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02. März 2015

Bekenntnisse im Pissoir

Klebereien auf den Pissoirs
Klebereien auf den Pissoirs...

Warum? Warum bloss müssen Menschen überall markieren? In den Sportferien fiel es mir auf: Keine Gondel, an deren Innenwand nicht jemand einen Reklamesticker für eine Spezialität namens «Mammutkäse» geklebt hätte, keine Sessellifthaube, an der nicht ein Logo des FC Basel haften würde. Was treibt die Menschen zum dauernden Markieren an, denke ich und will die Frage gerade umformulieren: «Was treibt Männer an, wie pinkelnde Hunde zu markieren», denn es sind doch wohl stets männliche Wesen, die diesen Drang verspüren – da klaubt eine junge Frau neben mir ein Abziehbild mit dem Symbol der FCZ­«Südkurve», einer gereckten Faust, aus der Daunenjacke und überklebt damit dasjenige, das zuvor Basel-Fans hier angebracht haben.

Bänz Friedli
Bänz Friedli (49) / Bild

Vollgekleistert dann das Pissoir in der Snowboarderbeiz: Zwei DJs namens Soulinus und Le Frère machen auf sich aufmerksam. Die «Lozärner Kracher», vermutlich eine Guggenmusik, lassen uns wissen, dass es sie gibt. Ein auf Snow- und Skateboards spezialisierter Onlineshop buhlt um Kundschaft, was an diesem Ort ja noch Sinn macht. Aber erhofft sich der Betreiber des «Studio Tatuazu» im 1400 Kilometer entfernten Warschau wirklich tätowierwillige Klientel, wenn er irgendwo in den Bündner Bergen seine Werbung anbringt? Und was hat der Anhänger des 1. FC Köln davon, dass er sich hier an der verpinkelten Wand zu seinem Verein bekennt?

Ich kann ja noch verstehen, wenn sich Menschen in den USA, um sich in ihrem breiten, weiten Land nicht zu verlieren, immerzu verorten, indem sie sich zum Baseballteam der lokalen Highschool bekennen und einen übergrossen Sticker der «Mercer County Titans» ans Heck ihres übergrossen Geländewagens kleben. Nicht einfach zur presbyterianischen Kirche bekennt sich der Amerikaner, sondern zur First Presbyterian Church in Jackson, Mississippi, und nur zu ihr. Zu allem und jedem bekennt er sich, zu laschen Waffengesetzen, zur Radiostation WWOZ New Orleans, zu Barack Obamas letztem Herausforderer. Und ein Bekenntnis ist erst eines, wenn es grossbuchstabig am Auto klebt, seis auch bloss die Bemerkung, wenigstens im eigenen Wagen dürfe der Fahrer noch rauchen: «At least, I can smoke in my car.»

Aber fängt das bei uns jetzt auch an? Muss jeder «Lozärner Kracher», jede CVP-Wählerin, jeder Veganer der Welt kundtun: «Ich bin dann auch noch da»? Es passt vermutlich in eine Zeit der Selfies, da jeder der Mitwelt immer gleich mitteilen muss, wo er sich gerade befindet.

Und habe, ehrlich gesagt, nicht auch ich eben am Skilift ein Selbstbildnis geschossen und es sogleich auf Facebook herumgezeigt?

Bänz Friedli live: 4. 3. Frick AG, «Monti».

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli