nein, eine Schnapsidee sei es nicht gewesen. Und er habe auch keine Wette verloren, sagt Christian Zimmermann und lacht. Es sei wohlüberlegt gewesen, Australien nur zu Fuss zu durchqueren. Auch wenn die Idee sich zuerst einmal ziemlich verrückt anhört: 3059 Kilometer Distanz vom Startpunkt Darwin bis zum Ziel Adelaide, quälende Hitze, nur die Campingausrüstung dabei, untergebracht in einem Einkaufswagen. «Manche haben mich schon für einen Spinner gehalten», sagt der 48-Jährige.

Christian Zimmermann, kerniger Typ, sportlich, bodenständig, sitzt auf einem Ledersofa in seinem Foto- und Videostudio in Flumenthal SO, das neben seinem Haus steht. Von hier aus bricht er regelmässig zu Reisen auf der ganzen Welt auf. Er ist ein Berufsabenteurer, seit 25 Jahren. Er fuhr schon im Kanu den ganzen Yukon River durch Kanada hinab (3200 Kilometer) und mit dem Velo quer durch Australien (10 000 Kilometer). Die Alpinistin Evelyne Binsack begleitete er fotografisch bis ins Everest Base Camp.

Das auf den Trips gesammelte Video- und Fotomaterial verwendet er für Livepräsentationen, mit denen er regelmässig durch Schweizer Mehrzweckhallen und Eventlokale tourt. Mit den Vorführungen und mit dem Bücherverkauf finanziert Zimmermann sein Leben. Auch sein Australien-Abenteuer wird das Thema einer Reiseshow sein.

Im Durchschnitt 32 Kilometer pro Tag

Vier Monate lang war er unterwegs. Legte pro Tag durchschnittlich 32 Kilometer zu Fuss zurück. Zimmermann marschierte auf dem berühmten Stuart Highway. Keine ungefährliche Angelegenheit, denn hier verkehren auch die schweren australischen Roadtrains, bis zu 54 Meter lange 100-Tonnen-Lastwagen, die, einmal in Fahrt, nicht mehr so schnell stoppen können. «Manchmal wurde es schon eng, wenn zwei Lastwagen sich kreuzten und ich mich auf der Strasse ganz klein machen musste. Die sausten mit einem Abstand von einem halben Meter an mir vorbei.» Denn einfach so in den Strassengraben konnte Zimmermann nicht immer ausweichen.

Unterwegs liess sich Christian Zimmermann einen Abenteurerbart wachsen.
Vorher – nachher: Unterwegs liess sich Christian Zimmermann einen Abenteurerbart wachsen.

Der Grund: «Mrs. Molly, the Shopping Trolley». Einmal im Graben gelandet, wäre das Gefährt nur schwer rauszubekommen gewesen.
«Mrs. Molly», das war ein Einkaufswagen, mit dem der gelernte Landschaftsgärtner die Campingausrüstung und den Wasservorrat transportierte. 130 Kilogramm musste er vor sich herschieben. «Das wäre für einen Rucksack eindeutig zu schwer gewesen.»

Deshalb liess er in Darwin einen gewöhnlichen Einkaufswagen umrüsten: Grössere, robuste Räder kamen dran, Halterungen für die Kameras wurden montiert. Zu Beginn hatte der Einkaufswagen noch keinen Namen. Dann tauften ihn australische Schulkinder, bei denen Zimmermann einen Halt auf seiner Reise einlegte, «Mrs. Molly», weil sich das so gut auf «Trolley» reimt.

«Zu meiner Molly baute ich ein richtig gutes Verhältnis auf. Ich sprach manchmal auch mit ihr», sagt Zimmermann. Schliesslich war er oft stundenlang allein in den australischen Weiten unterwegs. Die ersten zwei Wochen seien hart gewesen. Zimmermann konnte vor lauter Blasen an den Füssen kaum noch gehen. Auf dem langen Marsch wurden zwei Zehennägel blau, schliesslich fielen sie ab.

Von 77 auf 67 Kilogramm Körpergewicht

Die grösste Mühe habe ihm die Hitze bereitet. Bis zu 38 Grad heiss war es – im Schatten. «Ich trank sieben bis acht Liter Flüssigkeit pro Tag und schwitzte fast alles gleich wieder raus. Ich kam mir vor wie ein Durchlauferhitzer», sagt er. Nach zwei Wochen sei er dann aber in einen richtigen Flow geraten. «Von da an wusste ich, dass ich es schaffen werde.»

Nicht nur Wasserflaschen verbrauchte Zimmermann in rauen Mengen, sondern auch Kalorien. Zu Beginn seiner Reise wog er 77 Kilogramm – zurück kam er mit 67. «Dabei habe ich auf meiner Reise den ganzen Tag über richtig gefressen. Das war verrückt.» Morgens gab es Haferbrei, tagsüber Trockenfrüchte, Riegel, Schokokekse, abends Fertignudeln. Ab und zu kehrte er in einem Roadhouse ein, um sich auch mal einen Burger zu gönnen. «Wer abnehmen will, dem kann ich einen solchen Trip nur empfehlen.»

Insgesamt 105 Marschtage lang war der Abenteurer unterwegs. Und immer wieder sei es in dieser Zeit zu tollen Begegnungen gekommen. «Ich bin wahrscheinlich auf Hunderten von Fotos verewigt.» Einmal habe ihn sogar eine australische Fernsehgrösse am Strassenrand interviewt. «Das Buschtelefon funktionierte sehr gut. Es sprach sich schnell herum, dass irgendein Spinner mit dem Einkaufswagen auf der Strasse unterwegs war.»

Wieder zurück in der Schweiz, denkt Christian Zimmermann, der in einer festen Beziehung lebt, gern an die Reise zurück. «Sie hat mir einmal mehr gezeigt, dass es gut ist, seine Komfortzone zu verlassen», sagt er. Dafür sei er mit vielen eindrücklichen Momenten belohnt worden: magischen Sonnenuntergängen oder guten Gesprächen mit völlig fremden Menschen. Zimmermann ist überzeugt: Das würde jedem guttun. Es müsse ja nicht gleich ein Fussmarsch durch Australien sein. «Es gibt noch so viel anderes da draussen als nur das eigene Gärtchen», sagt er. «Oder wie es einer meiner Lieblingssprüche auf den Punkt bringt: Der Alltag kreiert keine Erinnerungen.» 

Ein Australien-Trip in Wort und Bild
Christian Zimmermann hat seine Erlebnisse rund um das Australien-Abenteuer in einem Buch festgehalten: «TransAustralia – 3059 Kilometer zu Fuss mit dem Einkaufswagen durch Down Under», 256 Seiten, Fr. 24.40; bestellbar auf
www.exlibris.ch

Christian Zimmermann erzählt in einer Liveshow von seiner Reise durch Australien.
Infos: www.global-av.ch

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Christian Zimmermann