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10. Oktober 2011

«Es gibt eine unschlagbare Koalition der Zersiedler»

Benedikt Loderer ist Gründer der Zeitschrift «Hochparterre» und einer der renommiertesten Architekturkritiker der Schweiz. Der 66-Jährige ist überzeugt: Der Bund muss bei der zukünftigen Raumgestaltung mehr mitreden.

Benedikt Loderer (Foto: Martin Guggisberg)
Stadtwanderer Benedikt Loderer: «Ich bin für die Landschafts-Initiative, weil es so nicht mehr weitergehen kann.»

Benedikt Loderer, Sie leben in Biel. Wie wohnen Sie?

Ich wohne privilegiert, nämlich in einem Altstadthaus, dessen älteste Teile um 1450 gebaut wurden. Ich finde das wunderbar, denn ich bin schon 66 Jahre alt und muss fürs Alter vorsorgen. Ideal ist beim Älterwerden, wenn man in den Finken in die nächste Apotheke gehen kann — so wie ich.

Wie gross ist Ihr Haus?

Ich habe verboten viel Platz: pro Person etwa 70 Quadratmeter.

Das hört sich nicht nach verdichtetem Wohnen an.

Verdichtetes Wohnen hatten wir vor 50 Jahren, als wir pro Person rund 25 Quadratmeter Wohnfläche beanspruchten. Heute beträgt der Durchschnitt 50 Quadratmeter. Das heisst: Wir haben in den letzten 50 Jahren nicht verdichtet, sondern «verdünnt», weil wir mehr Fläche beanspruchen. Dazu kommt, dass sich die Einwohnerzahl von fünf Millionen auf gegen 7,9 Millionen Einwohner erhöht hat. Gestiegene Ansprüche und mehr Einwohner sind die Gründe, weshalb wir heute über verdichtetes Wohnen diskutieren.

Wir haben ‹verdünnt›, weil wir mehr Fläche beanspruchen.

Und wie wohnen wir in Zukunft?

Wenn Sie mir sagen, was der Liter Benzin in 20 Jahren kostet und wie sich die wirtschaftliche Lage entwickelt, beantworte ich Ihnen diese Frage exakt. Gehen wir davon aus, dass die Schweiz in 20 Jahren eine Million mehr Einwohner hat. Das heisst noch lange nicht, dass diese Million so gut lebt wie wir heute.

Gehen wir davon aus, dass die Schweiz in 20 Jahren eine Million mehr Einwohner hat.

Das heisst noch lange nicht, dass diese Million so gut lebt wie wir heute.

Welches Szenario ist für Sie wahrscheinlich?

Wenn die Wirtschaft floriert, wird sich das beim Wohnen auswirken. Wir leiden denn auch nicht an Wohnungsnot. Herr und Frau Schweizer haben ganz einfach viel Geld und legen immer mehr davon in Wohnraum an.

Was zur Zersiedelung führt.

Zersiedelung ist ein ästhetisches Argument. Dadurch wird das Land sicher nicht schöner. Die Gesellschaft hat jedoch beschlossen, dass uns das egal ist.

Manche mögen argumentieren, dass Zersiedelung in urbanen Gebieten schön sein kann.

Ja, vielleicht in Altstädten, wenn wir in den Ferien sind. Aber dort, wo wir wirklich wohnen, nämlich in der Agglomeration, haben wir einzig an die Landschaft einen Schönheitsanspruch, nicht aber an die Siedlung.

Diese schöne Landschaft verschwindet in der Schweiz. Zwischen 1983 und 2007 wurden rund 600 Quadratkilometer zugebaut.

Genau dann werden die Leute nervös: Wenn sich die Umgebung vor ihrer Haustür vom Postkartenidyll in eine Agglomeration verwandelt. Der Einfamilienhausbesitzer beklagt sich, dass der Nachbar ein «Hüsli» baut und ihm so ein Stück Natur wegnimmt.

«Das Auto ist der Träger, der die fatale Agglokrankheit eingeschleppt hat», schreiben Sie in einem Beitrag.

Klar. Das Auto hat uns ermöglicht, grössere Distanzen zwischen Wohn- und Arbeitsortzurückzulegen. Wenn wir ein Autobahnnetz bauen, ist es uns möglich, im gleichen Zeitraum nicht 15, sondern eben über 100 Kilometer zurückzulegen und entsprechend auf dem Land zu bauen.

Wäre die Landschafts-Initiative, die 2013 zur Abstimmung kommt und eine Plafonierung der Bauzonen und mehr Kompetenzen für den Bund bei der Raumentwicklung fordert, eine Lösung, um die Zersiedelung zu bremsen?

Es ist unabdingbar, dass der Bund mehr Kompetenzen erhält, weil gerade die Bergkantone bei der Umsetzung des Raumplanungsgesetzes schlampen. Für sie heisst Entwicklung Bauen. Dabei gibt es eine unschlagbare Koalition der Zersiedler: Der Bauer verdient, wenn aus seinem Stück Land Bauland wird, beim Überschreiben kassiert der Notar, danach verdient der Hausarchitekt am Projekt und jeder Handwerker, der am Haus arbeitet. Die Banken nehmen dank ihren Hypotheken Geld ein, und letztlich profitiert der Eigentümer, weil er in seinem eigenen «Sparsäuli» wohnt. Kurz: Die Zersiedlung ist ein grossartiges Geschäft für alle. Die Bauwirtschaft in den Tourismusorten lebt fast nur davon.

Jürg Schmid kann als Direktor von Schweiz Tourismus an dieser Entwicklung keine Freude haben, wird doch so die Attraktivität des Ferienlands Schweiz geschmälert.

Ja, aber diejenigen, die ein Haus wollen, sehen das ganz anders. Es geht niemand nicht nach Zermatt, nur weil es dort eine hässliche Ansammlung von Chalets gibt. Alle wollen auf Teufel komm raus nach Zermatt, obwohl dort die Chalets wie Bauklötze stehen.

Die Zersiedlung ist ein grossartiges Geschäft für alle.

Sie sind für die Landschafts-Initiative?

Jawohl, weil es so nicht mehr weitergehen kann. Die Politik ist nervös und bastelt nun an einem Gegenvorschlag.

Was halten Sie vom Raumkonzept Schweiz zur zukünftigen räumlichen Entwicklung unseres Landes?

Es will ja weniger Bauland verschwenden. Das Konzept ist ein Versuch, die Schweiz so zu sehen, wie sie wirklich ist.

Was meinen Sie damit?

Wir haben eine politische Organisation, die 1848 geboren wurde. Wir haben Gemeindegrenzen, von denen die meisten im Spätmittelalter festgelegt wurden, und wir haben auch eine Gesetzgebung, die nach dieser Zeit funktioniert. Aber unterdessen hat sich die Schweiz komplett verändert. Zwei Drittel der Einwohner leben in der Agglomeration. Beim Raumkonzept Schweiz versucht nun der Bund zum ersten Mal, dem realistisch Rechnung zu tragen. Aber es ist nur ein schönes Stück Papier, denn der Bund hat beim Umsetzen keinen Handlungsspielraum. So gesehen ist das Raumkonzept eine grosse Papierübung.

Hat die Politik versagt?

Ich wäre schon froh, wenn wir das Raumplanungsgesetz umsetzen würden und etwa dafür sorgen, dass die Bauzonen nicht grösser sind als unser Bedarf für die nächsten 15 Jahre. Aber die Koalition der Zersiedler ist ganz anderer Meinung.

Was denken Sie über internationale Städte wie Dubai?

An Dubai glaube ich nicht. In 100 Jahren werden wir dort Neuruinen betrachten, weil das Konzept nur funktioniert, solange man Dubai mit dem Flugzeug erreichen kann.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Martin Guggisberg