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14. Oktober 2013

«Berge sind nicht nur Heidiland, sondern auch Quell der Innovation»

Diplomat Benedikt Wechsler bewegt sich auf der Alp genauso geschickt wie auf dem politischen Parkett. Der frühere Kabinettschef von Bundesrätin Calmy-Rey über den Umgang mit Krisen und sein Engagement für das Glarner Bergdorf Braunwald.

Diplomat Benedikt Wechsler Porträtbild
«Diplomatie ist ein Informations- und Beziehungsgeschäft» - Benedikt Wechsler über seinen Beruf. (Bild: Fabian Unternährer)

Benedikt Wechsler, wie problematisch sind die Wikileaks- und Abhörenthüllungen für die Welt der Diplomatie? Es scheint ja, als ob immer irgendwer mithört oder liest.

Die Spionage ist eines der ältesten Gewerbe der Welt, aber mit den neuen Methoden eröffnen sich hier nun ganz andere Möglichkeiten. Das gibt schon zu denken. Die Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit haben sich verschoben, ich sehe das auch bei meinen Kindern und ihrem Umgang mit den sozialen Medien. Es gilt nun herauszufinden, wie wir die Datensicherheit wieder verbessern können, ohne das positive Potenzial dieser Technologien allzu sehr einzuschränken. Bis dahin muss man vorsichtig sein: Wenn man wirklich sicher sein will, dass sich etwas nicht weiterverbreitet, sagt man es nur im persönlichen Gespräch.

Welche Grossbaustellen gibt es derzeit in der Schweizer Diplomatie?

Besonders aktuell sind derzeit sicher die Entwicklungen im Nahen Osten. Für die Schweiz bedeutend ist die Weiterführung des bilateralen Wegs mit der EU — da stehen wichtige Interessen für uns auf dem Spiel. 2014 bis 2015 übernehmen die Schweiz und Serbien den Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE), eine Aufgabe, die viele internationale Themenfelder tangiert: Menschenrechte, Sicherheit, Abrüstung. Dass wir für diesen Vorsitz ein gemeinsames Arbeitsprogramm mit Serbien ausarbeiten konnten, ist eine echte Innovation und auch ein Ergebnis der erfolgreichen Vertrauensbildung der Schweiz auf dem Balkan.

Sie sind ja seit 2012 nur noch Teilzeit im EDA aktiv und beschäftigen sich mit e-diplomacy und Thinktanks. Was machen Sie da genau?

Im angelsächsischen Raum sind Thinktanks ja schon viel länger aktiv und auch einflussreich. In der Schweiz gab es lange nur das Gottlieb-Duttweiler-Institut der Migros, später kam dann Avenir Suisse dazu. Ich fand es immer schade, dass man das Wissen und die Erkenntnisse solcher Organisationen nicht mehr nutzt. Derzeit läuft im EDA ein Pilotprojekt mit dem aussenpolitischen Thinktank «foraus», der für uns interne Konferenzen zu aussenpolitischen Themen organisiert. E-Diplomacy wird von einigen Botschaften auf der Kommunikationsebene schon via Facebook und Twitter betrieben. Wir versuchen derweil, soziale Medien für die diplomatische Arbeit als solche nutzbar zu machen. Zum Beispiel hat das EDA vor wenigen Tagen eine App herausgegeben, die wichtige Texte im Bereich Frauen-Menschenrechte leicht zugänglich macht. Ausserdem entwickeln wir derzeit eine App für die Uno-Generalversammlung in New York, in der wir öffentlich verfügbare Informationen bündeln und für Diplomaten nutzbar machen.

Das Risiko ist vermutlich, dass man sich via Facebook und Twitter viel schneller in die Nesseln setzt, nicht?

Das Risiko besteht. Man muss lernen, richtig damit umzugehen und vielleicht auch mal etwas nicht zu schreiben.

Sind Sie selbst ein erfahrener Twitterer und Facebooker?

Beruflich nicht. Privat bin ich auf Facebook und habe auch ein Twitter-Konto, lese jedoch ebenso gerne ein Buch.

Den Rest Ihrer Zeit setzen Sie sich für Braunwald ein. Weshalb Ihre Passion für den Ort?

Der Ort hat eine besondere Ausstrahlung, und wir waren mit der Familie früher immer dort. Ich habe in Braunwald laufen gelernt und viele Sommer auf der Alp gearbeitet. Vermutlich bin ich einer der wenigen Diplomaten, der weiss, wie man eine Kuh von Hand melkt.

Das können Sie heute noch?

Das Problem bin nicht ich, sondern die Kühe. Die sind das nicht mehr gewohnt, weil sie nicht mehr von Hand gemolken werden. Wir haben heute ein Ferienhaus in Braunwald, und die Alpenregion repräsentiert halt auch einen Teil unserer Identität, sie prägt die Mentalität der Menschen. Wir könnten zudem einiges vom Leben dort oben lernen: Nachhaltigkeit etwa war schon immer selbstverständlich. Und nicht nur ist das Birchermüesli in Braunwald erfunden worden, die erfolgreichsten Snowboarder der Welt fahren mit Snowboards aus Braunwald. Produziert in Handarbeit und mit Hightech von einem ehemaligen Skilehrer. Berge sind nicht nur Heidiland, sondern auch Quell der Innovation.

Ich bin wohl einer der wenigen Diplomaten, der weiss, wie man melkt.

Aber offenbar gehts dem Ferienort nicht so gut, sonst müssten Sie nicht für ihn weibeln.

Leider. In den letzten Jahren sind immer mehr Hotels geschlossen worden, weil immer weniger Gäste kamen. Das wirkte sich negativ auf die Infrastruktur aus, und so entwickelte sich ein Teufelskreis. Vor fünf Jahren dachte ich, dass man dagegen doch etwas tun können müsste.

Und so entstand Ihr Musikhotel-Projekt.

Genau. Braunwald hat die ältesten Musikwochen der Schweiz, dieses Jahr fand die 78. Ausgabe statt. Das Musikhotel soll dem autofreien Ferienort auch sonst wieder Aufschwung geben. Zudem finde ich es schade, dass die vielen guten Schweizer Architekten ihre besten Projekte oft im Ausland realisieren müssen. So fragte ich über einen gemeinsamen Bekannten Peter Zumthor an, dessen Arbeit ich sehr schätze. Er sagte sofort zu, nicht zuletzt wegen des Standorts. So etwas spektakulär Schönes habe er schon lange nicht mehr gesehen, sagte er mir. Ich bin überzeugt, dass dieser Ort zu einem internationalen Anziehungspunkt für nachhaltigen und innovativen Tourismus in den Bergen wird.

Aber offenbar gibt es nun Verzögerungen, weil der Standort umstritten ist.

Wir sind auf guten Wegen, die Verhandlungen mit den Landbesitzern sind in der Schlussphase. Es braucht viele Gespräche, weil die ihr Land nicht einfach so verkaufen wollen, sondern überzeugt werden müssen. Zum Glück — deshalb ist Braunwald noch so schön, wie es ist. So ein Projekt braucht Geduld und Zeit, sicher sechs bis sieben Jahre. Die Stiftung ist erst seit März 2012 am Werk.

Hat Ihr Engagement die Situation des Dorfs schon verbessert?

Na ja, das zu behaupten wäre jetzt etwas vermessen. Aber es hat sich schon ein bisschen was getan. Als vor einiger Zeit im Dorf ein Laden zugegangen ist, haben wir zum Beispiel geschaut, dass wir daraus ein Lesecafé mit Kulturbar machen können. Das hat sich ganz gut angelassen.

Werden Sie Ihr Engagement in Braunwald zulasten der Diplomatie weiter ausbauen?

Letztlich liegt es an den Einheimischen, die Entwicklung voranzutreiben. Von aussen kann man nur ein paar Impulse geben. In zwei Jahren will ich das Engagement wieder stark reduzieren und voll ins EDA zurückkehren. Ziel ist, eine Botschaft im Ausland zu führen, nachdem wir nun bald zehn Jahre in der Schweiz waren.

Diplomatie ist ein Informations- und Beziehungsgeschäft

Benedikt Wechsler (Mitte) 2001 als diplomatischer Berater von Bundespräsident Moritz Leuenberger auf einem Flug nach Stockholm.
Benedikt Wechsler (Mitte) 2001 als diplomatischer Berater von Bundespräsident Moritz Leuenberger auf einem Flug nach Stockholm. (Bild: Keystone/Alessandro della Valle)

Wie wird man Diplomat und welche Eigenschaften braucht es dazu?

Damals war das ein zweijähriges Ausbildungsverfahren, der sogenannte Concours, in dem Fachwissen und persönliche Eignung intensiv getestet und weiterentwickelt wurden. Heute dauert das Verfahren nur noch 15 Monate. Jeder Schweizer Staatsangehörige mit einem abgeschlossenen Studium kann sich dafür bewerben. Wichtig ist auf jeden Fall eine gewisse persönliche Flexibilität, weil man längere Auslandseinsätze hat. Ausserdem sollte man breit interessiert sein und gerne mit anderen Kulturen und Ländern zu tun haben.

Ist Diskretion wirklich so wichtig, wie es das Diplomatenklischee besagt?

Sie ist schon wichtig. Generell sollte man sich als Person nicht zu sehr in den Vordergrund stellen. Es geht darum, für die Sache eine gute Verhandlungslösung zu finden. Letztlich ist Diplomatie ein Informations- und Beziehungsgeschäft, und damit muss man sorgfältig umgehen. Aber die Branche war früher sicher verschlossener als heute.

Was war Ihr grösster diplomatischer Erfolg?

Der Uno-Beitritt war ein grosser Erfolg für das EDA, und daran habe ich gemeinsam mit vielen anderen mitgearbeitet. Besonders stolz waren wir darauf, dass wir mittels Volksabstimmung demokratisch legitimiert beigetreten sind, das hat auch bei den anderen Ländern Eindruck gemacht. Gefreut hat mich auch, dass es im ersten Präsidialjahr von Calmy-Rey 2007 gelungen ist, die 1.-August-Feier auf dem Rütli so zu organisieren, dass wir die zuvor häufigen Störungen durch Rechtsextreme ausschalten konnten. Seither hat es dort auch nie mehr Probleme gegeben.

Welcher war der grösste Misserfolg?

Am Ende war es kein Misserfolg, aber es war ein frustrierendes Detail: Bei der Unterzeichnung der Zürcher Protokolle über die Annäherung von Armenien und der Türkei 2009 war an der Universität Zürich eine feierliche Zeremonie geplant. Wir hatten ein Orchester organisiert, Hillary Clinton war da, ebenso der russische Aussenminister Lawrow und einige andere hohe Politiker. Dann zog sich die Verhandlung immer länger und länger hin, die geladenen Gäste standen rum, das Orchester konnte nicht spielen. Die Einigung folgte so spät abends, dass keine Zeit mehr für die Kultur blieb.

Schwere diplomatische Verstimmungen verursachten etwa die Geiselaffäre mit Libyen 2009 oder der Ärger des chinesischen Präsidenten Jiang Zemin über protestierende Tibeter in Bern 1999. Was passiert in der Diplomatie bei Ereignissen wie diesen?

Bei gewissen Krisen kann die Diplomatie eine Eskalation vermeiden, bei anderen nicht. Dann werden verschiedene Mittel eingesetzt. Im Fall von Libyen wurde eine interdepartementale Taskforce gebildet. Oder beim weltweit oft kritisch aufgenommenen Minarettverbot versuchten wir, den Entscheid zu erklären, in einen Kontext zu setzen und möglichen Schaden abzuwenden. Das aber ohne das Land oder den Volksentscheid zu verleugnen.

Man sieht Sie auf allen Fotos immer mit Fliege. Wieso das?

Die erste Fliege samt Smoking habe ich während meines Studiums von meinem verstorbenen Schwiegervater geerbt. Zudem gibts auch viele gute Architekten, die Fliege tragen, das hat mich vielleicht unterbewusst beeinflusst. Heute habe ich etwa 40 Fliegen. Es ist auch einfacher, wenn man sich beim Essen bekleckert, man hat dann keine ruinierte Krawatte, die man teuer in die Reinigung bringen muss. Und einfacher zu binden ist die Fliege erst noch.