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13. April 2015

Mitten unter den Zufriedenen

In Berg in der Nähe von Weinfelden TG leben laut einer aktuellen Umfrage die zufriedensten Schweizer. Eine Reportage mit den Stimmen von Bewohnern aus der Ostschweiz.

Berg im Kanton Thurgau
Die Gemeinde Berg im Kanton Thurgau.

Die erste Begegnung in Berg TG ist unerwartet: Im Dorfkern an der Hauptstrasse 49 steht ein modernes Zentrum mit einem Tattoostudio, einem Schönheitstempel, einem Zahnarzt und der Werbeagentur Scherrer. Das scheint schon fast ein wenig überdimensioniert in einer Gemeinde mit nur 3261 Einwohnern.
Traditioneller präsentiert sich das Restaurant Frohheim, nur ein paar Hausnummern weiter auf der Strasse Richtung Kreuzlingen: Die Gäste lesen den «Blick» oder die «Thurgauer Zeitung» und bestellen bei Silvia Koster (35) Kaffee und Gipfeli.

«Wenn man nach Berg kommt, findet man schnell Kontakt», lobt die Serviertochter, die seit drei Jahren im «Frohheim» arbeitet. Sie hat im Sommer 2008 mit ein paar Einheimischen den Röteli-Klub gegründet und ist dessen Präsidentin und Klubmutter. Eine Tafel im «Frohheim» erinnert an das Ereignis. Auf die Frage, was der Klub denn mache, hat Koster rasch eine Antwort: «Anstossen!»
Serviertochter Koster arbeitet laut Nextsuisse (siehe rechts) in der Gemeinde mit den zufriedensten Einwohnern der Schweiz. Einer davon ist Willi Nüssli (74), Stammgast im «Frohheim»: «In Berg gefällt mir der Zusammenhalt zwischen jüngeren und älteren Einwohnern, geschäftlich, politisch und gesellschaftlich.» Komme es zu Differenzen, rede man miteinander. Nüssli wohnt seit 44 Jahren in der Gemeinde, 33 Jahre davon arbeitete er als Schulhausabwart. Sein Sohn Markus (43) gewann an den Olympischen Winterspielen 1998 im Viererbob die Silbermedaille für die Schweiz. Er dürfte – neben Moderatorin Anita Buri, Miss Schweiz von 1999, – der berühmteste Berger sein.

Ebenfalls im «Frohheim» treffen wir auf Gemeindeammann Max Soller (59). Der SVP-Mann ist mit Elisabeth Brändli (CVP) das einzige Mitglied im siebenköpfigen Gemeinderat, das einer Partei angehört. Das Vertrauen in die Behörde sei hier gross, und Berg stimme meist so ab wie der Rest der Schweiz.

Vor 80 Jahren zählte die Gemeinde 53 Landwirtschaftsbetriebe, 13 Restaurants und jede Menge Tante-Emma-Läden. Heute stehen neben dem «Frohheim» nur noch vier weitere Beizen zur Auswahl – doch noch immer gibt es 40 Landwirtschaftsbetriebe.

Die meisten Einwohner arbeiten im Umkreis von Kreuzlingen, Weinfelden und Amriswil, ein Teil pendelt sogar bis nach Frauenfeld, Winterthur und Zürich. «Wir haben geordnete Verhältnisse, sind eine friedliche Wohngemeinde», sagt Stoller ( zum Interview ), der im März 2015 für eine zweite Amtsperiode gewählt wurde. «Die Lage über dem Thurtal und die Sicht auf den Alpstein ist privilegiert.»

Auffallend viele Berger erwähnen die wenigen Ausländer, wenn sie nach den Vorteilen der Gemeinde befragt werden. Tatsächlich ist ihr Anteil mit 13,2 Prozent unterdurchschnittlich. Die acht Asylanten aus Eritrea, die am Ortsrand leben, sind in Berg geduldet.
Wie Georgekutty Kuruvilla (61), den alle nur als Pater Georg der katholischen Kirche kennen. Er lebt seit September 2013 in Berg. Eigentlich hat er sich beim Bistum Chur für eine Stelle in Basel beworben, weil eine Schwester dort seit 35 Jahren lebt. Er wurde aber mit einem Fünf-Jahres-Vertrag in die Ostschweiz gerufen. «It’s a nice place, with good and relaxed people», sagt Kuruvilla in seinem südindisch geprägten Englisch. Er werde in Berg akzeptiert. «That’s a good feeling.» Manchmal werde er auch zum Essen eingeladen, etwa an Weihnachten.

Samuel Scherrer (35) ist Inhaber der Scherrer Medien GmbH, die nach eigenen Angaben das grösste 3-D-Animationsstudio der Schweiz betreibt. Er ist in Berg geboren und aufgewachsen. Auf die Frage, weshalb in Berg die zufriedensten Schweizer wohnen, sagt er: «Wenn die Nachbarn im Nebel sind, haben wir meist Sonne, und bei uns schneit es auch viel mehr. Hier hat man vom Doktor über Schulen und Einkaufsmöglichkeiten alles. Und es gibt auch Lehrstellen.» Er selbst hat eine Lehre als Elektriker absolviert.

Scherrers Frau lebt seit fünf Jahren in Berg, stammt aber aus dem westafrikanischen Togo. «Sie würde das mit den zufriedensten Menschen nicht unterschreiben und findet es in Afrika viel entspannter und lustiger», sagt der Vater von zwei Mädchen. Immerhin: In Berg werde seine afrikanische Frau akzeptiert. Das sei in einem von der SVP dominierten Kanton nicht selbstverständlich. Sie wird sich sagen müssen, dass halt auch die Zufriedenheit immer relativ sei. 

STRASSENUMFRAGE

Was gefällt Ihnen an Berg?

Das Migros-Magazin hat sich in den Strassen der Thurgauer Gemeinde umgehört:

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Daniel Ammann